Wo Natur richtig „cool“ ist

Feriendorf-Betreiber in Nentershausen blicken optimistisch in die Zukunft

Nullachtfünfzehn ist für Dieter Lehmann keine Option: Selbst die Behausung für die Tiere des Streichelzoos hat er im vergangenen Jahr liebevoll gezimmert. Sie soll für den Schutz der Tiere in der Nacht sorgen. Auf dem
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Nullachtfünfzehn ist für Dieter Lehmann keine Option: Selbst die Behausung für die Tiere des Streichelzoos hat er im vergangenen Jahr liebevoll gezimmert. Sie soll für den Schutz der Tiere in der Nacht sorgen. Auf dem

Hoch über dem Feriendorf thront die Tannenburg, auf der Wiese unten im romantischen Wilhelmstal toben die Kinder.

Nentershausen – Manche Menschen fliegen bis ans Ende der Welt, um mal „richtigen“ Urlaub zu machen und die Seele baumeln zu lassen. Im Feriendorf Nentershausen sind es nur ein paar Schritte, die man gehen muss, bis sich das Urlaubsgefühl einstellt. Mit ein bisschen Glück wird man vom Chor des Feriendorfs empfangen: Iah, iah rufen die Esel – mäh, mäh blöken die Schafe – meck meck mäh meckern die Ziegen, wenn gerade Streicheln im Streichelzoo des Feriendorfes angesagt ist.

Das Gelände mit den 29 Ferienhäusern ist eine besondere, kleine Welt für sich. Vor zehn Jahren haben Elke und Dieter Lehmann das Feriendorf gekauft und betreiben es seitdem mit viel Herzblut und jeder Menge Arbeit. Die Renovierungsarbeiten laufen seit dem ersten Tag. In wenigen Monaten ist das Dorf einmal durchrenoviert.

Die Krise

Die Corona-Krise zwingt auch das Betreiberehepaar, auf die Bremse zu treten. Die Tourismus-Branche leidet besonders unter dem Lockdown. Trotzdem wissen Dieter und Elke Lehmann, dass es eine Zeit nach Corona geben wird, und sie bereiten sich darauf vor. „Allerdings brechen zurzeit viele touristische Strukturen weg, die auch nicht einfach so wieder aufgebaut werden, wenn die Corona-Krise überstanden ist. Wir müssen zum Teil neue Strukturen aufbauen“, sagt Lehmann. „Es ist wichtig, dass wir nach der Krise gut aufgestellt starten können. Und wir wissen, was für ein großes touristisches Potenzial in unserer Region steckt“, betont der Schreinermeister. „Unsere Region wird aufgrund des Wandels in touristischer Hinsicht nach der Krise stärker nachgefragt sein, und darauf sollten wir uns vorbereiten.“ Die geplante Hängebrücke in Rotenburg und den Skywalk am Aussichtspunkt Holstein bei Sontra sieht er als Vorbilder für impulsgebende Projekte.

Ausbau zum Vier-Sterne-Ferienhaus: Elke und Dieter Lehmann in einem der größeren Ferienhäuser, die fertig saniert sind. Die Häuser sind so gut isoliert, dass es im heißen Sommer kühl bleibt und im kalten Winter mit der Ofen-Heizung warm.

„Heimat muss nicht negativ behaftet sein. Wir sind durchaus eine Urlaubsregion und sollten uns auch so darstellen und nicht unter Wert verkaufen“, sagen die Betreiber. Den Optimismus schöpfen die Lehmanns aus ihrer eigenen langjährigen Erfahrung. Um die Kinder gleich auf ihrer Ebene abzuholen, braust Dieter Lehmann bei ihrer Ankunft mit dem Quad samt Anhänger zum Bus, um die Koffer zu transportieren. „Viele Kinder steigen aus und finden es so mitten in der Natur erst mal ziemlich uncool“, erzählt Elke Lehmann. Doch bei vielen Kindern und Jugendlichen ändert sich das schon nach ein oder zwei Tagen.

Die Wandlung

Es gibt kaum eine Gruppe, die im Feriendorf Urlaub macht, die die Betreiber nicht ins wortreich nach Bad Hersfeld schicken, die Wissens- und Erlebniswelt für Sprache und Kommunikation. „Die Kids sind beeindruckt von diesem kolossalen Kontrast. Auf der einen Seite das Abenteuer der ländlichen Natur und nur wenige Kilometer entfernt eine einzigartige Einrichtung, die unterhaltsam Bildung vermittelt“, erzählt Elke Lehmann. Teamtrainer werden engagiert, die Vertrauensspiele mit dem Nachwuchs veranstalten. Auch die Erfahrung der Jugendlichen, für ein eigenes Haus verantwortlich zu sein, prägt sie. Und wenn sie am Ende wieder in ihren Bus steigen, war der Urlaub für viele dann doch „saucool“.

Das Feriendorf ist ein beliebtes Ziel: Die Familie Wiedlack-Kortenbruck aus Gelsenkirchen kommt seit 55 Jahren nach Nentershausen. 45 Jahre lang kam sie in die Pension von Dieter Lehmanns Eltern, nun seit zehn Jahren ins Feriendorf.

Die Häuser

Die Lehmanns haben das Feriendorf vor zehn Jahren übernommen mit 4000 Übernachtungen pro Jahr. „Wir konnten die Belegung erheblich steigern. Im Jahr 2019 verbuchte die Gemeinde Nentershausen 28.500 Übernachtungen, davon 23.500 im Feriendorf“, berichtet Elke Lehmann. Im ersten Halbjahr 2020 war wegen Corona keine Belegung möglich. Seit dem 25. Juli sind wieder Gäste im Feriendorf, neun holländische Familien mit etwa 70 Personen. Wegen der Corona-Vorgaben ist das Feriendorf zurzeit nicht voll ausgelastet.

„Auch wenn der touristische Bereich hart von der Corona-Krise getroffen wird, halten wir die gesetzlichen Vorgaben zum Schutz der Menschen für richtig und gut“, betont das Betreiber-Ehepaar.

Das Feriendorf setzt mit seinem Konzept unter anderem auf einen christlichen Reiseveranstalter aus Holland, über den Familien nach Nentershausen kommen (35 Prozent der Belegung in normalen Zeiten). Weitere wichtige Bausteine sind Klassenfahrten (30 Prozent) und Einzelreisende (35 Prozent).

Das Dorf besteht aus 20 Häusern, die 54 Quadratmeter Fläche haben und 9 Häusern mit 74 Quadratmetern Fläche, einem Gemeinschaftshaus, einem Backhaus, mit dem problemlos mal 120 Kinder mit Pizza versorgt werden können, und vier Hektar Wald. Schulklassen werden voll verpflegt. Im Feriendorf unterstützt werden die Lehmanns von ihren beiden Töchtern, die beide Lehramt studieren.

Das gesamte Dorf ist voraussichtlich Ende 2020 einmal komplett durchrenoviert. „Das ist ein Haufen Arbeit, aber es macht Spaß“, sagt Dieter Lehmann. „Ohne unsere Schreinerei im Rücken ginge das gar nicht.“ In den vergangenen Monaten wurden die Balkons und Terrassen der kleineren Häuser komplett neu aufgebaut. Das steht kurz vor dem Abschluss. „Die Fassaden sind aus ortsüblichem Naturschiefer. Das Kiefernholz für die Balkone kommt aus dem Wald des Feriendorfes“, berichtet Lehmann.

Die Renovierung der größeren Häuser kommt auch gut voran. Dazu werden sie nahezu entkernt. Vier der 4-Sterne-Häuser mit hohem Standard sind fertig. Altersgerechte Gestaltung ist selbstverständlich. Auch Wlan gibt es mittlerweile im ganzen Dorf.

Und die Lehmanns sind auch noch auf etwas anderes stolz: „Das Feriendorf trägt sich wirtschaftlich selbst. Was wir einnehmen, stecken wir auch wieder in das Feriendorf. Wir sehen das Feriendorf auch als Investition in unsere Zukunft und in die wirtschaftliche Entwicklung der Region.“

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