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310 in Trutzhain begrabene Gefangene wurden identifiziert

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Gerhard Hosemann legt eine Nelke auf den neuen Bronzetafeln nieder. Auf ihnen sind die Namen von 310 sowjetischen Kriegsgefangenen notiert. Die Bronzetafeln gestaltete der Schwalmstädter Künstler Lutz Lesch.
Gerhard Hosemann legt eine Nelke auf den neuen Bronzetafeln nieder. Auf ihnen sind die Namen von 310 sowjetischen Kriegsgefangenen notiert. Die Bronzetafeln gestaltete der Schwalmstädter Künstler Lutz Lesch. © Philipp Knoch

Vor 83 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Jetzt haben 310 Tote ihre Namen zurückerhalten. Auf dem Waldfriedhof Trutzhain wird an sie erinnert.

Trutzhain – Der Waldfriedhof in Trutzhain ist ein Mahnmal dafür, was Krieg und Faschismus anrichten können. Über 3000 Kriegsgefangene aus dem angrenzenden Stalag, hauptsächlich sowjetische, aber auch serbische Soldaten wurden hier verscharrt. „Sie waren in der Ideologie des Dritten Reichs Untermenschen, man wollte sie nicht auf dem normalen Friedhof bestatten“, berichtet Gerhard Hosemann, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte und Museum Trutzhain und Organisator des Antikriegstags.

Tote wurden identifiziert

Neben dem Erinnern an den Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 wurden an diesem Antikriegstag Bronzetafeln mit den Namen verstorbener Kriegsgefangenen eingeweiht. Die Mitarbeiter des Museums Trutzhain konnten in jahrelanger Arbeit die Namen von weiteren 310 sowjetischen Kriegsgefangenen ermitteln, die auf dem Waldfriedhof beigesetzt sind. Bei neun Toten konnten sie das genaue Grab lokalisieren. Bisher kannte man die Namen von 378 sowjetischen und drei serbischen Kriegsgefangenen.

Überschattet vom Krieg in der Ukraine

Die Gedenkveranstaltung, von dem Chor „Die drei Vorzeichen“ musikalisch begleitet, stand ganz im Zeichen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. In ihrer ökumenischen Andacht riefen Gemeindereferentin Gabriele Döll und Dekan Christian Wachter angesichts des Leids der Bevölkerung zum Frieden auf. Jürgen Kaufmann, Erster Kreisbeigeordneter des Schwalm-Eder Kreis, erinnerte daran, dass jeder für die demokratischen Werte, die ein Leben in Frieden und Freiheit sicherten, eintreten müsse. „Gedenktage sagen etwas darüber aus, was der Gesellschaft wichtig ist.“ Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seien verknüpft, das sei im Krieg gegen die Ukraine deutlich geworden. In diese Kerbe schlug Dr. Claudia Baumgart-Ochse von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. „Der Krieg bringt unermessliches Leid über die Zivilbevölkerung.“ An die Opfer von faschistischen Ideologien, an die Opfer von Kriegsverbrechen erinnere die Gedenkstätte Trutzhain und der Antikriegstag. Die Ukraine bräuchte Unterstützung durch Sanktionen gegen Russland, aber auch durch Waffenlieferungen. „Irgendwann müssen Verhandlungen geführt werden. Aber das ist erst möglich, wenn für Putin der Krieg mehr kostet als der Frieden“, führte die Friedensforscherin weiter aus. Eine einig handelnde EU sei existenziell für eine Friedensordnung nach dem Krieg.

Peter Boucsein vom DGB Kreisverband Schwalm-Eder sprach zu der Motivation der Mitarbeiter der Gedenkstätte. „Den Menschen ihren Namen zu nehmen war Methode der Faschisten, unsere Aufgabe ist es den Menschen ihre Namen wieder zurückzugeben.“ Gerhard Hosemann zeichnete exemplarisch das Leben von Sergej Karepanow, einem der neu identifizierten Kriegsgefangenen, nach. „In deutscher Gefangenschaft bestimmten Unterernährung, Misshandlungen und Zwangsarbeit das Leben des damals 26-Jährigen“, erzählte Hosemann. Sergej Karepanow lebte nach seiner Gefangennahme kein Jahr mehr. (Philipp Knoch)

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