Herzensangelegenheit Grundschulstandort Hönebach

Kurt Schreiner aus Wildeck macht Politik mit spektakulären Aktionen

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Kurt Schreiner hat seine eigene Art, Politik zu machen: Dazu gehört vor allem Sachverstand, aber immer wieder auch eine Prise Ironie und Humor. „Chemiker haben für alles eine Lösung“, steht auf seinem T-Shirt. In der Hand hält er ein Foto der alten Dorfschule Hönebach. Für den Erhalt des Gebäudes hatte er sich vehement eingesetzt – vergeblich.

Der kürzlich zum Ehrengemeindevertreter ernannte Dr. Kurt Schreiner aus Hönebach spricht im Interview über Kommunismus-Vorwürfe, Ballon-Aktionen und Ironie. 

Der 72-Jährige wurde vor Kurzem von der Gemeinde Wildeck unter anderem für seinen über 20-jährigen Einsatz im Parlament mit dem Titel „Ehrengemeindevertreter“ ausgezeichnet. „Politik zu machen lohnt sich!“ Das ist seine Botschaft vor allem auch an die junge Generation. Wir sprachen mit ihm über seine Art, Politik zu machen, über Husarenstücke und bittere Niederlagen.

Schon der Startschuss Ihrer politischen Karriere sorgte 1976 für Wirbel...

Damals studierte ich Chemie in Marburg. Das unter Denkmalschutz stehende Fachwerkgebäude der alten Volksschule in Hönebach sollte abgerissen werden. Die Bagger waren bereits eingetroffen, als ich zufällig davon erfuhr und den Landeskonservator einschaltete. Das veranlasste den damaligen Bürgermeister Brech zu folgender Pressemitteilung: „Und da kam ein kommunistischer Student aus Marburg und veranlasste einen Abrissstopp.“ Mithilfe eines Anwaltes erreichte ich eine Rücknahme dieses ungeheuerlichen Vorwurfes, der für mich bis heute ein Beispiel behördlicher Arroganz und unendlicher Dummheit ist. Drei Wochen später wurde das Gebäude dann doch abgerissen. Ersetzt wurde es durch ein hässliches Gebäude in Beton. Ich sagte mir damals, als Einzelkämpfer kannst du nichts erreichen, und um persönlich Einfluss auf solche Entscheidungen nehmen zu können, musst du selbst politisch aktiv werden.

Sie sind jetzt über 20 Jahre Gemeindevertreter in Wildeck. Hat sich das gelohnt?

Politisches Engagement lohnt sich durchaus. Es lohnt sich, zu kämpfen, auch wenn man sich damit garantiert nicht nur Freunde macht. Und ich möchte die Jugend dazu aufrufen und ermutigen, sich politisch zu engagieren, denn es geht um ihre Zukunft. Es kann nicht sein, dass wir Uralten die Politik für die 50 Jahre Jüngeren machen. Wenn man vorher nicht angetreten ist, kann man sich hinterher nicht beschweren.

Es gibt nichts, dass ihnen mehr am Herzen liegt, als der Erhalt des Grundschulstandortes Hönebach...

Das steht seit vielen Jahren im Zentrum meiner Bemühungen. Und das ist bisher eine Erfolgsgeschichte. Sie wäre aber nicht so erfolgreich verlaufen ohne die Unterstützung meiner Kollegen im Parlament, meiner ehemaligen Kollegen im Kreistag, des Lehrerkollegiums mit der stellvertretenden Schulleiterin Evelyn Schwab, die stets an vorderster Front mitkämpfte, und der Bürger in Hönebach und Kleinensee. Und die Auseinandersetzung um die Änderung des Schulentwicklungsplans im vergangenen Jahr ist ja sicher allen noch vor Augen. Immer wieder ist das Aus der Schule angekündigt worden. Und immer wieder habe ich gesagt: Nicht aufgeben! Jetzt geht es erst richtig los! Wir haben die Totengräber immer wieder vertrieben.

Eine der spektakulärsten Aktionen: Unter anderem mit dieser Postkarte samt klarer Botschaft, von der 2000 Stück in alle Welt versandt wurden, erreichte die Protestbewegung in den 90er-Jahren, dass die Grundschule Hönebach erhalten blieb, obwohl ihr Ende schon verkündet war. Dazu gehörte auch ein legendäres Megafon-Duell zwischen dem damaligen Landrat Alfred Holzhauer und Kurt Schreiner. 

Sie haben Ihre eigene Art, Politik zu machen...

Für mich ist das Wichtigste der Sachverstand. Halbwissen richtet nur Schaden an. Beiträge im Parlament sollten Substanz haben und fachlich fundiert sein. Dafür kann man dann auch mal eine unterhaltsame Verpackung wählen. Ich baue gern ein bisschen Satire oder Ironie in meine Beiträge ein. Das lockert auf und ist besser, als Vorwürfe zu verbreiten. Ein Beitrag bleibt so auch besser in der Erinnerung haften.

Dazu gehören auch spektakuläre Aktionen...

Im September 2018 habe ich zum Beispiel eine für mich aufwendige Ballon-Aktion gestartet. Ich ließ mit Gas gefüllte Ballons am Seil aufsteigen, um zu demonstrieren, dass die Werbepylone – Werbeschilder auf Masten – für den bei Hönebach geplanten Autohof nicht höher als die ursprünglich geplanten 20 Meter sein sollten. Eine Mehrheit hat mein Antrag im Parlament trotzdem nicht bekommen. Auch den Betrieb einer Spielothek dort will ich verhindern – bisher ohne Erfolg.

Treten Sie manchmal auch auf die Notbremse?

Das ist schon vorgekommen. Wenn ich zu der Erkenntnis komme, dass eine Attacke mehr Schaden als Nutzen anrichten könnte.

Sie könnten viele Stunden erzählen...

Ja. Viele Themen liegen mir am Herzen: Die Schaffung von hochwertigen Arbeitsplätzen in unserer Region, die Überschuldung der Gemeinde, die dazu führt, dass wir nur eingeschränkt handlungsfähig sind, die mittlerweile ausufernde und profitgetriebene Windkraft, die Arbeit im Verein Fachwerkfreunde Hönebach...

Wie lang werden Sie noch weitermachen?

Eigentlich wollte ich schon längst aufgehört haben. Das tue ich aber bisher nicht, damit ich weiter meine Hand über die Grundschule Hönebach halten kann. Ohne offizielles Amt hätte ich dazu nur eingeschränkte Möglichkeiten.

Arsen im Trinkwasser entdeckt

Ende der 80er-Jahre bekam Kurt Schreiner Kenntnis von schweren Krebs-Erkrankungen, deren Ursache nicht zu klären war. Er entdeckte bei der Überprüfung der Inhaltsstoffe des Wassers der Trinkwasserquellen, dass sich darin Arsen in relativ hohen Konzentrationen befand. Daraufhin ließ Bürgermeister Müller eine Anlage bauen, die das Arsen aus dem Wasser filtert und bis heute die durch Arsen bedingten Gesundheitsrisiken ausschaltet. Die Anlage muss bis in alle Ewigkeit aktiv bleiben. Betroffen sind Obersuhl, Bosserode und Richelsdorf. Das Richelsdorfer Gebirge besteht zu wesentlichen Teilen aus Kupferschiefer. Wo Kupfer auftritt, ist auch immer Arsen vorhanden, weiß der Chemiker Schreiner. Das Regenwasser löst das Arsen aus den Gebirgsschichten. „Dass dann in Richelsdorf eine Verseuchung des Bodens dazukommt, damit hätte ich nie gerechnet“, sagt Dr. Kurt Schreiner.

Dr. Kurt Schreiner ist 1946 in Hönebach geboren. Am Gymnasium in Rotenburg hat er Abitur gemacht. Ein Studium der Chemie in Marburg schloss sich an. Vier Jahre arbeitete er als Farbstoff-Chemiker für Bayer in Leverkusen, anschließend bei den Pharma-Unternehmen Woelm-Pharma und Intermuti-Pharma in Eschwege. Schließlich wählte er den Weg in die Selbstständigkeit als Personalvermittler für die Pharmaindustrie. Mit 70 ging der heute 72-Jährige in Rente. Seit über 20 Jahren sitzt er im Wildecker Parlament für die Freie Wählergemeinschaft (FWG). Noch länger ist er Mitglied im Ortsbeirat Hönebach. Aus gesundheitlichen Gründen schied er nach sechs Jahren aus dem Kreistag aus. Schreiner ist verheiratet und hat vier Kinder und sieben Enkel. Sein Hobby ist Ahnenforschung. Er ist naturverbunden und reist gern.

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