Mit Liebe zum Detail

Wenn’s in Wildeck wichtelt: In Obersuhl erobert ein kleiner Kobold Kinderherzen

Mit Liebe zum Detail: Tina Hucke, hier mit einem Teller Mini-Marshmallows, hat allein für die Wohnung des Weihnachtswichtels 80 Arbeitsstunden investiert. Tomte selbst ist schüchtern und zeigt sich so gut wie nie.
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Mit Liebe zum Detail: Tina Hucke, hier mit einem Teller Mini-Marshmallows, hat allein für die Wohnung des Weihnachtswichtels 80 Arbeitsstunden investiert. Tomte selbst ist schüchtern und zeigt sich so gut wie nie.

Offiziell hat Obersuhl 2594 Einwohner. Doch seit ein paar Wochen lebt in dem Wildecker Ortsteil nahezu unsichtbar ein Zeitgenosse mehr, der binnen kürzester Zeit vor allem die Herzen vieler Kinder erobert hat: Tomte.

Obersuhl – Er ist aber nicht irgendein Zeitgenosse. Tomte ist ein Weihnachtswichtel. Erfinderin des gerade mal christbaumkugelgroßen und ausgesprochen schüchternen Wichtels – der in Wahrheit ein selbstgebastelter Kobold mit Filzmütze ist – ist Tina Hucke. „Eigentlich wollte ich nur meinem Sohn eine Freude machen“, erinnert sich die 33-jährige Mutter an die Anfänge ihrer Wichtel-Geschichte, die inzwischen dafür sorgt, dass Kindergruppen vor ihrer Haustür Lieder für ihren Freund singen.

Vor gut einem Monat wollte sie also ihren vierjährigen Sohn mit einem selbstgebauten Modellbauhäuschen überraschen. Sie sagte ihm, dass dort vielleicht ein Weihnachtswichtel einziehen würde. „Der Aufwand war aber so groß, dass ich auch andere Kinder daran teilhaben lassen wollte.“ Gesagt, getan. Das in rund 80 Arbeitsstunden und mit viel Liebe zum Detail eingerichtete Häuschen („Allein das Aufkleben der Dachziegel hat vier Stunden gedauert“) stellte sie auf die Fensterbank ins Gästezimmer, sodass es von außen an ein kleines Schaufenster erinnert. Dann richtete sie für Tomte eine Facebookseite ein („Wildecker Weihnachtswichtel“), die inzwischen mehr als 300 Abonnenten hat, und fing an, rund um den kleinen Mann eine Geschichte zu erzählen.

Die vorbeischauenden Kinder bindet Tina Hucke ein, gibt ihnen Aufgaben und hinterlegt für sie Geschenke

„Wichtel leben ja eigentlich zurückgezogen im Wald und sind sehr ängstlich. Wenn man sie erschreckt, kommen sie nicht wieder“, erklärt Tina Hucke. An diese Regel hält sich nicht nur ihr Sohn, sondern auch die zahlreichen Kinder, die im Laufe der Zeit mitbekommen haben, dass es sich lohnen könnte, regelmäßig bei Tomte ins Fenster zu schauen, das sich von der Straße barrierefrei erreichen lässt. „Hier ändert sich nämlich jeden Tag etwas“, sagt Tina Hucke.

Mal liegen morgens winzige Pakete in der Wohnstube, mal stehen frisch gegrillte Marshmallows auf dem Küchentisch. Die vorbeischauenden Kinder bindet Tina Hucke ein, gibt ihnen Aufgaben und hinterlegt im Gegenzug Geschenke in einer Kiste, etwa Nüsse und Mandarinen.

Fanpost von Kindern: Wer Tomte einen Brief schreibt, bekommt auch eine Antwort, sagt die 33-jährige „Vermieterin“ des Weihnachtswichels.

Eines Tages stellte sie einen Weihnachtsbaum neben das Fenster und hing einen Zettel dazu, auf dem stand, ob nicht jemand beim Schmücken helfen wolle. Kugeln hatte sie bereitgestellt. „Ehe ich mich versah, war der gesamte Baum festlich geschmückt. Nicht nur mit den Kugeln, sondern auch mit ganz viel selbstgebasteltem Weihnachtsbaumschmuck.“

Weil Tomte so viele Fans hat, könnte er sogar bis zu den Heiligen drei Königen bleiben

Etwas später war Tomte kurzzeitig krank. Was machten die Kinder? Sie sangen ihm von der Straße aus ein Genesungslied. Und nachdem der Wichtel, der sich wegen seiner Schüchternheit so gut wie nie zeigt, die Kinder über einen Zettel gebeten hatte, für die 43 Bewohner des benachbarten Altenheims Bilder zu malen, „fand ich wenig später in Tomtes Briefkasten 70 Bilder“, sagt Tina Hucke, die tagsüber im sozialen Bereich arbeitet. Ohnehin sei die Resonanz im Ort „sehr, sehr schön“: „Mich sprechen Großeltern an, die sich dafür bedanken, dass ich ihren Enkeln eine große Freude bereite.“

Eigentlich bleiben Weihnachtswichtel, die der Sage nach Assistenten des Weihnachtsmannes sind, nur bis Weihnachten. Dann verschwinden sie. Tomte könnte es aber nicht ganz so genau nehmen. „Weil er hier so viele Fans hat, vermute ich, dass er sogar bis zu den Heiligen drei Königen bleibt“, sagt Tina Hucke augenzwinkernd – die übrigens schon ihre Schwiegermutter ausquartieren musste, die über die Feiertage eigentlich im Gästezimmer übernachten wollte. Aber da wohnt ja jetzt Tomte.

Wird der Wichtel denn im nächsten Jahr wiederkommen? „Der Druck ist schon da“, sagt sie, „ich werde das schon beim Müllrausbringen gefragt.“ Versprechen wolle sie zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nichts. „Wie es mit ihm weitergeht, werde ich deshalb bewusst offenlassen.“

Ohnehin suchen sich Wichtel ihre Wohnung immer selbst aus. In Obersuhl, das hat Tomte in den vergangenen Wochen gelernt, lässt es sich jedenfalls ziemlich gut leben.   

Info: Seine genaue Adresse will Tomte wegen der coronabedingten Abstandsregeln und der Sorge vor Menschenansammlungen nicht verraten. Nur so viel: Sein Häuschen befindet sich ganz in der Nähe der evangelisch-reformierten Kirche in Obersuhl. (Von Sebastian Schaffner)

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