Genetiker kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen

Hat ein Wolf das Kalb in Atzelrode gerissen? DNA-Ergebnisse widersprüchlich

Ein seltenes Kalb wurde bei Rotenburg getötet. War es ein Wolf? Die DNA-Ergebnisse liegen nun vor.
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Ein seltenes Kalb wurde bei Rotenburg getötet. War es ein Wolf? Die DNA-Ergebnisse liegen nun vor.

Ob das seltene Kalb in Rotenburg wirklich von einem Wolf gerissen wurde, kann auch die DNA-Analyse nicht eindeutig klären. 

  • Bei Atzelrode nahe Rotenburg wurde ein seltenes Kalb gerissen
  • Es könnte sich dabei um einen Wolfsriss handeln
  • DNA-Spuren wurden daraufhin überprüft

War es ein Wolf, ein Hund oder ein Fuchs – oder doch ein natürlicher Tod? Für das bei Atzelrode bei Rotenburg mit Fraßspuren aufgefundene Kalb liegen unterschiedliche Proben vor.

Laut dem Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG), das in Hessen für das Wolfsmonitoring zuständig ist, lautet das Ergebnis „Fuchs“ und „Spuren von Hund“.

Das bedeutet: An den Proben von den Wunden, die ein vom Land Hessen beauftragter ehrenamtlicher Rissgutachter am Kadaver genommen hat, ist eindeutig Fuchs-DNA nachgewiesen worden. Dass auch „Spuren von Hunde-DNA“ nachgewiesen wurden, heißt laut der HLNUG-Wolfsbeauftragten Susanne Jokisch natürlich nicht, dass Fuchs und Hund gemeinsam auf die Jagd gegangen sind. Die Probe könnte mit Hunde-DNA auch lediglich kontaminiert sein. Ein Fuchs hingegen hat eindeutig an dem Kalb gefressen.

Wolf in Hessen: Hat er ein Kalb bei Rotenburg gerissen?

Auf Nachfrage, ob das HLNUG davon ausgeht, dass der Fuchs das Kalb auch getötet hat, heißt es: „Das erscheint eher unwahrscheinlich. Die Verletzungen des Kalbes sprachen dafür, dass das Kalb gar nicht gerissen wurde, sondern dass es an einer anderen Todesursache gestorben ist und Füchse an dem verendenden oder bereits toten Kalb gefressen haben.“

Manuel Stück, dem die Herde von knapp 30 Rindern der vom Aussterben bedrohten Rasse Rotes Höhenvieh gehört, hält das für „absolut nicht plausibel“. Das Kalb sei noch am Abend zuvor völlig vital und fit gewesen. „Das Land will einfach kein Wolfsterritorium ausweisen. Beziehungsweise, das eine im Vogelsberg reicht denen erst mal“, sagt er.

Wolfsriss in Rotenburg? Wölfin wurde in Region gesichtet

Der Hintergrund: Seit August 2019 ist im Bereich Nentershausen, Rotenburg, Spangenberg und Sontra bereits mehrfach die Wölfin mit dem Kürzel GW1409f genetisch nachgewiesen worden. Wenn ein Wolf über mehr als sechs Monate in einem Gebiet nachgewiesen wird, spricht man laut deutschlandweiten Kriterien von einem Territorium. 

Es gibt Bundesländer, in denen in anerkannten Wolfsterritorien Weidetierhalter weitaus mehr staatliche Hilfe erhalten. In Hessen hingegen gibt es bislang keine besonderen Förderungen in offiziellen Wolfsgebieten. Im Bereich Vogelsberg wurde ein Territorium vom HLNUG vergangene Woche just an dem Tag offiziell bestätigt, als das DNA-Ergebnis für Atzelrode veröffentlicht wurde.

Alle deutschen Bundesländer lassen Proben, die auf Wolfs-DNA überprüft werden sollen, beim Senckenberg-Institut in Gelnhausen auswerten. Weil Rinderbesitzer Manuel Stück von vornherein misstrauisch gegenüber den hessischen Landesbehörden und Senckenberg war, hat er eine B-Probe gemacht. Er hat selbst DNA sichergestellt und an das Hamburger Labor For Gen geschickt – das Labor für forensische Genetik und Rechtsmedizin wird regelmäßig von deutschen Gerichten in der Beweisführung herangezogen.

Wolf in Hessen: Spuren von zwei verschiedenen Caniden

Dort wurde eine Mischspur von mindestens zwei verschiedenen Caniden festgestellt. Unter Caniden fallen unter anderem Wölfe, Hunde und Füchse. Zudem seien bei der Analyse Merkmale festgestellt worden, die bislang ausschließlich bei Wölfen nachgewiesen worden. Das bedeutet: Laut For Gen war ein Wolf beteiligt.

Wichtig ist: For Gen und Senckenberg haben unterschiedliche Proben ausgewertet. Daher ist es möglich, dass die Ergebnisse beider Institute korrekt sind. Am getöteten Kalb könnten sowohl ein Wolf als auch ein Fuchs gefressen haben. Auf Nachfrage unserer Zeitung, ob man es für möglich halte, dass beide Ergebnisse richtig sind, antwortet das HLNUG nicht direkt. „Es steht Tierhaltern selbstverständlich frei, Proben an andere Labore zu schicken.“ Für das HLNUG seien aber die Senckenberg-Ergebnisse maßgeblich.

Wolf in Hessen: DNA-Spuren aus Rotenburg wurden überprüft

For Gen und Senckenberg haben sich gegenseitig in der Vergangenheit Mängel in der Methodik von DNA-Auswertungen vorgeworfen. Carsten Nowak, Fachgebietsleiter Naturschutzgenetik bei Senckenberg, ließ eine Anfrage unserer Zeitung zu diesem Thema unbeantwortet.

Von Christopher Ziermann

In Sachsen-Anhalt ist ein Video, das angeblich einen Wolf zeigt, in den Sozialen Netzwerken viral gegangen.

Von dem am Freitag im Stölzinger Gebirge nahe des Waldkappeler Stadtteiles Gehau gefundenen Kadavers einer trächtigen Hirschkuh wurde keine Genprobe genommen.

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