Abschiedsporträt

Alles eine Frage der Haltung: Klemens Olbrich wurde der dienstälteste Bürgermeister im Kreis

Auf neuen Wegen: Seit gestern ist Klemens Olbrich Pensionär. Das Foto entstand diese Woche an der Seigertshäuser Straße, wo er oft spazieren geht. Drei Jahrzehnte war der Christdemokrat Neukirchens Bürgermeister.
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Auf neuen Wegen: Seit gestern ist Klemens Olbrich Pensionär. Das Foto entstand diese Woche an der Seigertshäuser Straße, wo er oft spazieren geht. Drei Jahrzehnte war der Christdemokrat Neukirchens Bürgermeister.

Nach 30 Jahren und 18 Tagen im Amt als Neukirchens Bürgermeister ist Klemens Olbrich am Abend des 20. November verabschiedet worden.

Neukirchen - Ziemlich frostig ging es dabei zu, ungewöhnlich wenige Menschen für einen solchen Anlass waren dabei – doch das hatte natürlich allein Infektionsschutzgründe. Einer wie Klemens Olbrich aber betrachtet das große Ganze, es braucht schon viel, um ihn aus der Façon zu bringen.

Drei Jahrzehnte auf dem Chefsessel im Kneippheilbad haben ihn wetterfest gemacht in Haltungsfragen. Es gab Sturmtiefs, so, als es mit dem Zuzug eines Sexualstraftäters umzugehen galt, eine Großfamilie nach dem Brand ihres Hauses neu unterzubringen war oder die Ex-Rehaklinik im Urbachtal eine gigantische Aufnahmeeinrichtung für Geflüchtete werden sollte. Wie es im Leben oft so ist, ließ sich vieles gemäß des Olbrich´schen Haltungskodex regeln, ein „Moderator, nicht Imperator“. Andere Wolken verzogen sich einfach so.

Nie verfliegen wird die Tragödie von Seigertshausen, wo drei Kinder im Dorfteich ertranken. In seinem Ruhestand wird sich Olbrich in zweiter Instanz vor dem Marburger Landgericht einfinden, wo es von vorn um all das gehen wird, was vor dem Unglückstag 18. Juni 2016 geschah – oder unterblieb. Ein persönliches Versagen oder schuldhaftes Versäumnis empfindet der Jurist mit zwei Staatsexamen in keinster Weise. Wenn es eine Einordnung geben müsse, so treffe es der Begriff eines kollektiven Unvermögens wohl am ehesten, sagt er.

Wohltuend ist es für ihn immer, wenn Menschen, „auch solche, von denen ich es gar nicht erwartet hätte“, ihm ihre Solidarität und ihr Mitgefühl in dieser Sache bekunden. Vom Wohnhaus der Olbrichs, das sich die Familie in den frühen Dienstjahren erbaut hatte und wo die drei Kinder aufgewachsen sind, ist man in wenigen Fußminuten Richtung Steinwald über der Stadt und genießt den Überblick über weite Teile der Kommune. Die Baugebiete haben sich gefüllt oder tun das jetzt. Neukirchen, so befindet der scheidende Verwaltungschef zufrieden, ist ein guter Platz für Jung und Alt.

Kindergärten wurden und werden gebaut, Hallen- und Freibad sind auf dem Stand der Technik, Altstadtsanierung und Dorferneuerungen gab es, Sport- und Spielanlagen entstanden, viel Geld und Engagement wurden in Straßen und Leitungen, in Gemeinschaftshäuser, Feuerwehren, Touristisches und vieles mehr gesteckt.

Aber Klemens Olbrich ist auch stolz auf Leistungen, die nicht in Beträgen aufrechenbar sind, so die Einführung der Gedenkveranstaltungen zur NS-Pogromnacht schon 1993. Bundeswehr, Brandschützer, die Partnerschaften der Stadt mit Franzosen und Ungarn, da könne man vieles und viele aufzählen. In diversen Verbänden und Gremien arbeitete Olbrich mit. Die Leitung der Bürgermeister-Kreisgruppe hat er kürzlich planvoll in jüngere Hände übergeleitet, an anderen Stellen wie dem WSB-Aufsichtsrat (Wohnungs- und Siedlungsbaugenossenschaft) will er weitermachen. Arbeit gebe es immer, aber ausschließlich ehrenamtliche, ist er sich sicher.

Der Abschied gerade jetzt ist genau richtig, findet der 63-Jährige, der von halben Wahlperioden überhaupt nichts hält. Die Rekordamtszeit von 30 Jahren hat er vital erreicht, und das genüge nun vollauf. Aus dem Nordkreis stammend, wurden aus den Olbrichs dabei echte „Neukircher“. Und das Neukirchen, wie es heute dasteht, hat viel mit Klemens Olbrichs Lebenswerk zu tun. (Anne Quehl)

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