Kunstwissenschaftler Konrad Nachtwey parlierte über Skandalträchtiges in der Kunst

Mit Anstoß zu neuem Aufbruch

Treue Besucher: Zur Schar der Kunstinteressierten gehören regelmäßig Diethard und Barbara Bersch (links) sowie Jutta und Harald Schmidt (rechts), in der Mitte Museumsleiter Konrad Nachtwey.

Ziegenhain. Skandale sind keine Angelegenheit der Neuzeit – das stellte Museumsleiter und Kunstwissenschaftler Konrad Nachtwey am Mittwochabend im Museum der Schwalm in Ziegenhain ganz unmissverständlich dar. Die Reihe „Kunstbetrachtungen“ setzt sich auch in diesem Jahr fort, jetzt immer mittwochs.

Die Reihen füllten sich trotz des schönen Sommerwetters zusehends, denn die Gäste wollten mehr erfahren über das pikante Thema „Skandale in der Kunst oder Kunstskandale? - Von der Verhöhnung zur Bewunderung“. Nachtwey erläuterte, dass es Skandale zu jeder Zeit, in jeder Epoche gegeben habe: „Es gab immer Dinge, die der Allgemeinheit gefielen und andere, die ihr nicht gefielen.“

Zu jeder Zeit habe es auch Tabubrecher gegeben, die sich entweder blasphemisch gaben oder schlicht Regeln brachen: gesellschaftliche, Gesetze des Anstandes oder Fragen des guten Geschmacks. Auch moralisch-ethische Grundsätze stünden stets auf dem Prüfstand. Bis heute gebe es Grenzfragen, etwa, wie weit man religiöse Gefühle verletze oder andere empöre.

Als Beispiel nannte Nachtwey die Form der Karikatur, die sich der Satire oder des Sarkasmus bediene. In der Rückbetrachtung hätten Skandale häufig zu neuen Anstößen geführt: „Neue Kunstrichtungen wurden immer skandalträchtig befördert.“ Schon 1506 habe eine Bildhauer-Gruppe die Darstellung der Skulptur beeinflusst. Aus vormals glatten Gesichtern, starren Körperdarstellungen mit einfachem Stand habe sich die muskulöse, emotionale Skulptur entwickelt.

Lebendige Oberfläche

Davon inspirieren ließ sich auch der Maler Auguste Rodin, der in Kenntnis dieser Gruppe Torsi schuf, „bewusst, um bestimmte Dinge zu zeigen, um die Oberfläche lebendig zu machen“. Überliefert sei, dass auch die Kasseler Herkules-Statue einst ohne Arme und Beine gefunden wurde. Nicht ganz skandalfrei entwickelte sich zudem der Manierismus als später Ausläufer der Renaissance. Für seine Machart signifikant seien verdrehte Körper gewesen, erläuterte Nachtwey. Auch die Überdehnung von Gliedern oder Überlängen, etwa in Werken von Tintoretto. Ausgerechnet Michelangelo habe diese Technik zum Höhepunkt gelenkt.

In der Hölle schmoren

In der sixtinischen Kapelle sei diese „unerhörte Art und Weise, zu malen“ deutlich zu sehen. „Er stellt Christus wie einen jungen Apoll dar und die Engel ohne Flügel“, konstatierte der Museumsleiter. Und: „Auch Kaiser und König können bei Michelangelo in der Hölle schmoren.“ Für damalige Verhältnisse sei das Werk monströs gewesen und habe bereits im Schaffen Proteste ausgelöst. Foto: Rose

• Nächste Kunstbetrachtung: 21. Oktober, 19 Uhr, Thema: „Symbole, Allegorien, Botschaften – was Bilder erzählen“

Von Sandra Rose

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