Ökosysteme in Deutschland

Wie wirkt sich der Wolf auf Wild und Wald aus? „Man weiß es einfach noch nicht“

Hängt alles zusammen: Der Wolf ernährt sich hauptsächlich von Rehen, aber auch von Rotwild und Wildschweinen – sie alle gehören zum sogenannten Schalenwild, weil ihre Hufe Schalen genannt werden. Laut dem Hessischen Umweltministerium gibt es zu viel Schalenwild in hessischen Wäldern, was die Wiederaufforstung behindert. Sie ist vor allem wegen Borkenkäfer- und Sturmschäden nötig, wie man im Bild links unten sieht, das im Forstrevier Hönebach entstanden ist.
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Hängt alles zusammen: Der Wolf ernährt sich hauptsächlich von Rehen, aber auch von Rotwild und Wildschweinen – sie alle gehören zum sogenannten Schalenwild, weil ihre Hufe Schalen genannt werden. Laut dem Hessischen Umweltministerium gibt es zu viel Schalenwild in hessischen Wäldern, was die Wiederaufforstung behindert. Sie ist vor allem wegen Borkenkäfer- und Sturmschäden nötig, wie man im Bild links unten sieht, das im Forstrevier Hönebach entstanden ist.

Der Wolf war in Nordhessen fast 200 Jahre lang ausgerottet. Nun kehrt das Raubtier zurück.  Wir beleuchten in einer Serie verschiedene Aspekte des Themas.

„Wo der Wolf jagt, wächst der Wald.“ So lautet ein russisches Sprichwort. Als es vor anderthalb Jahren erste Wolfsangriffe auf Nutztiere in Nordhessen gab, erklärte Klaus-Ullrich Battefeld vom Hessischen Umweltministerium, der Wolf vervollständige das heimische Ökosystem. Auch der Naturschutzbund Nabu verkündet, dass sich Wölfe positiv auf den Wald auswirken. Unter anderem in Jägerkreisen ist man skeptisch und befürchtet, dass der Wolf sogar – im Gegenteil – mittelbar Schaden anrichtet.

Gesicherte Erkenntnisse zu den Auswirkungen des Raubtieres auf Wild und Wald in Deutschland gibt es bislang nicht, denn wissenschaftliche Studien haben sich hier seit der Rückkehr des Tieres vor 20 Jahren damit kaum auseinandergesetzt.

Auf die Frage unserer Zeitung nach wissenschaftlichen Belegen verweist Mark Harthun, Biologe und stellvertretender Geschäftsführer des Nabu Hessen, auf einen Beitrag des österreichischen Fernsehsenders ORF von 2015. Dort kommt der Ökologe Luke Painter der Oregon State University zu Wort, der unter anderem im Yellowstone Nationalpark Beobachtungen gemacht hat. Dort hätte ein zu großer Bestand an pflanzenfressendem Rotwild dafür gesorgt, dass kaum noch Sträucher und Bäume wuchsen, was das gesamte Ökosystem ins Ungleichgewicht gebracht habe – das habe sich seit 1995 mit der Wiederansiedlung von Wölfen geändert.

Beim Bundesjagdverband bezweifelt man, dass solche Studien aus naturbelassenen Gebieten auf Deutschland übertragbar sind. „Die Wirkung von Wölfen auf den Wald ist in unserer Kulturlandschaft begrenzt“, sagt Artenschutzreferent Dr. Armin Winter, der in Biogeografie über den Verbiss von Rehwild promoviert hat. In den großen amerikanischen Nationalparks gebe es keine Jagd, keine Weidetierhaltung und keinen von Menschen geplanten Forstbau. Er hat zu dem Thema im Magazin „Unsere Jagd“ im September einen Artikel geschrieben. Interessenvertreter aus dem Forst würden die Rückkehr des Wolfes oft mit der Vorstellung verbinden, dass das Raubtier die Schalenwildbestände (also unter anderem Hirsche, Rehe und Wildschweine) reduzieren würde – und dadurch auch die Verbissschäden zurückgehen würden. Es sei aber „von kaum einem Forstbetrieb bekannt“, dass man die Bejagung habe reduzieren können, weil die Hoffnung tatsächlich erfüllt wurde. Verbissschäden sind derzeit ein großes Thema, auch in Nordhessen. Denn der Wald ist von Borkenkäfer- und Sturmschäden stark strapaziert – zu viele Pflanzenfresser behindern die Wiederaufforstung.

Der Einfluss von Wölfen auf die Rehwildpopulation wird gering sein.

Hessisches Umweltministerium

Winter hält es für möglich, dass der Wolf dabei mehr schadet als nutzt. Seine Anwesenheit könne, insbesondere wenn er gerade erst zurückkehre, dazu führen, dass das Wild in Einstände gedrängt wird, wo sich der Wald eigentlich gerade erholt. Das Hessische Umweltministerium äußert sich zu möglichen positiven Folgen von Wolfspräsenz mittlerweile zurückhaltender als vor anderthalb Jahren. Die Populationen von Rehen, Hirschen und Wildschweinen sei in Hessen sehr hoch – ein „substanzieller Einfluss“ von Wölfen auf die Bestände sei nicht zu erwarten. Nach Erfahrungen aus anderen Bundesländern geht das Ministerium davon aus, dass sich das Verhalten des Wildes „nicht substanziell ändern“ werde.

Winter meint hingegen, dass zumindest am Anfang die Jagd und damit die politisch gewollte Reduzierung der Wildbestände schwieriger werde, weil die Tiere heimlicher würden, hastiger äsen und ständig ihre Streifgebiete ändern. „Auch die Bildung von Großrudeln, durch die der Verbiss punktuell stark zunimmt, ist möglich. Es ist aber umstritten, ob das verstärkte Auftreten von Großrudeln nur Wölfen zugeschrieben werden kann.“

So viele Wildtiere frisst ein Wolf

Wölfe fressen laut dem Hessischen Umweltministerium durchschnittlich vier Kilogramm Biomasse am Tag. Laut Berechnungen aus der Lausitz entspreche das 65 Rehen, neun Stück Rotwild und 16 Sauen pro Jahr. Zum Vergleich: Die Stölzinger Wölfin hat zwischen Oktober 2019 und Juli 2020 nachweislich 26 Schafe, Ziegen und Kälber getötet, viele davon aber nur minimal angefressen. Ein achtköpfiges Rudel benötige 400 Rehe, 54 Stück Rotwild und 100 Sauen pro Jahr. Bei einer Territoriumsgröße von 250 Quadratkilometern (25.000 Hektar) entspricht das 0,22 Stück Rotwild, 0,4 Sauen und – Hauptnahrungsquelle von Wölfen – 1,6 Rehen pro 100 Hektar. Zum Vergleich: In Hessen erlegen Jäger jährlich laut Ministerium mehr als fünfmal so viele Rehe pro 100 Hektar. Da Hessen über eine hohe Waschbärendichte verfüge, sei anzunehmen, dass auch diese Tiere in gewissem Umfang dem Beutespektrum des Wolfes zuzurechnen seien. Die Raubtiere sind Nahrungsopportunisten und fressen gelegentlich auch Hasen, Füchse, Marder und Vögel.

Das Ministerium erwartet eine Zunahme von Großrudeln „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ nicht. Das Phänomen gebe es bereits heute und hänge von Wilddichte und Nahrungsangebot ab. Wie sich der Wolf letztlich auf den Wald auswirken wird? „Man weiß es einfach noch nicht, weil dazu bislang zu wenig Erkenntnisse vorliegen“, sagt Winter.

Ist der Wolf bedroht oder nicht?

Der Wolf ist als Art „nicht gefährdet“. Mit diesem Status wird er schon seit vielen Jahren auf der Roten Liste der Internationalen Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) geführt. Weltweit gibt es zwischen 170.000 und 200.000 Wölfe. Auf der bundesweiten Roten Liste, die das Bundesamt für Naturschutz (BfN) herausgibt, wird der Wolf hingegen als „gefährdet“ eingestuft. Ein Widerspruch?

Es ist nicht die gesamte Art Wolf, die das BfN so kategorisiert, sondern das Vorkommen in Deutschland. Es gibt in Europa verschiedene voneinander unabhängige Populationen des Raubtieres – soweit sind sich die Wissenschaftler einig. Das BfN geht ebenso wie der Naturschutzbund Nabu davon aus, dass es eine eigenständige „mitteleuropäische Flachlandpopulation“ in Westpolen und Deutschland gibt, deren Kern die Lausitz ist.

Dass es diese Population überhaupt geben soll, bezweifelt Dr. Armin Winter vom Bundesjagdverband. „Das stuft das Umweltministerium aus taktischen Gründen so ein, um den hohen Schutzstatus zu rechtfertigen“, meint er. Unter anderem Forschungen der Universität Aarhus (Dänemark) und eine Gruppe polnischer Forscher sollen belegen, dass die Bestände in Deutschland und Westpolen der westliche Rand der nordosteuropäischbaltischen Population sind, die sich bis Russland erstreckt. Diese Population ist unzweifelhaft nicht bedroht.

Das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie sagt auf Anfrage, dass es derzeit nur sehr vereinzelt Austausch zwischen den verschiedenen Beständen geben würde und diese getrennt leben, sich aber wahrscheinlich irgendwann wieder miteinander vernetzen würden. 

Wölfe waren auf der Roten Liste Deutschlands bis vor wenigen Wochen als „vom Aussterben bedroht“ klassifiziert. Sie vermehren sich exponentiell mit über 30 Prozent jährlich. Die positive Entwicklung schlägt sich nun auch in der erst Anfang Oktober aktualisierten Roten Liste nieder, wo der Bestand mit „deutliche Zunahme“ gekennzeichnet wird und Wölfe nur noch als „bedroht“ eingestuft werden.

„Der Wolf lebt hier im Schlaraffenland. Es gibt durch die hohe Wilddichte ein gutes Nahrungsangebot und keine starken Winter. Erwachsene Wölfe überleben in Deutschland, solange sie nicht bei Autounfällen sterben“, erklärt Winter. Eine vom BfN in Auftrag gegebene Studie kam im Mai zu dem Ergebnis, dass es in Deutschland Raum für 700 bis 1400 Wolfsrudel gibt. Vor einigen Jahren war man noch davon ausgegangen, dass die Raubtiere sich vor allem in unzerschnittenen verkehrsarmen Bereichen mit geringer Bevölkerungsdichte ansiedeln. 

So war es unter anderem im „Wolfsmanagement für Hessen“ von 2015 zu lesen. Damals wurden in Mittelund Nordhessen, Kellerwald, Rothaargebirge, Burgwald, Reinhardswald, Kaufunger Wald, Knüll und Vogelsberg als potenzielle dauerhafte Lebensräume für Wölfe beschrieben, das Stölzinger Gebirge wurde noch nicht erwähnt. Heute geht man davon aus, dass Wölfe „fast überall in Deutschland sesshaft werden könnten“, heißt es in der BfN-Studie.

„50 Prozent der Wölfe greifen keine Nutztiere an“

Ungefähr die Hälfte der Wolfsrudel in Deutschland hält sich von Nutztieren fern und ernährt sich ausschließlich von Wild – das schätzt Dr. Armin Winter vom Bundesjagdverband und nennt damit den gleichen Wert wie Vanessa Ludwig von der Fachstelle Wolf in Sachsen. Dorthin war das Raubtier vor 20 Jahren als erstes zurückgekehrt.

„Es gibt derzeit keine Grundlage für eine flächendeckende Bejagung. Der Jagdverband plädiert aber dafür, auffällige Wölfe, die Nutztiere reißen, konsequent zu entnehmen, also zu schießen. Das hätte keine negativen Auswirkungen auf die Entwicklung der Population“, sagt Winter.

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