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Vor dem Bahnforum Fulda-Gerstungen: Bebras GDL-Ortsgruppenchef rechnet nicht mit ICE-Halt in Bad Hersfeld

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Von: Clemens Herwig

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Hört auf: GDL-Ortsgruppenchef Thomas Mühlhausen, hier mit dem Originalschild einer E-Lok, das er zum Abschied bekommen hat, an seiner alten Ausbildungsstätte Lokschuppen I in Bebra.
Hört auf: GDL-Ortsgruppenchef Thomas Mühlhausen, hier mit dem Originalschild einer E-Lok, das er zum Abschied bekommen hat, an seiner alten Ausbildungsstätte Lokschuppen I in Bebra. © Herwig, Clemens

45 Jahre Thomas Mühlhausen der Bahn gewidmet, als Lokführer, Betriebsrat und Gewerkschafter. Nun bremst den 61-Jährigen die eigene Gesundheit aus. Wir haben mit ihm unter anderem über die nahende Entscheidung zum Verlauf der geplanten Neubaustrecke Fulda-Gerstungen durch den Landkreis gesprochen.

Herr Mühlhausen, würden Sie sagen, dass Sie ein pünktlicher Mensch sind?

Ja, das ist meinem Vater geschuldet, der seit jeher hohen Wert auf Pünktlichkeit gelegt hat – obwohl er kein Eisenbahner ist. Aber im Job bei der Eisenbahn muss man pünktlich sein, da ist eine Uhr unumgänglich.

Der etwas augenzwinkernde Hintergrund der Frage ist, ob 45 Jahre bei der Bahn ihre Spuren hinterlassen haben. Das Unternehmen hat sich mittlerweile einen fast sprichwörtlichen Ruf zur Verspätungen erarbeitet.

Wir waren früher auch nicht viel pünktlicher. Aber oft wird eben etwas gesucht, an dem man sich reiben kann, und dann fällt die Wahl auf die zugegeben ärgerlichen Verspätungen. Mein Anspruch als Lokomotivführer war immer: Mir ist es egal, was ich für einen Zug bewege, Hauptsache ich halte den Fahrplan ein. Nur mit Pünktlichkeit stellt man sicher, dass die Transportkette funktioniert.

Die Bahn gilt immer mehr als „grünes“ Verkehrsmittel im Güterbereich. Ist das nicht auch eine Chance?

Wir brauchen dann aber auch andere Vorgaben. Ich hatte gedacht, wenn die Lkw-Maut kommt, verlagert sich der Güterverkehr mehr auf die Schiene. Das ist nicht passiert. Dabei kann ein Lokführer problemlos 52 Lkw-Ladungen transportieren. Früher hatte die DB tausende Güterverkehrsstellen, von denen aus Kunden bedient wurden. Heute sagt mein ehemaliger Arbeitgeber: Wir haben 4500 in Europa. Das hatten wir mal allein in Deutschland. Die Politik muss entscheiden, dass bei langen Transportwegen andere Verkehrsmittel, als der Lkw genutzt werden. Da haben wir das Binnenschiff, ganz klar, aber auch die Bahn könnte sinnhafter transportieren. Dafür brauchen wir aber mehr Kapazität, und das bedeutet: mehr Gleise. Heute hat kaum ein Unternehmen noch Lagerflächen, wir brauchen daher Puffer für Just-in-time-Lieferungen, bei denen im Endeffekt ja nur Lagerfläche auf die Straße und die Schiene verlegt wird.

Mehr Gleise werden auch für den Landkreis geplant: Die Suche der Bahn nach der Trasse für die Neubaustrecke Fulda-Gerstungen nähert sich dem Ende. Am Freitag soll die Vorzugsvariante vorgestellt werden – und damit auch der mögliche Fernverkehrshalt. Welcher wird‘s?

Ich vermute ganz stark, dass die grüne Wiese der Vorschlag der DB wird. Zum Einen würde dort komplett neu gebaut, was für die Bahn kostengünstiger ist. Außerdem soll der Güterverkehr im Fulda- und im Haunetal entlastet werden und muss daher früh auf die Schnellfahrstrecke. Dafür muss man nah an Bebra heran. Wenn ich erst alles durch Bad Hersfeld schicke, den Fernverkehr und den Güterverkehr, habe ich dort einen Flaschenhals. Zwischen Bebra, Blankenheim und Bad Hersfeld wäre dann auf zehn Kilometern so eine Verkehrsverdichtung, dass die Bahn sagen wird: Das funktioniert nicht.

Viele im Landkreis sehen das als die schlechteste Lösung.

Es fehlt das Verkehrskonzept, aber das fehlt auch für Bad Hersfeld. Wie komme ich von der Kreisstadt mit dem bestehenden Nahverkehr weiter, das ist die erste Frage. Und die zweite: Wo bringe ich den Individualverkehr unter, der in Bad Hersfeld auf den Fernverkehr umsteigen will.

Sprich: Wo parken die Pendler?

Auch das. Zu einem gemeinsamen „Was wollen wir“ gehört auch ein „Was können wir“. Ich bin jahrelang selbst mit dem Pkw nach Bad Hersfeld gefahren. Morgens zwischen 6 und 8 Uhr ist viel Verkehr beim Reinkommen in die Stadt. Als Pendler will ich aber die Sicherheit haben, dass ich pünktlich am Zug bin. Also fahre ich früher los und verbrauche den Fahrzeitgewinn schon auf dem Weg zum Bahnhof. Die Infrastruktur müsste daher umgestaltet werden.

Der Halt wird oft als Heilsbringer verkauft. Wissen die Bad Hersfelder, was etwa beim Lärm auf sie zu kommt?

Das bezweifle ich. Eine Medaille hat immer zwei Seiten, und man sieht derzeit nur die Seite, die wunderschön glänzt. Das wäre für den Fernverkehrshalt Bebra aber genau so gewesen. Pendler belegen in der Hauptverkaufszeit für Stunden Parkplätze in Bahnhofsnähe. Die Frage ist: Kaufen sie dann zumindest abends auf dem Heimweg noch in Bad Hersfeld ein? Außerdem wird der Güterverkehr durch die Stadt deutlich mehr werden. Das wird bei den Befürwortern im Beteiligungsforum oft ausgeblendet. Auf der Ost-West-Richtung hat sich Fulda zu einem Umschlagplatz für Personal von privaten Eisenbahnverkehrsunternehmen entwickelt. Der würde sich vermutlich zumindest zum Teil nach Bad Hersfeld verlagern, was zur Folge hätte, dass dort mehr Züge anhalten und wieder anfahren. Das ist mit Lärm verbunden, jeder Zug, der anhält, muss bremsen. Man muss allerdings auch sagen: Die Lärmbelastung hat sich durch Flüsterbremsen erheblich reduziert. Ein Güterzug ist fast so leise wie ein Cantus. Die Krux dabei sind noch die Wagen aus dem Ausland, die keine Flüsterbremsen haben.

Sie selbst hatten Bebra als Fernverkehrshalt ins Spiel gebracht, die Eisenbahnerstadt lag zunächst nicht einmal im Suchraum der Bahn. Warum?

Ich habe mir gesagt: Wenn es wirklich darum geht, eine schnellere Verbindung von Ost nach West zu bekommen: Wo gibt es eine sinnhafte Anbindung an bestehende Infrastruktur? Beim reinen Schnellzugverkehr ist das Bebra. Die Bahn lehnt das unter anderem damit ab, dass der aus dem Norden kommende Güterverkehr in Bebra „Kopf machen“, also die Fahrtrichtung ändern müsste. Wenn ich die Züge aber schon auf die Schnellfahrstrecke in Göttingern bringe, müssten sie sich erst gar nicht bei Cornberg über den Berg quälen und hinter Bebra auf die Schnellfahrstrecke gehen. Ich habe den Vorschlag Bebra aber nie als Konkurrent für Bad Hersfeld gesehen, sondern als Alternative.

Hat sich der Nordkreis zu spät und für den Standort Bebra starkgemacht?

Ich habe bei den Beteiligungsforen gemerkt: Als der erste Trassenvorschlag für das Rohrbachtal kam, haben viele sehr schnell gesagt: Das wollen wir nicht. Es war ein riesen Aufruhr, was für den Nordhessen untypisch ist, der eher nicht sofort auf die Barrikaden geht. Dieses Potenzial, für den Halt zu werben, hat man in Bebra und Rotenburg zu spät erkannt und ist nicht geschlossen genug aufgetreten. Der Zug war schon abgefahren. Viele sind erst am Bahnsteig angekommen, als das rote Licht des letzten Wagens schon fast um die Ecke verschwunden war. Die konnten dann nur noch hinterherwinken.

Ende März geben Sie den Vorsitz der Bebraer GDL ab, sie waren länger Chef der Ortsgruppe als Angela Merkel Kanzlerin. Kritiker sagen, für eine kleine Gewerkschaft haben die Lokführervertreter zu viel Macht. Was ist dran?

Wenn die Post eine Betriebsversammlung macht, kommen Sie an den Schalter und da hängt ein Schild: „Heute geschlossen“. Dann drehen Sie sich wieder um und gehen heim. Wenn wir als GDL sagen, wir lassen den Zug stehen, ist der Aufschrei immer riesengroß. Es heißt dann oft: Wir streiken zur unpassenden Zeit. Die Medien berichten, wie der Verkehr in ganz Deutschland betroffen ist und die Industrie kurz vor dem Kollaps steht. Keiner komme mehr nach Hause oder kann seine Tante Erna besuchen. Damit sollte aber doch auch jedem bewusst werden, was die Kollegen täglich leisten. Ich gebe Ihnen in soweit Recht: Wenn es heißt, wir wollen streiken, stehen wir zusammen. Und das nicht vor irgendeinem Werkstor, wo es Kaffee gibt und Fähnchen geschwenkt werden. Das tut dann einfach weh.

Bahnforum

Die Bahn plant den Neubau einer Strecke zwischen Fulda und Gerstungen. Seit 2018 wird der Prozess in Hersfeld-Rotenburg von einem sogenannten Beteiligungsforum begleitet. Am kommenden Freitag, 11. März, soll dort der geplante Verlauf durch den Landkreis präsentiert werden, der nach einem umfassenden Vergleich möglicher Strecken entstanden ist. Als ICE-Halt im Gespräch waren zuletzt noch Bad Hersfeld sowie ein Neubau ohne vorhandene Infrastruktur auf der „grünen Wiese“ bei Mecklar oder Unterhaun.

Von Clemens Herwig

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