Ein morgendlicher Streifzug durch den erwachenden Wald im Haunetal

Wenn die Füchse Kaffee kochen

Die Holzernte war ertragreich, auch wenn der Borkenkäfer dem Wald zugesetzt hat.
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Die Holzernte war ertragreich, auch wenn der Borkenkäfer dem Wald zugesetzt hat.

In der Serie „Endlich Frühling“ berichten wir über Frühlingsgefühle und Frühlingsboten, über Tipps und Trends in der schönsten Jahreszeit. Heute: das Frühlingserwachen im Wald.

Haunetal – Langsam steigt die Morgensonne über die Gipfel des Kegelspiels. Noch wabert der Frühnebel in den Tälern. Es ist kurz nach sechs Uhr, aber die Vögel sind schon lange wach. Sie zwitschern ihr Morgenlied in den Wipfeln der Buchen, an deren Ästen hier oben auf dem Stoppelsberg auf 500 Metern gerade erst das zarte Grün des Frühlings hervorsprießt.

Annie ist aufgeregt. Sie freut sich über den morgendlichen Spaziergang im Wald. Überall schnüffelt die Steirische Rauhaarbracke, sie wittert die anderen Bewohner des Waldes. Ihr „Herrchen“ Sebastian Keidel ist an diesem Morgen früh unterwegs zu „seiner Burg“, wie der Forstamtsleiter von Burghaun die Ruine von Burg Hauneck im Wald bei Oberstoppel schmunzelnd nennt.

Das alte Gemäuer gehört dem Land und Hessen Forst ist für die Instandhaltung zuständig. Weit geht der Blick über die Wipfel der Bäume. Hier oben versteht man, warum diese Region auch Waldhessen heißt. Für Keidel und seine Kollegen ist die Ruine ein Kraftort. „Hier genießen wir einfach die Natur.“ Denn auch der Förster von heute verbringt immer mehr Zeit im Büro am Computer.

Auf Försterdeutsch heißt der Wald rund um die Burgruine „Naturwaldentwicklungszone“ – hier wächst der Urwald von morgen. Elf Prozent des hessischen Staatswaldes sind stillgelegt. Wenn hier ein Baum im Sturm fällt, dann bleibt er liegen. „Auch Totholz lebt“, sagt Keidel, denn auf den alten Stämmen finden Käfer und Insekten Nahrung und Obdach. „Kadaververjüngung“ nennen das die Forstleute.

„Für mich ist jede Jahreszeit im Wald schön, aber der Frühling hat etwas Besonderes“, sagt der 41-jährige studierte Forstwissenschaftler. Nur jetzt wächst auf dem nährstoffreichen Boden das Waldbingelkraut. Später im Jahr schluckt dann das Blätterdach der Buchen das meiste Sonnenlicht.

Annie spitzt ihre feinen Ohren. „Der Wald verrät über die Geräusche sehr viel“, sagt Keidel. Was wie ein fernes Bellen klingt, ist ein „schreckendes“ Reh, ein Wildschwein „bläst“, wenn es seinen Nachwuchs schützen will. Und „wenn ein Dachs schreit, dann läuft es einem zuweilen eiskalt den Rücken runter“. Ein paar Hasen hoppeln vorwitzig über den Weg, die anderen Tiere bleiben im Unterholz verborgen. Nur ihre Spuren im schlammigen Boden lassen erahnen, wer sich hier sonst herumtreibt. Wildschweine, Rehe, sogar die putzigen Pfoten eines Waschbären sind zu sehen.

Im Frühling ist der Wald auch eine Kinderstube: Vögel balzen und brüten. Hasen haben im März und April ihre ersten Jungen. Auch kleine Füchse werden im April und Mai geboren, sie erscheinen aber meist erst im Mai außerhalb des Baues, erklärt Keidel. Auch Frischlinge und Rehkitze kommen im Frühling zur Welt, und es ist die Laichzeit von Amphibien.

Damit die Bewohner des Waldes nicht zu viele werden, gehört auch die Jagd zu den Aufgaben des Försters. Rund 800 Rehe werden allein im Forstamt Burghaun jedes Jahr „zur Strecke gebracht“, dazu 200 bis 300 Wildschweine. Für Sebastian Keidel ist die Jagd keine Arbeit. Mehrmals in der Woche zieht er los, zuweilen auch in Begleitung seiner Kinder, die die Notwendigkeit der Jagd bereits einsehen. „Wild ist ein absolutes Biolebensmittel“, sagt der Forstamtsleiter, „die Tiere haben immer frei gelebt und finden einen schnellen, schmerzfreien Tod.“

Doch an diesem Morgen bleibt die Flinte im Waffenschrank. Inzwischen ist die Sonne höher gestiegen und bringt mit ihren warmen Strahlen den feuchten Waldboden zum Dampfen. „Meinen Kindern sage ich immer, da kochen die Füchse jetzt Kaffee“, erzählt Sebastian Keidel schmunzelnd.

Nach dem Abstecher zur Burg Hauneck geht es nun aus dem Urwald in den Wald von morgen. Bei Siegwinden hat der Borkenkäfer ganze Arbeit geleistet. Auch dieses Tier des Waldes wird ab April aktiv, schwärmt aus, lockt einen Partner an und vermehrt sich rapide. Mit schlimmen Folgen. Am Wegesrand stapelt sich frisch geschnittenes Holz. Im Winter haben die Harvester das schadhafte Holz umgelegt, jetzt werden auf den wüsten Brachflächen neue Bäume gepflanzt.

„Auch das ist eine typische Arbeit für uns im Frühling“, sagt Sebastian Keidel und zeigt auf die grünen Hüllen, die die Setzlinge vor dem Verbiss durch die Tiere schützen sollen. 60 Cent bis 1.30 Euro kostet so ein kleiner Baum, der in Baumschulen gezüchtet und dann im Wald angepflanzt wird. An einen Soldatenfriedhof erinnern die in Reih’ und Glied stehenden grünen Plastikhülsen.

„Über diesen Anblick freut sich kein Förster“, räumt Keidel ein. Wohl aber über das frische Grün zarter Triebe, die auch auf der Kahlschlagfläche schon wieder für neues Leben sorgen. „Für mich ist diese Arbeit eine Art Generationenvertrag“, sagt Sebastian Keidel – wohlwissend, dass er nie unter dem grünen Dach dieser neugepflanzten Bäume stehen wird.

Immerhin dauert es 80 bis 100 Jahre, bis so ein Baum zu voller Größe gewachsen ist. „Aber wo wir jetzt ernten, da haben andere vor langer Zeit diese Arbeit erledigt“. Der Waldumbau habe schon vor Jahren begonnen. Der Wald von morgen soll dem Klimawandel trotzen können.

Langsam neigt sich Sebastian Keidels Morgenrunde durch das Revier ihrem Ende zu. Der Schreibtisch wartet. Ein letzter Stopp gilt den Waldblumenwiesen vor den Toren von Eiterfeld. Annie fiept und hechelt. Sie sitzt inmitten eines Teppichs von gelben und weißen Buschwindröschen und möchte noch nicht Heim.

Auch Sebastian Keidel würde wohl am liebsten noch bleiben. „Ich war schon immer gern im Wald – für mich ist das hier mein Traumberuf.“

Frühlingserwachen im Wald

Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal. © Kai A. Struthoff
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal. © Kai A. Struthoff
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal. © Kai A. Struthoff
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal. © Kai A. Struthoff
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal. © Kai A. Struthoff
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal. © Kai A. Struthoff
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Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal. © Kai A. Struthoff
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal. © Kai A. Struthoff
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
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Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal. © Kai A. Struthoff
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal. © Kai A. Struthoff
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal. © Kai A. Struthoff
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
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Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
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Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal. © Kai A. Struthoff
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
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Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
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Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
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Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
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Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal. © Kai A. Struthoff
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal.
Unterwegs mit Förster Sebastian Keidel im Revier in Haunetal. © Kai A. Struthoff

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