Expertin klärt im Interview auf

Zum Weltnichtrauchertag am 31. Mai: Darum fällt das Aufhören so schwer

Dr. Heike Hinz Foto: Schaffner

Hersfeld-Rotenburg. Viele Raucher würden lieber auf Zigaretten verzichten. Warum sie es dennoch nicht tun und wie man sich dieses Laster abgewöhnen kann, darüber sprachen wir mit Dr. Heike Hinz.

Sie ist Chefärztin der AHG Kliniken Wigbertshöhe in Bad Hersfeld und Richelsdorf, in denen Suchtpatienten behandelt werden.

Warum ist es so schwer, das Rauchen aufzugeben, wenn man es eigentlich lieber lassen würde?

Dr. Heike Hinz: Nikotin hat ein hohes Suchtpotenzial und damit eine hohe Abhängigkeitswirkung. Der Raucher raucht gegen die Entzugssymptome an, sein Gehirn verlangt danach. Es ist einfach toll, wenn mit der Zigarette der Suchtdruck nachlässt, dann geht es dem Raucher gut. Ohne Zigarette geht es ihm richtig schlecht, und das lässt erst nach Tagen oder Wochen nach.

Weshalb schrecken die Warnhinweise auf den Packungen Raucher nicht ab?

Hinz: Es ist nicht so einfach aufzuhören, denn der Suchtdruck ist groß. Die Aufdrucke auf den Packungen führen manchmal eher zu Galgenhumor. Außerdem ist Angst selten ein guter Helfer. Sie motiviert nicht zu Veränderungen. Stigmatisierungen sind da hilfreicher, zum Beispiel, wenn der Raucher vor der Tür in der Kälte rauchen muss. Das ist unangenehm, auch peinlich, und das hilft beim Aufhören. Die Aufdrucke aber können denjenigen helfen, die noch nicht rauchen, erst gar nicht anzufangen.

Gibt es eine körperliche Abhängigkeit vom Nikotin oder handelt es sich schlicht um eine Gewohnheit?

Hinz: Es handelt sich nicht um eine einfache Gewohnheit, die man sich in zwei Wochen abgewöhnen könnte wie etwa den übermäßigen Salzkonsum. Nikotin macht abhängig. Wie gesagt: Das Suchtpotenzial ist sehr hoch.

Ist es besser, gleich einen harten Schnitt zu machen und aufzuhören, oder reduziert man am besten zunächst den Konsum?

Hinz: Gelegentlich mal eine Zigarette, das triggert die Sucht noch an oder man quält sich bis zur nächsten Zigarette. Ein System zur Rauchreduktion, etwa morgens, mittags und abends eine Zigarette zu rauchen, kostet viel Mühe und Willenskraft. Es ist leichter, gleich ganz aufzuhören. Diese Erfahrung habe ich auch ganz persönlich gemacht.

Welche Methoden der Raucherentwöhnung versprechen am meisten Erfolg?

Hinz: Am wichtigsten ist der Beschluss aufzuhören, und es dann auch zu tun. Dabei hilft eine sinnvolle Motivation: bei sportlich Aktiven zum Beispiel die sinkende Leistungsfähigkeit, das Husten am Morgen, der unangenehme Geruch in den Kleidern. Gruppen helfen, Bücher, Akupunktur: Es gibt viele Methoden. Wenn sie teuer sind, sind sie manchmal besser, denn dadurch steigt der Erfolgsdruck. Auch Beratungsstellen, die Krankenkassen oder Kurse der VHS helfen. Entscheidend ist: Ich will das jetzt und halte es durch.

Was halten Sie von Hilfsmitteln wie Pflaster oder Kaugummis?

Hinz: Sie machen wenig Sinn. Manchen hilft es, aber meiner Ansicht nach erschwert man sich das Ganze. Das Pflaster sorgt für einen gleichmäßigen Nikotinspiegel, die schädlichen Inhaltsstoffe im Rauch fehlen zwar, aber der Kick fehlt auch. Letztendlich ist Aufhören am besten. Mir selbst hat das Kauen von Kürbiskernen mit Schale geholfen. Ansonsten ist Essen als Ersatz ungünstig, denn es macht dick.

Wann ist professionelle Hilfe beim Abgewöhnen ratsam?

Hinz: Es ist immer ratsam, sich Hilfe zu holen. Es gibt keine Zigarettenmenge, die nicht schädlich wäre. Beim Rauchen birgt jede einzelne Zigarette ein Risiko - da die krebserregenden Stoffe auch in geringen Mengen ihre schädigende Wirkung ausüben. Das wissen wir gut von den sogenannten Passivrauchern, die nur den Rauch der anderen einatmen, ohne selbst zu rauchen, und trotzdem erkranken.

Manch einer wird sich sagen, nach 20 oder 30 Jahren Raucherkarriere ist es sowieso zu spät aufzuhören.

Hinz: Das ist falsch. Es ist nie zu spät. Auch wer mit 50 oder 60 Jahren aufhört, hat nach zehn Jahren Abstinenz schon ein erheblich vermindertes Risiko. Besser ist es allerdings, so früh wie möglich aufzuhören oder gar nicht erst anzufangen.

Zur Person

Dr. Heike Hinz stammt aus Hamburg. Sie ging dort zur Schule und studierte Medizin und Psychologie. Die Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie sowie für Allgemeinmedizin ist seit 1990 Chefärztin der AHG-Klinik in Richelsdorf, seit 1998 auch der AHG-Klinik Wigbertshöhe in Bad Hersfeld. Heike Hinz lebt in Eschwege und beschäftigt sich in ihrer Freizeit gerne mit ihrem Hund, liest oder geht auf Reisen. Sie ist verheiratet und hat keine Kinder.

Lesen Sie mehr zu diesem Thema in der gedruckten Ausgabe der Rotenburg-Bebraer Allgemeinen.

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