Kritik an Tötung von Muttertieren und Frischlingen

Bauernverband fordert Wildschwein-Abschuss: Das sagen die heimischen Landwirte und Jäger

Hersfeld-Rotenburg. Um den Vormarsch der Afrikanischen Schweinepest aus Osteuropa einzudämmen, fordert der Deutsche Bauernverband den Abschuss von 70 Prozent der Wildschweine in Deutschland. Dafür müsse die Schonzeit ausgesetzt und die Tötung auch von Muttertieren und Frischlingen flächendeckend erlaubt werden, sagte Verbands-Vizepräsident Werner Schwarz der Rheinischen Post.

Die Eindämmung der Wildschwein-Bestände halten auch Vertreter der heimischen Landwirte und Jäger für sinnvoll. In der Mittelgebirgslandschaft fänden die Tiere viel Deckung, erklärt die Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes, Anke Roß. Bei der Eindämmung sei ein Miteinander von Landwirten und Jägern hilfreich, betont Roß, die mehr revierübergreifende Drückjagden anregt.

Um ein Vorrücken der Seuche zu verhindern, müssten möglichst viele Gefahrenpunkte ausgeschaltet werden – einer davon sei die hohe Wildschweinpopulation, ergänzt Kreislandwirt Horst Taube aus dem Bebraer Stadtteil Blankenheim.

„Eine scharfe Bejagung der Sauen ist geboten“, betont auch der Vorsitzende des Kreisjagdvereins Hersfeld, Wilfried Marchewka. Der Forderung nach dem Abschuss von Muttertieren erteilt Marchewka aber eine Absage: „Das würde dem Tierschutzgesetz und der Jagdethik widersprechen. 

Für Menschen ist die Afrikanische Schweinepest nicht gefährlich. Bei Schweinen führt der meldepflichtige Erreger meist zum Tod. Ein Ausbruch der Seuche in Deutschland hätte schwerwiegende Folgen, fürchtet Kreislandwirt Horst Taube: „Der Markt für Schweinefleisch würde zusammenbrechen“. 

Mit Blick auf die großen Wildschweinbestände als möglicher Übertragungsweg appelliert Taube an seine Berufskollegen, einen guten Kontakt mit den Jägern zu pflegen. Das Interesse, den Wildschweinbestand einzudämmen, sei bislang vor allem in den Waldrevieren deutlich geringer als bei Jagdpächtern von Revieren im offenen Feld, gibt Taube zu bedenken. Wildschweine seien meist in der Nacht aktiv und legten dabei oft weite Strecken zurück, weist der Vorsitzende des Kreisjagdvereins Hersfeld, Wilfried Marchewka, auf die Schwierigkeiten bei der Dezimierung des Bestandes hin: Um die Jagd unabhängiger vom Mondlicht zu machen, könnte der Gesetzgeber das Schießen mit Nachtzielfernrohren oder künstlichem Licht erlauben, stellt Marchewka zur Diskussion. 

Eine andere Möglichkeit seien revierübergreifende Drückjagden, bei denen das Wild durch Treiber oder Hunde aufgescheucht wird. Bei einer stärkeren Bejagung falle auch mehr Wildbret – also Fleisch – an, das Abnehmer finden müsse. Beim Verkauf an Wildhändler sei der Kilopreis mit zehn bis 50 Cent schon jetzt vergleichsweise niedrig, teilweise gebe es sogar Annahmestopps. „Wenn die Seuche tatsächlich ausbricht, kauft allerdings erst recht kein Mensch mehr ein Gramm Wildschweinfleisch“, meint Marchewka. 

Als Anreiz bringt der Vorsitzende des Kreisjagdvereins staatliche Abschussprämien ins Gespräch. Auch die Teilnahmegebühren für Jäger an vom Landesbetrieb Hessen Forst organisierten Drückjagden seien vergleichsweise hoch. Die Forderung der Bauern kann auch der Vorsitzende der Jägervereinigung Rotenburg, Wolfgang Adam, grundsätzlich nachvollziehen. Im Gegenzug seien allerdings auch die Bauern gefordert, ihre Flächen so zu gestalten, dass die Wildschweinjagd möglich ist. Nicht überall seien die Landwirte beispielsweise bereit, Schuss-schneisen in ihren Maisfeldern anzulegen. Verwundert zeigt sich Adam angesichts der Forderung, die Schonzeit für Jung- und Muttertiere aufzuheben. 

Die Jagd auf Frischlinge und Überläufer – also Wildschweine im zweiten Lebensjahr – sei bereits jetzt ganzjährig möglich. Den Abschuss von Muttertieren verbiete hingegen das Tierschutzgesetz. Eine Gesetzesänderung sei zwar denkbar, aber ein zweischneidiges Schwert: Die Jungtiere durch den Abschuss einer Bache verdursten zu lassen, komme für die meisten Jäger nicht in Frage. „Allerdings wären die Frischlinge bei einem Ausbruch der Seuche wohl die ersten Opfer“, gibt Adam zu bedenken. (jce)

Landwirte aus Hersfeld-Rotenburg warnen vor Schweinepest

Rubriklistenbild: © dpa-avis

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