Eine etwas andere Klassenfahrt

Vor 25 Jahren: Schwälmer Schüler half auf Klassenfahrt Flüchtlingen

Fotografiert einen HNA-Bericht von damals: Ralf Helwig war als Schüler 1989 in Prag. Foto:  Decker

Schwalmstadt. Das Jahr 1989 war für Deutschland ein besonderes: In Prag füllte sich seit jenem Sommer die westdeutsche Botschaft mit immer mehr Ausreisewilligen aus der DDR.

60 Schüler des Schwalmgymnasiums Treysa hatten während ihrer Oberstufenfahrt in Prag diese dramatischen Tage miterlebt.

„Wir zeigten den Ostdeutschen den Weg zur Botschaft“, erinnert sich Ralf Helwig, der damals zu der Schülergruppe gehörte, und sie halfen ihnen mit Koffern und Reisetaschen. Anfangs hätten sie schon Angst gehabt, doch die rund um die Botschaft patrouillierenden Polizisten waren freundlich und korrekt.

Fünf Schüler wurden vom Besichtigungsprogramm freigestellt, damit sie sich um die Flüchtlinge kümmern konnten, und die anderen halfen nach den Museumsbesuchen ebenfalls. Wer erst einmal auf dem Botschaftsgelände gewesen sei, habe es auf keinen Fall mehr verlassen wollen. „Einer Mutter mit ihrem Sohn war es gelungen, auf das Gelände zu kommen, jedoch hatte sie nicht alles aus ihrem Trabi mitnehmen können“, erzählt Helwig. „Sie gab uns den Schlüssel, damit wir die restlichen Koffer holen konnten.“

Es sei gar nicht einfach gewesen, den geparkten Trabi zu finden, da ja mittlerweile zahlreiche Trabis auf den Straßen standen und alle gleich aussahen. „Sie wollte mir für unseren Dienst das Auto sogar schenken“, so Helwig, „aber das habe ich natürlich nicht angenommen.“

Die Zustände waren katastrophal und den Flüchtlingen fehlte es an vielem. Die Schwalmschüler spendeten von ihrem Taschengeld und kauften für die Kinder Windeln, Stifte und Süßigkeiten. „Viele DDR-Bürger gaben uns ihre Anschriften und Telefonnummern, damit wir ihre Angehörigen informierten, dass sie es in die Botschaft geschafft hätten“, erzählt Helwig.

Zu den Botschaftsflüchtlingen hatte Ralf Helwig danach keinen Kontakt mehr, aber zu vielen anderen ehemaligen DDR-Bürgern. Schon im Frühjahr 1990 bewarb sich der erste Metzger aus Thüringen im Betrieb seines Vaters. Seine Mutter kaufte einen alten Hof in Thüringen, sanierte ihn mit den ansässigen Handwerkern und betreibt seitdem dort ein Landhotel.

Doch wie überraschend der Mauerfall für alle war, zeigt ein ganz persönliches Beispiel. Seine Frau habe noch 1988 in der Schule einen Punktabzug in einer Arbeit bekommen, weil sie philosophiert hatte, die Mauer müsse weg, erinnert sich Helwig. „Schwachsinn. Das hat der Lehrer als Kommentar unter die Arbeit geschrieben.“ (zcd)

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