Mit Seilen in die Wipfel

Wildeck: Lärchensamen ernten in 40 Meter Höhe

+
Arbeitsplatz Baumkrone: Die Zapfensteiger verbringen vier bis fünf Stunden am Stück im Wipfel der Wildecker Lärchen. Die Zapfen pflücken sie per Hand und sammeln sie – wie bei der Kirschernte im heimischen Garten – in Eimern, die an ihrem Klettergürtel hängen. Ist der Eimer voll, schütten sie die Zapfen in Säcke (Bildmitte, unten), die dann später per Seil hinabgelassen werden. 

Hoch in die Wipfel der Lärchen klettern Mitarbeiter von Hessen Forst, um kostbare Samen zu ernten. Die benötigt die Forstbehörde momentan besonders dringend.

Nachdem der Borkenkäfer nicht nur im Landkreis gewaltige Baumbestände vernichtet hat, müssen vielerorts brachliegende Flächen wieder aufgeforstet werden. Um die Nachfrage zu decken, benötigen die Baumschulen von Hessen Forst dringend Saatgut-Nachschub für verschiedene Baumarten. Samen von Lärchen lässt der Landesbetrieb jetzt im Hönebacher Forst sammeln.

Lärchen-Qualität in Wildeck besonders gut

„Hessen Forst hatte bei uns angefragt, ob wir geeignete Lärchenbestände haben“, sagt Markus Schneider, Revierförster in Hönebach. Eine Prüfung zeigte: Die Bestände des Nadelbaums sind in Wildeck so gut, dass sie den Qualitätskriterien von Hessen Forst entsprechen.

Deshalb sind in dieser Woche fünf sogenannte Zapfenpflücker nach Hönebach gereist. Wenige Astlängen von der A 4 entfernt, klettern sie in die Baumkronen und pflücken die begehrten Zapfen. 

„Ganz oben hängen die Besten“, sagt Kristian Roß, der sich 1991 mit einem Lehrgang auf das Zapfenernten in luftiger Höhe spezialisiert hat. Der Mittfünfziger aus dem Schwarzwald und seine Kollegen werden von Forstämtern in ganz Deutschland gebucht.

Das Quintett, das im Wald übernachtet, um durch An- und Abfahrten keine Zeit zu verlieren, verwendet ausschließlich Seile, um auf die bis zu 40 Meter hohen Lärchen zu gelangen. Die professionellen Kletterer befestigen kleine Sandsäckchen an den Seilen und werfen sie per Hand oder schießen sie mithilfe einer Art Schleuder in die Baumkronen.

Seilakrobat: Zapfensteiger Jannik Jansen aus Lüneburg und seine Kollegen klettern nur mithilfe von Seilen in die Bäume. Diese werfen sie zuvor mit kleinen Sandsäckchen über die Äste. Auf Steigeisen verzichten sie, da diese die Bäume, und damit wertvolles Holz, beschädigen können.

„Früher hat man Steigeisen verwendet“, sagt der aus dem norddeutschen Lüneburg stammende Zapfenpflücker Jannik Jansen, „aber darauf verzichten wir, weil sie die Bäume, und damit wertvolles Holz, beschädigen.“

Sind sie erst einmal im Wipfel, bleiben die artistischen Profipflücker dort gut und gerne vier bis fünf Stunden am Stück. Die Zapfen ernten sie per Hand und legen sie in Eimer, die an ihrem Klettergeschirr befestigt sind. 

Konzentriert bei der Arbeit: Für Jannik Jansen geht es in Hönebach steil nach oben.

Ist der Eimer voll, schütten sie die Zapfen in Säcke, die per Seil hinabgelassen werden. Am ersten Tag haben sie zwei Säcke der weintraubengroßen Baumfrüchte gesammelt. „Wir wollen hier 500 Kilo Zapfen sammeln“, sagt Roß.

Samen sind doppelt so teuer wie Silber

In einem Kilogramm Lärchenzapfen stecken rund 180 000 Samen, aus denen sich 30 000 bis 40 000 einjährige Sämlinge gewinnen lassen. Der Kilopreis des Saatguts beläuft sich auf rund 900 Euro. Die winzigen Körner sind damit fast doppelt so teuer wie Silber. 

So sehen die Zapfen aus: Revierförster Markus Schneider (links) und Forstoberinspektor-Anwärter Jan-Frederik Sefzig mit den ersten beiden Säcken der geernteten Lärchenzapfen. Hund Easy (links unten), eine Alpenländische Dachsbracke, interessiert sich indes viel mehr für das Rascheln im Gebüsch.

„Der wahre Wert der Pflanzen lässt sich aber nicht mit Geld aufwiegen“, sagt Revierförster Schneider. Die Zapfen bekommen ein Stammzertifikat – eine Art Geburtsurkunde – und werden in verplombten Behältern in die sogenannte Samendarre Hanau-Wolfgang gebracht (siehe Hintergrund).

Lärche soll zerstörte Nadelbäume ersetzen

Die Lärche, der einzige heimische Nadelbaum, der im Herbst seine Nadeln abwirft, gilt als frostfest, sturmfest und schneebruchsicher. Sie ist also robuster als die flachwurzelnde Fichte, die den jüngsten Stürmen, den trockenen Sommern und vor allem dem Borkenkäfer kaum etwas entgegenzusetzen hatte.

„Nachdem wir mit der Fichte Schiffbruch erlitten haben, werden wir künftig verstärkt auf Mischwälder setzen“, verrät Revierförster Schneider. Bis Ende des Jahres will er für sein Revier einen Plan aufstellen, aus dem hervorgeht, welche Baumarten künftig für welche brachliegenden Flächen in Frage kommen.

Und sollten künftig mehr Lärchen im Hönebacher Forst gepflanzt werden, kann es gut sein, dass das Saatgut dieser neuen Bäume aus den jetzt eben dort gesammelten Zapfen stammt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.