Protest im Schaufenster

„Wir stehen alleine im Regen“ - Philippsthaler Modehaus bangt durch Lockdown um Existenz

Protest im Schaufenster: Sabine Schefzik und ihre Tochter Anika Hüchel bangen durch den Lockdown um den Fortbestand ihres Modehauses in Philippsthal.
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Protest im Schaufenster: Sabine Schefzik und ihre Tochter Anika Hüchel bangen durch den Lockdown um den Fortbestand ihres Modehauses in Philippsthal.

Die Lage im Einzelhandel ist in Folge des corona-bedingten Lockdowns dramatisch. Auch die Inhaberin des Modehauses Bott in Philippsthal bangt um ihre Existenz.

Philippsthal – „Wie viel Lockdown verträgt der Einzelhandel noch? Es reicht! Es muss weitergehen! Lasst uns öffnen! Sofort!“, prangt in großen Lettern über die gesamte Fensterfront des Philippsthaler Modehauses Bott.

Mit dem dramatischen Hilferuf im Schaufenster wollen Inhaberin Sabine Schefzik und ihre Tochter Anika Hüchel auf die prekäre Situation aufmerksam machen – nicht nur des eigenen Geschäfts mit drei weiteren Angestellten, sondern auch zahlreicher Berufskollegen. „Die Nerven liegen blank. Wenn man selbstständig ist, hat man viele unruhige Nächte. Seit Corona sind sie aber schlaflos“, sagt die Inhaberin.

Im Mai 2018 hat die 55-Jährige das Traditionsgeschäft, in dem sie vorher als Verkäuferin angestellt war, übernommen – in der Hoffnung, es bis zur Rente führen und dann an ihre Tochter übergeben zu können. Doch nach fast zehn Wochen Lockdown seien die finanziellen Reserven fast aufgebraucht.

„Instinktiv haben wir den Lockdown im Dezember kommen sehen und in der letzten Woche die Ware für 50 Prozent angeboten. Somit war es zwar ein Verlustgeschäft, aber wir haben jetzt Platz für die Frühling- und Sommer-Kollektionen“, berichtet Schefzik. Die müsse jedoch nicht nur vorfinanziert, sondern mit bis zu einem halben Jahr Vorlauf geordert werden. „Damals wurde noch versprochen, es werde keinen zweiten Lockdown geben. Darauf haben wir uns verlassen“, beklagt die Unternehmerin. Nun stehe der Einkauf der Herbstkollektion an – ohne zu wissen, ob und unter welchen Rahmenbedingungen sie verkauft werden könne. Nach dem ohnehin umsatzschwachen Lockdown light seien die Zahlen ab 16. Dezember endgültig eingebrochen und das Weihnachtsgeschäft komplett weggefallen. Pacht, Versicherungs- und Krankenkassenbeiträge fielen aber weiter an.

Brauchen gleiche Rahmenbedingungen

Schefzik und ihre Tochter präsentieren die aktuelle Kollektion im Schaufenster sowie auf Facebook und Instagram, bieten den Kunden die Möglichkeit, an der Ladentür kontaktlos Kleidungsstücke abzuholen und zuhause zu probieren, liefern auch Ware aus. Den Umsatzrückgang fange das aber nicht auf. „Ein kleines Geschäft lebt nun mal von der persönlichen Beratung“, verdeutlicht Anika Hüchel. Die Gesundheitsrisiken durch Corona stellen die 29-Jährige und ihre Mutter nicht in Abrede. Dass sich aber gleichzeitig in Discountern, die verstärkt Textilien ins Sortiment nähmen, die die Menschen an der Kasse drängten, sei mit Blick auf die harten Beschränkungen nicht nachvollziehbar. „Wir brauchen gleiche Rahmenbedingungen, unter denen Einzelhändler öffnen können“, fordert Sabine Schefzik. Anika Hüchel verweist auf das Hygienekonzept des Modegeschäfts, welches sich vor dem Lockdown bewährt habe: getrennte Ein- und Ausgänge, Plexiglascheiben an der Kasse, Maskenpflicht, regelmäßiges Lüften, Desinfektion der Türgriffe im Halbstundentakt und die Begrenzung der Kundenzahl auf eine Person pro 20 Quadratmeter.

Von der Politik fühlt Sabine Schefzik sich im Stich gelassen: „Von den versprochen Soforthilfen ist noch kein Cent angekommen. Wir stehen alleine im Regen“. (Jan-Christoph Eisenberg)

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