Geschichtsbuch als Weihnachtsgruß

1941: Broschüre der Wachmannschaft - Stalag IXA wurde zu Bad Oberstdorf

Zynisch: Das Stalag IX A als „Bad Oberstdorf“, benannt nach dem Kommandanten Oberst Linke. Er leitete das Stalag von September 1940 bis zum Januar 1943, danach war er Kommandant des Stalag IX B Bad Orb. Repros: Lindenthal

Ziegenhain. Zu Weihnachten 1941 erschien, gedruckt in der Druckerei des Stalag IXA Ziegenhain, eine 29-seitige Broschüre der Wachmannschaft als Weihnachtsgruß.

Die Texte waren von Unteroffizier Gerhard Weiß, der bei Hainmüller, heute Elektro Rieper, in der Wiederholdstraße in Ziegenhain wohnte, in Versform verfasst. Gefreiter Heinrich Wendel steuerte Zeichnungen bei. Einige Kostproben:

„Sie werden staunen, hier im Land ist zwar der Kurort kaum bekannt, trotzdem schon in der weiten Welt sein Name weitaus öfter fällt. Dort sagt man: Stalag Ziegenhain, doch in den Namen muss hinein, dass dieser Ort ein Kurort ist. Ich schlage vor, man setze Frist und nächsten Ersten fange man hier unter neuem Namen an. Ich will dem auch gleich Rechnung tragen, um einen Namen vorzuschlagen: Was wir hier unter Stalag kennen, müsst´ man „Bad Oberstdorf“ benennen!“

Die Kriegsgefangenen werden durchweg als „Gäste“ bezeichnet: „Wenn´s einem Gast zu gut mal geht, verschreibt der Direktor dann Diät, je nach des Patienten Lage, für drei bis einundzwanzig Tage. Hat einer etwas Fett verloren, sagt er ihm leise in die Ohren: Das viele Fett war ja nicht gut! Was Wunder doch der Kurort tut!“

Geschichte der Stadt 

Gruß vom Kommandanten: Oberst Linke.

Ein Abschnitt erzählt die Geschichte der Stadt Ziegenhain. Dort heißt es am Schluss: „Doch plötzlich ward es eine Stadt, die auch tatsächlich Weltruf hat. In Polen ist sie schon bekannt und noch in manchem andern Land. Es riefen doch die Polenhorden, die einst im Osten frech geworden: Wir möchten gern gefangen sein, wir wollen doch nach Ziegenhain! Als später die Franzosenscharen im Westen angetreten waren, und kurz darauf ihr General: Ganze Abteilung kehrt - befahl, da sagten sie: Ach lasst´s doch sein, wir gehen auch nach Ziegenhain! Nur ist´s den Tommies nicht bekannt, wie schön es ist im Schwälmerland, - sonst würden die doch längst schon schrei´n: Ach, holt uns doch nach Ziegenhain!“

Ein Jahr später, zu Weihnachten 1942, ist der Gruß deutlich dünner und besteht aus einem „Führerwort“ und einem Gedicht „Ziegenhain bleibt Ziegenhain“. Der Dichter ist wieder Unteroffizier. Weiß, die Vertonung besorgte Gefreiter Hans Apel.

„In Ziegenhain sind lange schon Soldaten in Quartier, und es bleibt eine Garnison solang´ das Stalag hier. Und du, und du, du kleine Schwälmer Leisebeth wir bleiben bei dir, du bist so nett in deiner bunten Tracht. Zwar selten nur marschieren wir durchs Ziegenhainer Land, und doch sind wir vom Stalag hier längst allen gut bekannt. Ziegenhain bleibt Ziegenhain ist ein geflügelt Wort, das prägt sich in´s Gedächtnis ein, wenn wir von hier einst fort. Denn kommen wir mal fort von hier zu einer neuen Pflicht: Dich, Ziegenhain, vergessen wir in unserm Leben nicht.“

Die Gefangenen 

Während die deutschen Wachsoldaten sich in Ziegenhain offenbar wohl fühlten, bestand die Welt hinter Stacheldraht für die meisten Kriegsgefangenen aus Hunger, Missachtung und Hoffnungslosigkeit. Viele von ihnen überlebten die Gefangenschaft nicht.

Iwan Gusew notierte am 24. Dezember 1944: „Heute ist in Deutschland Heilig Abend. Ich habe die eklig-süße, klebrige Kohlrübensuppe gegessen, aber sie schmeckt nach gar nichts und mein Hunger ist nicht gestillt. Die Füße frieren, der Hunger zernagt meine Kehle (…) Es scheint, dass der Winter, die Kälte, der Hunger, die Sehnsucht und die Not kein Ende nehmen werden und dass es in der Welt keine Freunde, keine Wärme, keine Liebe und kein Mitgefühl gibt und nie gab."

Von Bernd Lindenthal

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