„Werde nicht auf Dauer SPD-Chef bleiben“

Landrat Torsten Warnecke (SPD) ist heute 100 Tage im Amt

Absprachen mit Abstand: Während der Corona-Pandemie kommuniziert Landrat Torsten Warnecke, hier mit den Bürgermeistern und dem Gesundheitsamt, oft per Videokonferenz.
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Absprachen mit Abstand: Während der Corona-Pandemie kommuniziert Landrat Torsten Warnecke, hier mit den Bürgermeistern und dem Gesundheitsamt, oft per Videokonferenz.

Seit 100 Tagen ist Torsten Warnecke jetzt Landrat des Kreises Hersfeld-Rotenburg. Im Interview stellt er sich den Fragen.

Hersfeld-Rotenburg - Dabei spricht er über eine Impfpflicht, Fördergeld fürs Klinikum, den vergleichsweise späten Start der mobilen Impfteams im Landkreis – und über seine Wünsche zu Weihnachten.

Herr Warnecke, Sie sind jetzt 100 Tage im Amt. Welche Themen liegen auf Ihrem Tisch momentan ganz oben?

Zum einen die Verabschiedung des Kreishaushalts, der auf der Tagesordnung des Kreistags für den 13. Dezember steht. Dann haben wir eine Grundlage für das kommende Jahr. Ganz wichtig ist aber natürlich auch das Thema Corona. Die beiden Impfteams, die wir aufgestellt haben, erfreuen sich großer Nachfrage. Dies ist allerdings auch absehbar angesichts der Situation, in der wir uns hier befinden.

Warum haben Sie die Arztpraxen dann nicht eher entlastet? Andere hessische Kreise haben teils deutlich eher auf die vierte Welle reagiert und früher Impfangebote geschaffen oder erst gar nicht eingestellt. Im Landkreis sind die mobilen Impfteams erst seit Ende vergangener Woche wieder unterwegs.

Offen gesprochen: Wir haben natürlich bei den Institutionen nachgefragt, die dafür zuständig sind, ob die Hausärzte das wirklich alleine wuppen können. Die deutliche Aussage war, dass sie das schaffen. Und wenn sich an der Situation etwas ändern sollte, wolle man sich melden...

Und?

Wir haben dann irgendwann selbst gehandelt. Offenkundig gab es da eine Fehleinschätzung.

Von der Kassenärztlichen Vereinigung?

Genau. Es war nie das Ziel, unsere Hausärzte zu überlasten. Aber der Punkt ist, dass der Öffentliche Gesundheitsdienst nur helfen kann, wenn die, die dafür zuständig sind, das nicht mehr alleine schaffen.

Was halten Sie eigentlich von einer Impfpflicht?

Am Ende des Tages müssen wir zu einer Impfpflicht kommen. Das wäre ja auch nichts Neues. Für ganz viele Krankheiten haben wir schon eine Impfpflicht. Touristen kennen das, wenn sie in bestimmte Länder reisen möchten. Da argumentiert doch auch niemand mit Freiheitsrechten und Selbstbestimmung. Ich war kürzlich bei einer Kaninchenschau. Da ist jedes Kaninchen gegen Viruserkrankungen wie Myxomatose geimpft. Nur einzelne Menschen meinen, sie müssten das nicht tun – immerhin gegen ein Virus, das trotz Impfungen bundesweit schon über 100 000 Tote gekostet hat, also offenkundig deutlich gefährlicher ist als die Grippe.

Sind Sie schon geboostert?

Nein. Ich lasse mich boostern, wenn die empfohlenen sechs Monate rum sind. Das ist im frühen Frühjahr der Fall.

Nach 100 Tagen im Amt: Welches Zwischenzeugnis würden Sie sich selbst ausstellen?

Ich habe mir noch nie Zeugnisse selber ausgestellt. Das müssen andere beurteilen.

Aber Sie haben doch bestimmt ein Gefühl...

(lacht) Ich bin sehr freundlich von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hier im Landratsamt aufgenommen worden. Gemeinsam haben wir bereits die eine oder andere wichtige Entscheidung getroffen, und zwar im Einvernehmen. Insofern bin ich sehr zufrieden.

Welche Entscheidungen meinen Sie?

Zum Beispiel die Aufstellung des Haushalts. Das war schon eine herausfordernde Aufgabe.

Als wir Sie im März im Wahlkampf auf dem Eisenberg getroffen haben, sagten Sie, dass Sie Menschen mitnehmen, für eine offenere Gesprächskultur sorgen wollen. Ist Ihnen das schon gelungen?

In den politischen Gremien allemal. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich jemand bin, der durchaus bereit ist, über Dinge ausführlich zu reden. Und wenn jetzt Bürger, Kritiker oder Skeptiker fragen, was denn davon bei Veranstaltungen rüberkommt, kann die Antwort im Moment natürlich nur lauten: erst mal direkt gar nichts. Warum? Weil wir aus Fürsorge- und Vorsorgegründen gar keine Veranstaltungen machen. Aber nach Corona steht das ganz sicher an.

Bevor Sie Landrat wurden, waren Sie jahrelang in der Opposition. Jetzt sitzen Sie plötzlich auf dem Chefsessel. Wie lange haben Sie gebraucht, auch mental die Seiten zu wechseln?

Die Seiten habe ich ja insofern nicht gewechselt, da die SPD im Landkreis, wenn das parteipolitisch gesehen wird, schon seit Jahren die führende Kraft ist. Wir haben vieles maßgeblich mitbestimmt.

Ihre Vorgänger waren CDU-Landräte, im Landtag saßen Sie in der Opposition. Anders gefragt: Haben Sie sich schon angefreundet damit, dass Sie jetzt Landrat sind?

Ja.

Vermissen Sie denn den Landtag noch manchmal?

Die Kolleginnen und Kollegen dort schon.

Die Debatten nicht?

Wissen Sie, manche Debatte konnte man sich auch schenken. Die Ergebnisse standen fest. Ohnehin hat man als Abgeordneter nicht die Zeit, jede einzelne Debatte zu verfolgen. So ist der Parlamentsalltag – was manchmal gar nicht so schlecht ist. Dann regt man sich nämlich nicht so sehr auf.

Sie sind seit zehn Jahren auch Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Hersfeld-Rotenburg. Ist der Posten des Parteichefs auf Dauer mit dem Amt des Landrats vereinbar?

Vereinbar ist das schon. Aber ich werde das sicherlich nicht auf Dauer machen.

Das heißt?

Das ein Ende absehbar ist. Gewählt als Unterbezirksvorsitzender bin ich für je zwei Jahre. In diesem Jahr haben wir keine Wahlen vorgenommen. Das steht also beim nächsten Mal an.

Sie würden sich also nicht mehr zur Wahl stellen?

Wahrscheinlich nicht. Es muss aber natürlich auch jemanden geben, der oder die für ein so verantwortungsvolles Amt antreten will. Wir haben immerhin über 1600 Mitglieder in 58 Ortsvereinen. Das ist schon eine große Aufgabe.

Gibt’s was Neues zum Fördergeld für die Neuausrichtung des Klinikums?

Nach allem, was ich aus den Vorgesprächen vernommen habe, sind die Signale des Landes positiver Natur. Einreichen werden wir den Förderantrag wie geplant Ende des Jahres, spätestens Anfang 2022. Und dann muss natürlich auch noch das Bundesamt für Soziale Sicherung eine positive Entscheidung treffen.

Sie sind also weiter optimistisch, dass das Geld fließt?

Grundsätzlich ja.

Als Landrat sind Sie, wie Ihr Vorgänger Dr. Michael Koch, auch Gesundheitsdezernent. Wollen Sie das bleiben? Oder geben Sie diesen Fachbereich an den neuen Ersten Kreisbeigeordneten, Ihren Parteifreund Dirk Noll, im Januar ab?

Was die Aufgabenverteilung grundsätzlich betrifft, habe ich mich mit Herrn Noll noch auf gar nichts verständigt. Das wäre auch ein bisschen respektlos gegenüber Frau Künholz, die bis Ende des Jahres Vizelandrätin ist.

Bereuen Sie eigentlich im Nachhinein, die Umstände von Dirk Nolls Wahl?

Die SPD hatte vor der Wahl versichert, dass sich ihr Kandidat nicht durch AfD-Stimmen wählen lassen würde. Die AfD kündigte daraufhin an, dass ihre fünf Abgeordneten Noll wählen. Die Mehrheit im Kreistag liegt bei 31 Stimmen. Noll erhielt 35 Stimmen und nahm die Wahl an. Die CDU warf der SPD daraufhin Wortbruch vor. (Anmerkung der Redaktion) Ich wüsste nicht, was ich da zu bereuen hätte. Wir hatten uns im Vorfeld durch Sondierungen eine Mehrheit gesichert. Und ich bin schon verwundert darüber, dass andere demokratische Kräfte der AfD mehr vertrauen als ihren demokratischen Kolleginnen und Kollegen im Parlament. Meine Haltung ist das nicht.

Wenn irgendwo ein Geschenk gebraucht wird, zaubern Sie aus Ihrer Sakko-Innentasche stets eine Ahle Wurscht hervor. Wie sehr wird die Ihnen eigene Großzügigkeit den künftigen Kreishaushalt belasten?

(lacht) Wir haben natürlich auch ein kleines Budget für Präsente eingeplant. Aber die Stracken bezahle ich selbstverständlich selber. Sie sind ein persönliches Geschenk von mir.

Apropos Geschenke: In zwei Wochen ist Heiligabend. Wie läuft Weihnachten im Hause Warnecke ab?

Am 24. Dezember werde ich gerne einige Einrichtungen besuchen. Wenn dann am Heiligabend noch Zeit bleibt, könnte es sein, dass ich nach Nordfriesland fahre, um die Familie zu besuchen.

Was wünschen Sie sich zu Weihnachten?

Ich wünsche mir für alle Bürgerinnen und Bürger vor allem Gesundheit.

Und politisch?

Dass wir im Kreistag weiterhin gut zusammenarbeiten und wir bei allen Differenzen und unterschiedlichen Positionierungen am Ende zu gemeinsamen guten Lösungen kommen.

Zur Person: Torsten Warnecke ist seit September Landrat des Kreises Hersfeld-Rotenburg. Der 59-Jährige setzte sich bei der Wahl im März mit 62 Prozent der Stimmen gegen Amtsinhaber Dr. Michael Koch (CDU) durch. Warnecke stammt gebürtig aus Schleswig-Holstein und studierte nach dem Abitur in Marburg Politikwissenschaften. Seit 1984 ist er SPD-Mitglied, arbeitete unter anderem als Büroleiter für den Bundestagsabgeordneten Michael Roth aus Heringen. 2008 zog er erstmals für den Wahlkreis Hersfeld in den Landtag ein und verteidigte sein Direktmandat dreimal. Mit dem Wechsel ins Landratsamt übergab er seinen Platz in Wiesbaden an Tanja Hartdegen. Torsten Warnecke ist ledig, hat keine Kinder und lebt in Bad Hersfeld. Seine Freizeit verbringt er gern auf Sportplätzen, fährt Fahrrad, liest Bücher oder schaut Filme. Zu seinen Lieblingsfilmen zählen „Es war einmal in Amerika“, „Wag the Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt“, „Loriots Ödipussi“ und „Man spricht deutsch“. 

Von Sebastian Schaffner

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