Sommerinterview mit Stefan Knoche

Bürgermeister: Bebra braucht kein neues Image

Das Bild zeigt Bürgermeister Stefan Knoche neben der Pappfigur eines Eisenbahners
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Der Bürgermeister und der Eisenbahner: Unser Foto zeigt Stefan Knoche auf der Baustelle Inselgebäude. In dem letzten verbliebenen Sanierungsprojekt des Bahnhofsensembles soll im September eine Ausstellung zu Bebras Bahnvergangenheit eröffnet werden, zu der auch der Aufsteller von Eisenbahnern gehört.

Die Eisenbahnerstadt Bebra kann derzeit nicht so recht mit der Bahn – aber auch nicht ganz ohne sie. Darüber und andere aktuelle Themen sprachen mit Bürgermeister Stefan Knoche.

Bebra - Der Rathauschef hat das Inselgebäude inmitten des Bahnhofs für ein Interview vorgeschlagen. Die große Baustelle im Herzen der Stadt ist ein Projekt, das Stefan Knoche schon als Stadtentwickler mitgestaltet und nicht erst im März 2020 als neuer Rathauschef geerbt hat wie den Kampf gegen den Hausärztemangel und das Rennen um den Fernverkehrshalt auf der Neubaustrecke Fulda-Gerstungen.

Herr Knoche, Sie kommen frisch aus dem Urlaub. Wo erholt sich denn ein Sauerländer, der in Bebra Rathauschef geworden ist?

Wir waren tatsächlich nicht im Sauerland, sondern für eine Woche auf Langeoog (Ostfriesische Insel in Niedersachsen – die Redaktion) und ein paar Tage in Österreich.

Wie schlägt sich Österreich derzeit in der Pandemie?

Wir haben uns von Menschenansammlungen ferngehalten, sind Berge rauf- und wieder runtergelaufen. Beim Testen läuft es dort mit den „Sofatests“ ganz gut, die online eingereicht werden und durch einen QR-Code nicht zu fälschen sind. Ohne Impfausweis, Genesenen-Status oder Test läuft in der Gastronomie aber auch nichts. Im Lebensmittelladen muss man Maske tragen, nebenan im Sportgeschäft nicht. Es ist schon interessant, wie unterschiedlich mit der Pandemie umgegangen wird.

Sie waren aber nicht auf den Spuren des Bergdoktors unterwegs, wie das der Kollege aus Wildeck geplant hat?

(schmunzelt) Das haben wir schon erledigt. Wir waren im vergangenen Jahr in Ellmau und sind rein zufällig am Bergdoktor-Haus vorbeigekommen.

Sie sind im März 2020 ins Chefbüro des Bebraer Rathauses umgezogen. Können Sie mittlerweile zumindest erahnen, wie ein Bürgermeister-Alltag ohne Corona aussieht?

Da hat man sicherlich mehr Veranstaltungen, mehr persönliche Begegnungen bei Ehrungen, Geburtstagen, Goldenen Hochzeiten. Das wollen wir langsam wieder etwas hochfahren, weil es der direkteste Kontakt zu den Menschen ist. Dort erfährt man, wo der Schuh drückt. Ich habe aber auch einige Bürger mitbekommen, die im Rathaus waren und erstaunt gesagt haben: „Dass man hier zum Bürgermeister ins Büro darf, habe ich nicht gewusst.“ Mir gehört ja weder die Stadt noch das Büro. Ich bin nur ein gewählter „Zwischennutzer“ für die nächsten Jahre. Jeder hat mit seinen Problemen und Sorgen einen Anspruch auf meine Zeit - auch, wenn ein Bürgermeister nicht alles regeln und für alles eine Patentlösung bieten kann.

Bei Ihrer Wahl gab es ausgerechnet im größten Stadtteil Weiterode mit 66 Prozent Ja-Stimmen die geringste Unterstützung. Damals hieß es: „Das ist für mich ein Ansporn“. Haben Sie schon Boden gut gemacht?

Ich weiß nicht, ob ich Boden gutmachen muss oder kann. Man will ja als Mensch so wahrgenommen werden, wie man ist, und nicht, wie andere vielleicht über einen reden. Ich habe in den gut eineinhalb Jahren versucht, zu jeder Ortsbeiratssitzung in jedem Stadtteil zu gehen. Einfach, um die Probleme dort kennenzulernen. Es ist aber auch eine Frage des Respekts gegenüber den Ortsbeiräten. Einiges ist dann in den gemeinsamen Gesprächen gleich auf den Weg gebracht worden. Das klappt vor allem, wenn man rausfährt. Ich glaube aber, dass ich auch so sehr gut erreichbar bin.

Derzeit wird der Haushalt für das kommende Jahr zusammengetragen. Wie ist Bebra durch die Corona-Krise gekommen?

Das muss man fast viergleisig sehen. Bei den Finanzen sind wir relativ gut durchgekommen. Wir haben diverse Steuernachzahlungen und Ausgleichszahlungen vom Land erhalten. Dadurch trifft das geflügelte Wort „Bebra steht gut da“ derzeit zu. Beim Einzelhandel und der Gastronomie ist die Lage kritisch, bei der Bauindustrie - das Inselgebäude ist das beste Beispiel - sind die Auftragsbücher dagegen voll. Es bleibt aber die Frage: Wie sieht das in zwei Jahren aus? Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie werden sich erst noch zeigen. Und auch in Bebra sind MitbürgerInnen leider an oder mit Corona verstorben. Diesen und Ihren Familien sollten unsere Gedanken gelten.

Sie haben selbst zwei Teenager zu Hause ...

Schaue ich in die Kindergärten, in die Schulen, sitzen dort bereits jetzt die Verlierer. Nach mehr als einem Jahr Corona diskutieren wir immer noch über Luftfilteranlagen und ob die Kinder Masken tragen. Bei mir Zuhause sitzen zwei Halbwüchsige, die sich eigentlich entdecken wollen und auf Kirmessen gehen könnten. Auch im be! wurde jetzt geimpft, da habe ich gemerkt: Es gibt immer noch diejenigen, die Angst haben. Das kann ich verstehen. Aber wenn ich strikte Impfverweigerer sehe, frage ich mich schon: Zu wessen Lasten geht das jetzt? Immer zulasten unserer Kinder und der Jugend.

Gleiswechsel: Die Neubaustrecke Fulda-Gerstungen wird geplant. Die Bahn hat zweimal klar gemacht, dass sie an Bebra vorbeifahren will. War es für die Bahn zu leicht, den Vorstoß Satellitenbahnhof abzulehnen? Das Unternehmen verweist auf den verpassten Suchraum.

In erster Linie ging es mit unseren Vorschlägen darum, noch einmal Position zu beziehen. Ich sage es noch einmal: Dass wir nicht durch den Breitenbacher See eine ICE-Strecke vorschlagen, dürfte klar sein. Wir haben auf einer Karte mit großem Maßstab einen roten Strich gezogen und damit eine Idee eingereicht. Da kann ich doch von Fachplanern erwarten, dass sie auch ihre vorhandenen Strecken berücksichtigen und ein Stück mitdenken. Wenn ich einen Vorschlag von vorneherein aber nicht will, bastele ich mir eben ein Feigenblatt. Hinter vorgehaltener Hand war schon vor eineinhalb Jahren zu hören: „Eigentlich steht der Halt doch schon fest“. Da frage ich mich: Warum verschaukelt man die Leute? Ich habe nichts dagegen, wenn die Strecke durch Hersfeld geht – wenn das die beste Variante für unsere Region ist. Bis jetzt wurden die Gründe dafür noch nicht so richtig genannt.

Die Bahn hatte noch einmal Gespräche in Aussicht gestellt ...

Es hat ein Angebot gegeben. Die erste Frage bei der Videokonferenz war nach unserem Planer – den die Bahn aber gar nicht eingeladen hatte. Meinen Vorschlag, das Gespräch mit dem Termin von Markus Becker (Bürgermeister von Ronshausen und Befürworter der Strecke über Bebra – die Redaktion) zusammenzulegen, der eine Stunde früher stattgefunden hat, wurde im Vorfeld abgelehnt. Das seien verschiedene Themen.

Frei nach dem Motto: Teile und herrsche?

Man wollte uns offenbar nicht geballt haben. Ich habe das Gespräch dann nach drei Minuten beendet. Der einzige Weg wäre jetzt über politischen Druck. Nur wie finden wir Unterstützer, wenn es heißt: „Die Bahn will Bebra doch gar nicht.“ Das ist ein Kampf gegen Windmühlen.

Wir sitzen im Inselgebäude, in dem eine Ausstellung über Bebras Eisenbahnvergangenheit geplant wird. Ist das noch die Identität von Bebra? Und: Wie lange noch?

Natürlich ist das immer noch die Identität von Bebra. Ohne die Eisenbahn wären wir sehr wahrscheinlich ein kleines Dorf ohne Stadtrechte. Wir sind nach wie vor nach Kassel der wichtigste Regionalbahnhof, in dem sich der Nahverkehr kreuzt. Wir sind gut angebunden. In ca. vier Stunden könnte ich vor dem Rathaus in München stehen und mit Bayern die Meisterschaft feiern, wenn ich das wollte.

Das mag sein. Wer heute im Göttinger Bogen aufwächst, kennt die Zeiten aber nicht mehr, in denen die Wäsche nach dem Aufhängen schwarz war.

Wir sind eine kleine funktionierende Mittelstadt im ländlichen Raum. Eine Stadt, in der man gut leben, arbeiten oder von der man zumindest gut zur Arbeit pendeln kann. Man kann die Kinder von der Krippe bis zum Abitur bringen, die dann duale Studiengänge belegen oder eine Ausbildung machen und nach dem Abschluss weiter hier leben und arbeiten. Die Eisenbahn hat Arbeitsplätze gebracht. Die schwarze Wäsche hat sicherlich geprägt, ich weiß aber nicht, ob sie immer das Schönste gewesen ist. Heute prägt Bebra, indem es einfach Heimat ist. Wir brauchen uns kein neues Image aufsetzen.

Eine große Herausforderung Ihrer Amtszeit wird die Hausarztversorgung in Bebra. Wie steht es um das Medizinische Versorgungszentrum in kommunaler Hand?

Das ist eine Aufgabe, die wir lösen müssen. Es ist immer viel einfacher, wenn wir etwas als Stadt selbst regeln und die Menschen in Bebra mitnehmen können, statt von Dritten, Vierten und Fünften abhängig zu sein. Wir haben verschiedene Gespräche geführt, ohne dass wir bereits mit Ergebnissen in die Öffentlichkeit gehen können. Wir müssen die passende Immobilie, die Ärzte und deren Erwartungen sowie die freien Kassensitze zusammenbringen.

Wann fällt der Startschuss für das MVZ, wenn alles glattgeht?

Im absoluten Idealfall könnten wir im April 2022 ein MVZ aus Haus- und Fachärzten an den Start bringen. Dafür müssten wir aber auch die Sitze von der Kassenärztlichen Vereinigung so bekommen, wie wir sie gerne hätten. Immobilien gibt es in Bebra, die sich anbieten würden. Da gilt es, Kompromisse zu finden.

Clemens Herwig

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