Es begann mit einer ganz schlechten Geschichte

Feiner Sinn fürs Fantastische: Obersuhler veröffentlicht Buch mit Kurzgeschichten

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Elf Kurzgeschichten und eine Liebeserklärung an die Fernsehcouch: Der Obersuhler Harald Weber hat jetzt seine fantastischen Geschichten mit dem Titel Zwielichtperlen im Eigenverlag herausgebracht. 

Harald Weber aus Obersuhl hat sein erstes Buch herausgebracht. Es heißt "Zwielichtperlen" und besteht aus elf Kurzgeschichten.

Dreimal sind Kurzgeschichten von ihm bereits veröffentlicht worden. Jetzt hat Harald Weber sein erstes Buch „Zwielichtperlen“ herausgebracht. In elf fantastischen Kurzgeschichten und einer Liebeserklärung an die Fernsehcouch zeigt der Obersuhler mit sprachlicher Finesse seinen ausgeprägten Sinn für das Rätselhafte.

Gelesen hat der 57-Jährige schon, seit er denken kann. Früher, als Kind und Schüler, griff er eher wahllos zu den Heft-Romanen am Kiosk des Bad Hersfelder Bahnhofs. Die Fahrten zur Schule auf dem Obersberg und nach Hause konnten mit 60 Seiten John Sinclair oder Perry Rhodan leicht und kurzweilig überbrückt werden. Später dann suchte er sich bewusst die Literatur aus, die ihn zugleich inspirierte. Webers Interessen sind vielfältig, das Spektrum reicht von Raumfahrt, Geschichte, Astrologie bis Lokalgeschichte. Nach dem Abitur ging er nach Clausthal-Zellerfeld, um Maschinenbau zu studieren. Am Ende des Studiums, zum Zeitpunkt des Mauerfalls, gab es jedoch ausgebildete Maschinenbauer wie Sand am Meer. Die berufliche Perspektive war für Weber gleich Null. Für seinen Plan B, Bibliothekar zu werden, waren die Aussichten weitaus besser. Heute arbeitet er in diesem Metier an der Unibibliothek in Kassel.

Das Schreiben begann für ihn mit dem Lesen einer ganz schlechten Geschichte. Da dachte sich der damals 30-Jährige: „Das könntest du auch.“ Recht sollte er behalten. Denn der Bastei-Verlag druckte „Der Traumfänger“ in der John-Sinclair-Reihe ab. Der zweite Erfolg war die Schreibaufgabe für ein Kurzgeschichten-Seminar in Wolfenbüttel. Erzählt werden sollte ein Abenteuer eines Weltraum-Punkers. Webers Kurzgeschichte mit dem Titel „Ich kannte Nerrat Borr“ war der Eintritt ins Seminar und gehört heute zu seinen eigenen Favoriten. Inspiriert wurde er dazu von einem Comic, einem Kinofilm und einem Musik-Video.

Und so ist es meist bei Harald Webers Ideen: Es ist stets eine Mischung aus vielen Eindrücken, die er in sich aufsaugt. „Es gibt sehr selten eine Idee, die sagt: ´Schreib mich‘“, erzählt er. Und: „Je mehr man über alle möglichen Themen liest, umso mehr verhaken sie sich ineinander.“ Das kam dem Autor auch beim Marburg Award zugute, der das Motto „Viel zu heiß“ vorgab und Harald Weber in diesem Jahr mitten hinein in die Klimakatastrophe und in seine Geschichte „Die lange Wacht“ führte. Bei der dritten Veröffentlichung handelte es sich um eine Ausschreibung des „Bundesamtes für magische Wesen“. In einem Sammelband wurde 2018 Webers Kurzgeschichte „Einen Rosengarten versprach ich nie“ publiziert.

Harald Weber hat mit fantastischen Kurzgeschichten nicht gerade den einfachen Weg gewählt. Denn „die laufen gar nicht“, wie ein Verleger ihm auf einer Buchmesse mal lapidar erklärte. Doch Harald Weber blieb diesem Genre treu. Er hat sich schon vor langer Zeit angewöhnt, das was er sieht als nicht selbstverständlich anzunehmen.

Im Sich-Einlassen auf das Fantastische können die Dinge auch nur in der von ihm aufgebauten Logik stimmig sein. Das kann auch größtmögliche schriftstellerische Freiheit bedeuten. Naturgesetze, erklärt der Autor, gelten in fantastischen Geschichten immer. „Und wenn sie nicht stimmen, dann muss man das plausibel erklären.“ Auch die Magie habe bestimmte Regeln, „wir kennen sie nur nicht“. Mit fantastischen Geschichten öffneten sich Traumwelten, erklärt Weber diese Faszination und bedauert, dass viele Menschen heute ihre Fähigkeiten zum Träumen verloren hätten.

Figuren in der Schwebe

Es sind nicht die großen Rätsel der Geschichte, die Harald Weber in seinem im Eigenverlag (Books on Demand) veröffentlichten Erstlingswerk „Zwielichtperlen“ erzählt. Dafür öffnet er aber im Kern der Kurzgeschichten viele Assoziationsräume, deutet Motive wie Einsamkeit, Außenseitertum und Sehnsucht an. Er schafft keine Eindeutigkeiten, sondern belässt oft die Figuren in der Schwebe. Das macht einen großen Reiz der fantastischen Geschichten aus, die der Autor stets einleitet mit persönlichen Schreib-Erlebnissen oder einer kleinen Einführung in die Story. 

Harald Weber versteht es, Parallelwelten zu erschaffen und die Grenze zwischen ihnen und der uns bekannten Realität zu verwischen („Der Traumfänger“). Die teils surrealen Storys haben ihre eigene Dynamik von Gegenwart und Vergangenheit, von Tradition und Moderne, Realität und Fantasie. Der Autor bedient sich einer komplexen Sprache zum Schaltzentrum zwischen Traum und Realität. Weber ist ein moderner Schreiber-Typ, der sowohl zwischen den kreativen Formen als auch zwischen fantastischem und realistischem Erzählen hin und her springt („Die Einladung“). Wortgewandt und einfallsreich ist auch die Kurzgeschichte über die Spiegel in Kettering Manor („Augen zu und durch“), die man genauso verschlingt wie spannende Action. Weber schafft starke Bilder und leuchtet jene Gebiete aus, die sich im Halbschatten von Gefühlen und gefühlsbetonten Verschlingungen verbergen. Jede der Kurzgeschichten ist rund, abgeschlossen und intelligent in ihrer Unvorhersehbarkeit. Kurz gesagt: Einfach lesenswert. 

Harald Weber liest während des Hessentags im Mehrgenerationenhaus Dippelmühle (Dippelstraße 2) aus „Zwielichtperlen“ am Samstag ab 14 Uhr.

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