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Am Bahnhof in Treysa erinnern nun Gedenkbänder an den Holocaust

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Von: Maike Lorenz

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Die Töchter von Hans Joachim Spier stehen vor den eingravierten Namen ihrer Großeltern im Treppenaufgang zu Gleis 2. Die Gedenkbänder sind über dem Geländer der Treppe befestigt.
Die Töchter von Hans Joachim Spier stehen vor den eingravierten Namen ihrer Großeltern im Treppenaufgang zu Gleis 2. Von links Paula Bradbury, Sally Cunningham und Margaret Brewer. © Maike Lorenz

Im Mai und September 1942 deportierten die Nationalsozialisten 53 jüdische Menschen aus Schwalmstadt und Umgebung in Konzentrationslager. Daran erinnern nun Gedenkbänder am Bahnhof in Treysa.

Treysa – Gleis 2 am Bahnhof in Treysa ist für Pendler bisher ein Gleis wie jedes andere gewesen. Dass die Nationalsozialisten von hier aus die jüdischen Bürger aus Treysa, Ziegenhain und Umgebung in Konzentrationslager deportiert haben, war nicht erkennbar. Jetzt ist das anders.

Im Treppenaufgang zum Gleis hängen von nun an Gedenkbänder, die an insgesamt 53 jüdische Bürger erinnern. Am Mittwoch übergab der Arbeitskreis, der die Installation organisiert hat, die Bänder im Rahmen einer Gedenkveranstaltung am Bahnhof an die Öffentlichkeit. Über einen QR-Code lassen sich Informationen zu den deportierten Menschen abrufen.

Foto von Jürgen Junker
Jürgen Junker, Mitglied des Arbeitskreises © Lorenz, Maike

„Sie waren Eltern, Söhne und Töchter“, sagt Jürgen Junker, Mitglied des Arbeitskreises, bei seiner Ansprache auf der Gedenkveranstaltung. Fast alle der 53 deportierten Bürger sind von den Nationalsozialisten ermordet worden. „Nur Josef Abraham aus Treysa und Salomon Spier aus Merzhausen überlebten das Lager“, sagt Junker. Salomon Spier sei jedoch knapp zwei Jahre nach seiner Rückkehr nach Merzhausen an den Folgen der Lagerhaft gestorben.

Die Geschichte von Rosel Spier und Willi Spier

In dem ersten von zwei Transporten hatten die Nationalsozialisten 39 Menschen deportiert. Unter diesen 39 Menschen waren auch Rosel Spier (48) und Willi Spier (51) aus Treysa. Rosel Spier starb auf dem Weg ins Konzentrationslager Sobibor und Willi Spier ermordeten die Nationalsozialisten bei der Ankunft in Sobibor.

Ihren Sohn Hans Joachim Spier, der von allen nur Jack genannt wurde, hatten Rosel und Willi Spier drei Jahre zuvor mit einem sogenannten Kindertransport nach England in Sicherheit gebracht: „Jack wurde im Alter von elf Jahren mit Umarmungen und Küssen, einem kleinen Koffer und einem Apfel in der Hand weggeschickt“, berichtet Sally Cunningham. Sie ist eine der drei Töchter von Hans Joachim Spier, die an der Gedenkveranstaltung am Bahnhof teilnahmen.

„Jack wusste nicht, dass es das letzte Mal sein würde, dass er seine geliebten Eltern sah.“ Bei seiner Abreise sei ihm gesagt worden, „dass ihm seine Eltern in Kürze folgen würden“.

Hans Joachim Spier hatte sich für das Gedenken eingesetzt

Für die Gedenkveranstaltung war Sally Cunningham gemeinsam mit ihren beiden Schwestern extra aus England angereist. „Es war immer der Wunsch unseres Vaters, dass es eine Gedenkstätte für seine Familie und auch die vielen anderen Menschen, die vom Bahnhof Treysa in den Tod transportiert wurden, gibt.“ Hans Joachim Spier starb 2007 in England, aber Sally Cunningham ist sich sicher: „Er würde sich sehr freuen, dass diese Zeremonie heute stattfindet.“

Nach Grußworten unter anderem von Bürgermeister Stefan Pinhard und dem Wortbeitrag von Sally Cunningham lasen Schüler des Schwalmgymnasiums Treysa die Namen der 53 deportierten Menschen vor. Die Gedenkveranstaltung wurde musikalisch durch Schüler des Schwalmgymnasiums begleitet. Insgesamt nahmen etwa 80 Menschen an der Gedenkveranstaltung teil.

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