Vorgesetzte sind in der Pflicht

3G und Home Office fordert Arbeitgeber im Kreis Hersfeld-Rotenburg heraus

Symbolbild Home Office
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Wegen der Corona-Pandemie müssen viele ihren Arbeitsplatz schon wieder vom Büro nach Hause verlegen. (Symbolbild)

Am Arbeitsplatz gelten seit Donnerstag verschärfte Regeln. Wir haben bei Amazon, Vitesco, Sparkasse, Landratsamt und bei der Gemeinde Wildeck nachgefragt.

Hersfeld-Rotenburg – Aufgrund der 3G-Pflicht müssen jeden Tag alle Ungeimpften Tests vorlegen und die Home-Office-Pflicht heißt, dass wirklich alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die betrieblich zu Hause arbeiten können, auch zu Hause bleiben müssen. Für die großen und kleinen Arbeitgeber im Landkreis erhöht das den Aufwand – es scheint aber zu funktionieren. So stellen es zumindest die von unserer Zeitung stichprobenartig befragten Akteure dar.

So berichten die Sprecher von Amazon, Vitesco (ehemals Conti) und Sparkasse, dass es durch die allmorgendlichen Tests beziehungsweise durch deren Kontrolle nicht zu nennenswerten Verzögerungen im Arbeitsablauf kommt. Hans Wilhelm Saal, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, nimmt kurz und knapp Stellung: „Leichter wird es für die Unternehmen nicht. Alles muss dokumentiert und umgesetzt werden. Und das wird es auch. Vor der Fahrt zur Baustelle morgens wird getestet. Das schaffen wir jetzt auch noch und hoffen, dass wir im Frühjahr aus dem Schlamassel raus sind.“

Nicht nur ein Angebot, sondern Pflicht

Das überarbeitete und seit Donnerstag geltende Bundesinfektionsschutzgesetz trifft klare Aussagen zu 3G und Home Office: Der Zutritt zur Arbeitsstätte ist nur mit 3G-Nachweis erlaubt. Ungeimpfte sind selbst für ihre Tests verantwortlich – wenn Arbeitgeber das vor Ort selbst anbieten, tun sie das freiwillig. Und jedem Beschäftigten, bei dem es betrieblich möglich ist, muss der Arbeitgeber Home Office anbieten – und die Arbeitnehmer können das Angebot nur aus guten Gründen ablehnen.

Kritischer gibt sich Wildecks Bürgermeister Alexander Wirth. Dabei geht es ihm nicht um seine eigenen Angestellten, sondern um Grundsätzliches. „Meine Vermutung ist, dass die 3G-Pflicht dazu führt, dass Ungeimpfte nun häufiger krank machen. Die neuen Maßnahmen sind nicht zu Ende gedacht.“ Denn es müssten eben nicht nur ungeimpfte feste Angestellte Tests vorweisen, sondern auch ein Hausmeister, der sonntags allein in ein Dorfgemeinschaftshaus geht. „Wer soll das kontrollieren?“, fragt Wirth. Er nimmt die Widersprüche und zusätzlichen Herausforderungen aber gerne in Kauf, wenn sie zu mehr Impfungen führen, sagt er. Und natürlich müsse man alles dafür tun, die Corona-Lage zu entschärfen. Bezüglich der Home-Office-Pflicht hat er festgestellt, dass die Mitarbeiter eigentlich gar nicht mehr zu Hause arbeiten wollen. Das liege zum Beispiel daran, dass es in den eigenen vier Wänden eben schwerfalle, Privates und Job zu trennen.

Die Verantwortung für die Umsetzung von Home Office und 3G haben alle befragten Unternehmen in die Hände der jeweiligen Abteilungsleiter gelegt. Die führen dann gegebenenfalls auch die Gespräche über die Sinnhaftigkeit von Impfungen. Und auch wer wirklich zu Hause arbeiten kann, können sie am besten einschätzen.

Bei allem Aufwand verstehen die Arbeitgeber im Landkreis die Notwendigkeit von Home Office und 3G am Arbeitsplatz – zumindest die, die unsere Zeitung stichprobenartig befragt hat.

„Wir erhöhen dadurch ja auch die Sicherheit im Betrieb. Für unsere Angestellten ebenso wie für unsere Kunden“, sagt Sparkassen-Pressesprecher Wolfgang Kurth. Deswegen strebt die Sparkasse nun ab heute sogar in allen Filialen an, dass auch die Kunden 3G-Nachweise vorlegen – auch wenn sie dazu nicht verpflichtet sind. Aber schließlich erhöhe man so auch für die Kunden noch einmal die Sicherheit, meint Curth.

Amazon-Sprecher Michael Schneider gibt an, dass das Unternehmen weltweit bislang mehr als 15 Milliarden Dollar in die Sicherheit der Mitarbeiter investiert habe – dabei ist der Konzern auch teilweise über gesetzlich Vorgeschriebenes hinausgegangen. Und Amazon bietet auch als einer der wenigen großen Arbeitgeber selbst morgendliche Tests für die ungeimpften Arbeitnehmer an.

Wildecks Bürgermeister Alexander Wirth betont: „Wir müssen alle gemeinsam alles dafür tun, dass die Corona-Lage sich nicht weiter verschärft.“ Dazu gehöre im Zweifelsfall auch einmal, eigentlich unverhältnismäßig aufwendige Maßnahmen umzusetzen, wie das vor allem bei der 3G-Pflicht bei kleineren Arbeitgebern der Fall sei.

Weniger problematisch – zwar sehr wohl psychisch, aber nicht in der Umsetzung – sehen Wirth sowie Amazon, Vitesco (ehemals Conti), die Sparkasse und das Landratsamt das Home Office. Allerdings antwortet ausgerechnet das Landratsamt wesentlich schwammiger auf unsere Anfrage, als das Gesetz formuliert ist. „Grundsätzlich kann jeder Mitarbeitende, dessen Arbeitsplatz beziehungsweise Tätigkeit es zulässt, auch ins Home Office gehen“, heißt es aus der Pressestelle. Das Bundesinfektionsschutzgesetz fordert aber, dass Home Office den Beschäftigten ermöglicht werden muss. Die einzige Einschränkung ist, dass es betrieblich umsetzbar sein muss. Über die Praxis von Home Office sprechen die Fachdienstleiter mit den Angestellten. Nicht möglich ist es etwa in Bürgerservicebüros, beim Schulpersonal und in der Zulassungsstelle.

Die Sparkasse hat zwar technisch die Voraussetzungen für Home Office – für den größten Teil der Mitarbeiter ist es aber betrieblich eben nicht möglich. Sobald es um Kundenkontakt geht und das Bankgeheimnis berührt ist, darf man zum Beispiel nicht in der Küche arbeiten, wo der Partner oder die Partnerin gerade kocht, erklärt Pressesprecher Kurth. Es darf auch theoretisch nicht möglich sein, dass jemand die Kundendaten sieht. Dabei geht es weniger um die IT-Sicherheit. Die ist laut Kurth gewährleistet. Die Sparkasse behilft sich aber auch auf eine andere Weise: Sie nutzt leerstehende Räume, die es in mehreren Filialen gibt, damit nicht zu viele Personen auf engem Raum arbeiten.

Vitesco in Bebra hat laut Pressesprecherin Emerenz Magerl-Ziegler alle Mitarbeiter, deren Tätigkeitsbereiche es zulassen, dazu aufgefordert, ins Home Office zu gehen. Nicht möglich ist das natürlich in der Produktion. Dort würden, so die Vitesco-Sprecherin, von den Angestellten täglich Checklisten zur Selbstbewertung bezüglich relevanter Symptome ausgefüllt. Im Zweifelsfall gehe man immer auf Nummer sicher. (Christopher Ziermann)

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