Gerhard Schenk genießt die Aufmerksamkeit

Zwischenbilanz: Bebraer Gerhard Schenk (AfD) ist seit einem Jahr im Hessischen Landtag

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Die AfD bildet die viertgrößte Fraktion im Landtag: Gerhard Schenk aus Bebra (oben links) ist einer von 19 AfD-Abgeordneten in Wiesbaden. 

Bebra: Gerhard Schenk (AfD) ist als einer von zwei neuen Abgeordneten aus dem Wahlkreis Rotenburg seit einem Jahr im Hessischen Landtag. Wir ziehen eine Zwischenbilanz.

Das erste Mal, dass Gerhard Schenk aus Bebra überregional als Landtagsabgeordneter auf sich aufmerksam machte, war am 3. April 2019. Im Plenum ging es um den „Pakt für den Rechtsstaat“, eine Vereinbarung zwischen Bund und Ländern, Justiz und Polizei besser auszustatten.

Der AfD-Politiker aus Bebra, gerade einmal zehn Wochen im Amt, sprach in seiner Rede von „kollektiver Verwahrlosung dieses Landes“ und bezeichnete die Bundesrepublik als „Unrechtsregime offener Grenzen“. Mehrere Redner der anderen Fraktionen warfen ihm anschließend vor, gegen Ausländer zu hetzen und nicht auf dem Boden des Rechtsstaates zu stehen. Die „Frankfurter Rundschau“ sprach von einem „Tiefpunkt für den Hessischen Landtag“.

Gerhard Schenk versteht die Aufregung um seinen Auftritt bis heute nicht. Ohnehin wittert er eine „Diffamierungskampagne“ gegen seine Fraktion: „Die Altparteien nutzen jede Gelegenheit, um uns das Wort im Mund umzudrehen.“ Die Aufmerksamkeit, die der AfD in der Öffentlichkeit zuteilwird, gefällt ihm allerdings. „Wir sind in allen Talkshows Thema, selbst wenn wir nicht eingeladen werden“, sagt er mit einem Grinsen. Dass er bei der Wahl 2018 überhaupt in den Landtag gewählt wurde, damit hat er nicht unbedingt rechnen können. 19 Sitze errang die AfD, Schenk stand auf der Parteiliste an 19. Stelle, schaffte es gerade so ins Parlament.

Der gebürtige Friedloser ist, wie viele AfD-Abgeordnete, ein Politik-Quereinsteiger. Bei Konrad Zuse ließ er sich zum Elektroniker ausbilden, wurde von Siemens übernommen und holte das Abitur am Obersberg in Bad Hersfeld nach. Später studierte er in Berlin Volkswirtschaft und Jura. Anschließend machte er sich selbstständig und betrieb bis zuletzt eine Transportervermietung und Werkstatt mit Sitz in Bebra. „Seitdem ich im Landtag bin, ruht die Firma aber.“

Auf die Alternative für Deutschland aufmerksam geworden ist Schenk 2013 bei einer Veranstaltung der Euro-Gegner in Oberursel (Taunus). Die AfD war damals gerade im Begriff, sich zu gründen. „Dieser Besuch hat mich überzeugt, mich politisch zu engagieren“, erinnert er sich.

Manchmal komme ich mir vor, als säße ich nicht im Landtag, sondern in der Bad Hersfelder Stiftsruine.

Gerhard Schenk AfD-Landtagsabgeordneter

Wenig später half er dabei, den Kreisverband Hersfeld-Rotenburg aufzubauen, ist seitdem Vorsitzender und zog 2016 in den Kreistag ein. „Da ich bei Reden vor Publikum immer ein bisschen nervös bin, waren die ersten Jahre im Kreistag ein gutes Trainingsfeld für den Landtag.“

Die ersten zwölf Monate in Wiesbaden seien für ihn spannend und lehrreich gewesen. „Am besten gefällt mir das Miteinander in unserer Fraktion“, sagt er.

Und was gefällt ihm nicht? „Die Balkonreden der anderen Parteien. Da wird viel geschauspielert. Manchmal komme ich mir vor, als säße ich nicht im Landtag, sondern in der Bad Hersfelder Stiftsruine.“ Ebenfalls missfällt ihm, „dass die Altparteien unsere Anträge okkupieren und dann als ihre verkaufen.“

Sein eigener Arbeitsnachweis im Plenum kann sich nach einem Jahr quantitativ sehen lassen: Schenk, der auch landwirtschaftspolitischer Sprecher seiner Partei ist, meldete sich bislang 13 Mal im Landtag zu Wort. Insgesamt stand er 73 Minuten am Mikrofon. „Mein Motto lautet dabei immer: Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“, sagt Schenk – und zitiert damit den Philosophen Immanuel Kant.

Im übertragenen Sinne versteht sich Schenk selbst auch als Aufklärer. Wenn Schülergruppen im Landtag sind, meldet er sich gern für die anschließenden Diskussionsrunden, um ihnen die Welt aus seiner Sicht zu erklären. Der verheiratete Vater von fünf Kindern beantwortet dann Fragen der Jugendlichen und referiert über Düngeverordnungen, die „Fridays for future“-Bewegung, Windräder und Uploadfilter. „Ich glaube, ich komme bei den jungen Leuten ganz gut an“, sagt er.

Auf die Frage, welche Ziele er sich für das neue Jahr im Landtag gesetzt hat, muss Gerhard Schenk nicht lange überlegen: „Noch mehr Aufmerksamkeit bekommen“. Wie das geht, weiß er ja.

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