Kind der dreckigen Zeit: Margarete Schade ist bei der Richelsdorfer Hütte groß geworden

Blick zurück in die Vergangenheit: Auf dem Foto oben ist die Richelsdorfer Hütte zu sehen. Rechts von ihr stand der Hammer, der Gutshof mit Gastwirtschaft (Bild unten rechts). Auf dem dritten Foto sind Margarete Schade und ihr Bruder zu sehen. Rechts ist noch ein kleines Stück des Spazierweges von Richelsdorf nach Süß zu erkennen. Auch mit der Kutsche konnte man dort fahren. Der Weg wurde irgendwann mit Produktionsrückständen aus der Richelsdorfer Hütte einfach zugeschüttet. Foto: privat/nh

Richelsdorf. Richelsdorf kämpft mit Altlasten aus Bergbau und Farbenindustrie. Margarete Schade ist in der Nähe der Richelsdorfer Hütte aufgewachsen. Sie hat viel zu erzählen.

„Ich bin in der dreckigen Zeit groß geworden.“ Margarete Schade kommt schon im ersten Satz auf den Punkt. Die 76-Jährige ist auf dem „Hammer“ geboren und aufgewachsen, einem Gutshof mit Gastwirtschaft - nur einen Katzensprung entfernt von der Richelsdorfer Hütte. Und was sie dort in diesen Jahren erlebt hat, hat sie ihr ganzes Leben lang geprägt.

Margarete Schade ist 1940 geboren - kurz bevor die Hochzeit der Farbenherstellung begann. Zwei Jahre vorher war die Richelsdorfer Hütte von einem der größten Pigment-Hersteller Europas übernommen worden. Auf dem Gelände wurde aus Schwerspat in einer Mühle und einer Laugerei Weißpigment hergestellt. Auch Zink wurde verarbeitet. Der Bergbau war dort schon 1850 zusammengebrochen.

Vor Dämpfen weggelaufen

„Die ersten Jahre war es herrlich, dort zu leben“, erinnert sich die 76-Jährige. Doch schon bald begannen die Probleme. In der Zinkerei seien die Säure-Bottiche öfter mal übergekocht. Dann zogen blau-weiße Dämpfe über das Gelände. „Die haben gestunken und waren ätzend. Jedesmal, wenn ich nicht schnell genug weglaufen konnte und in so einen Dampf hineingeriet, bin ich fast gestorben“, berichtet Margarete Schade. Die Folgen spürt sie bis heute. Jedesmal, wenn es neblig wird, fängt sie an zu husten.

Alle paar Wochen war auch das Wasser des Baches weiß, der an ihrem Garten vorbeifloss. Dann hatten die Arbeiter alle Reste zusammengefegt und im Bach entsorgt. „Oft gab es Hochwasser. Die verseuchte Brühe stand manchmal tagelang auf den Wiesen, dem Sportplatz und Kinderspielplatz.“

Eine Mondlandschaft

Im Lauf der Jahre wurde die Produktion ausgeweitet. Der Berg mit den Rückständen wurde immer größer. „Eine Sauerei“, sagt Margarete Schade wütend und traurig zugleich. Ihr Opa hat sich mit dem Unternehmen auch vor Gericht angelegt. „Unser herrlich grünes Tal wurde von Jahr zu Jahr dürrer und grauer - eine Mondlandschaft.“

Die Familie hatte auf ihrem Grundstück eine eigene Quelle und damit ihr eigenes Wasser. „Irgendwann hieß es, wir dürfen aus unserer Quelle nicht mehr trinken.“ 1955 sei von Süß eine neue Wasserleitung verlegt worden, mit der sie dann versorgt wurden. Das Vieh trank weiter aus der alten Quelle. Dann sollten auch der Garten und die Felder nicht mehr genutzt werden.

Die giftigen Dämpfe zogen bis ins Dorf. Und die 76-Jährige ist sich sicher: „Diese Giftstoffe sind verantwortlich für die vielen Fälle von Krebs in Richelsdorf.“

Heute lebt Margarete Schade in Ingolstadt. Aus Richelsdorf ist sie 1963 mit 23 Jahren weggezogen mit ihrem Mann. Irgendwann später dann wurde der Gutshof abgerissen. Die Reste des verseuchten Materials wurden verbrannt oder weggeschafft. „Richelsdorfer holten sich danach aus unserem Garten Erde und damit das Unglück aufs eigene Grundstück.“

Trotz der schlimmen Erfahrungen hängt ihr Herz immer noch an ihrer Heimat. „Ich habe nichts mehr zu verlieren“, sagt die 76-Jährige zum Schluss. „Ich kann erzählen, wie es war.“

Mehr über die Geschichte der Bergbaus und wo die mit Schwermetallen belasteten Rückstände gelagert sind, lesen Sie in der gedruckten Samstagausgabe der Rotenburg-Bebraer Allgemeine.

Von René Dupont

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.