Angeklagter war im Wahn

45-Jähriger aus dem Schwalm-Eder-Kreis muss nach Körperverletzung in die Psychiatrie

Eine Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand.
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Eine Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand.

Ein 45-Jähriger ist vom Marburger Landgericht von einer Reihe von Vorfällen freigesprochen worden. Allerdings wird der Mann auf Anordnung des Richters in einer Psychiatrie untergebracht.

Marburg/Schwalm-Eder – Freispruch, Unterbringung in der Psychiatrie, die Verfahrenskosten obliegen dem Angeklagten – so viel zur Kurzversion eines interessanten letzten Verhandlungstages. Schon zu Beginn des Verfahrens um eine Reihe von Vorfällen der Bedrohung, um Nötigung und Körperverletzung stand die Diagnose „paranoide Schizophrenie“ im Raum. Der 45-Jährige sei im Wahn gewesen, als er etwa seinen Schwager im Dezember 2017 mit einem Küchenmesser bedroht habe und als er am Schwalmstädter Bahnhof einen Unbekannten unvermittelt in den Nacken geschlagen haben soll mit den Worten „Sie sind ein Spion!“.

Jetzt sprach der psychiatrische Gutachter Dr. Rolf Speier von drei wesentlichen Komponenten: Einer chronischen Psychose-Erkrankung, einer schweren Suchterkrankung mit verschiedenen Substanzen und einer gewissen „Dissozialität“ im Charakter. „Sie hatten es von Anfang an schwer“, wandte sich die Vorsitzende Richterin Beate Mengel, Vize-Präsidentin des Marburger Landgerichts, in der Urteilsbegründung an den Beschuldigten. Denn zur Biografie hatte Dr. Speier berichtet: Schon in frühen Jugendtagen war der Angeklagte Teil einer Bande, hatte auch früh im Leben mit Heroin und anderen Substanzen zu tun, ist seit über 20 Jahren nicht mehr auf dem ersten Arbeitsmarkt, sondern arbeitet in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Im Jahr 2007 sei er nach Frankfurt umgezogen und habe viele Heime und Kliniken durch, aber: „Er hatte zu keiner Zeit eine durchgängige medikamentöse Behandlung“, attestiert der Sachverständige. Zur „Dissozialität“ beschreibt er: „Nirgends hat sich der Angeklagte länger an Regeln gehalten.“

Angeklagter war im Wahn: Urteil ist rechtskräftig

Kurz vor den Taten Ende 2017 war der Beschuldigte in den Schwalm-Eder-Kreis zurückgekehrt und dabei nicht mit Medikamenten versorgt: „Da ist Ihr Verhalten völlig abgeglitten“, sagte die Vorsitzende. Denn, wie die Verfahrensbeteiligten auch in den Plädoyers festgestellt hatten, trifft es zu, dass der Angeklagte seinen Schwager mit dem Messer bedroht, den Unbekannten am Bahnhof geschlagen, dass er gut zwei Jahre später Personal seiner Wohngruppe bedroht hatte, kurz danach einen Mitbewohner auch mit einem Messer. „Ich glaube, dass er bei allen Taten schuldunfähig war“, sagte Staatsanwältin Janina Schwab mit Bezug auf das Gutachten. Verteidiger Martin Simon sagt in seinem Plädoyer: „Ich kann leider keine Gründe vorbringen, die Maßregel zur Bewährung auszusetzen. Es fehlen die Alternativen.“

Auch Richterin Mengel befindet bei der Urteilsverkündung: „Die Unterbringung ist notwendig, da sonst vergleichbare oder sogar schlimmere Dinge passieren.“ Das Urteil ist rechtskräftig, denn beide Seiten verzichteten auf Rechtsmittel. Der 45-Jährige sagt am Schluss: „Ich werde mein Bestes geben.“ (Beatrix Achinger)

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