Festung als Spielplatz

Bernd Heil und Manfred Auffarth sind seit über 70 Jahren im TuSpo

Bernd Heil links und Manfred Auffarth auf dem Paradeplatz, den sie als Jungs als Fußballplatz nutzen.
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Bernd Heil links und Manfred Auffarth auf dem Paradeplatz, den sie als Jungs als Fußballplatz nutzen.

Seit über 70 Jahren sind Bernd Heil und Manfred Auffarth Mitglieder des TuSpo 1886 Ziegenhain. In den frühen Jahren war der Paradeplatz ihr bevorzugter Spielplatz.

Ziegenhain – Corona stellt auch die Sportvereine auf eine harte Probe, die Menschen können ihren Sport im Lockdown nicht ausüben, die Treue zum Verein steht schnell auf dem Spiel. Für zumindest zwei Mitglieder des TuSpo 1886 Ziegenhain ist das kein Thema: Bernd Heil (85) und Manfred Auffarth (84) gehören dem Verein seit 75 bzw. 73 Jahren an. Das gab es in der Vereinsgeschichte noch nicht seit Beginn der Aufzeichnungen, und Vorsitzender Thomas Schrammel hat es zum Anlass genommen, die beiden ein wenig über alte Zeiten erzählen zu lassen, vor allem aus den ersten Jahren.

Schrammel: „Das ist letztlich nicht nur ein Stück TuSpo-Geschichte, sondern ein Stück Ziegenhainer Geschichte insgesamt.“ Bernd Heil und Manfred „Tobbi“ Auffarth fühlen sich bis heute als „Kinder der Festung“. Der Paradeplatz in der Nachbarschaft zu Schloss bzw. dem Gefängnis „war unser bevorzugter Spielplatz“. Schlagballspiel ging immer, doch es mussten natürlich genügend Teilnehmer zusammenkommen dafür, erzählen sie. Beide erinnern sich gern an die Winter, „wenn der Wallgraben bis zu zwei Monate lang eine dicke Eisdecke hatte“. Das wurde weidlich genutzt, „Eishockey spielten wir mit alten Spazierstöcken oder selbstgemachten Schlägern“. Das Einkrachen ins eiskalte Wasser bis zum Hals sei durchaus öfters vorgekommen. Fürs Baden und Schwimmen war der Lieblingsort der Zusammenfluss von alter und neuer Schwalm – „auch ohne Badekleidung“. Der Kontakt der Ziegenhainer Jungen untereinander war damals sehr unterschiedlich. Es gab die „Festunger“, die „Vorstädter“ und die „Obergässer“ (Kasseler Strasse).

Über 70 Jahre beim TuSpo: Viele Veränderungen durch EInmarsch der Amerikaner

Mit dem Einmarsch der Amerikaner im Frühjahr 1945 gab es natürlich viele Veränderungen. Die fremden Soldaten spielten auf dem Paradeplatz Basketball auf die an Bäumen aufgehängten Körbe, und Baseball ging am Lüdertor – „zum Leidwesen der Anwohner“. „Ende 1945 erwachte auch der TuSpo 1886 wieder zu neuem Leben. Da aber weder Schlagball noch Eishockey oder Schwimmen beim Verein im Angebot waren, spielten wir Jungen jetzt Fußball – zunächst auf dem Paradeplatz.“ Mitten über den Platz liefen Telefonleitungen zum Dekanat, manchmal geriet der Fußball dagegen: „Das brachte Ärger. Wachtmeister Kiese, eine absolute Respektsperson, konfiszierte dann den Ball, den man sich verbunden mit Ermahnungen, wieder auf der Wache abholen konnte.“

„Auf Bitten des unvergessenen Karl Rehbein durfte dann mit einer Sondergenehmigung der Amerikaner auf der ,Lämmerweide‘ wieder Fußball gespielt werden.“ Namen der Gefährten von damals sind präsent wie eh und je – Erwin Sprang, Papkalla, Friedrich-Schorsch, Diegler-Kun, Weppler-Schorsch, Wolfgang Hagemann, Lotze-Hans, Lothar Hänel, Horst Koll, Koni Oklitschek, Manfred Neugebauer und viele andere. Es gab auch Konkurrenten um die Lämmerweide (heute das Areal des Kreisreitervereins), das waren die Feldhandballer – eine heute praktisch verschwundene Sportart – mit dem wurfgewaltigen Gustav Schön und auch bereits die Pferdesportler: „Das war unter uns Fußballern natürlich nicht gern gesehen.“

Über 70 Jahre beim TuSpo: Fuhrunternehmer Eimer wurde zum Chauffeur

Das organisierte Training begann unter Anleitung von Heini Hartrampf, zu einem vereinbarten Spiel mit Schrecksbächer Jungen fuhren die Ziegenhainer mit Fahrrädern. Trikots gab es keine, „eine Elf spielte in Unterhemden, die andere mit nacktem Oberkörper“. Später sei der Fuhrunternehmer Eimer mit seinem Holzvergaser zum Chauffeur geworden. Auch das Ehepaar Hannchen und Günther Eckstein wollen Heil und Auffarth unbedingt erwähnen, „sie spielten für uns eine wichtige Rolle“. Die Ecksteins belebten das Turnen im TuSpo neu und mit Nachwirkungen bis heute. Eine jährliche Sportshow mit den Turnern und der Frauen- Gymnastikgruppe wurde zu einem gesellschaftlichen Ereignis. Zum Abschluss sagen die beiden Ziegenhainer: „Nun sind wir 75 bzw. 73 Jahre im TuSpo Ziegenhain, sind darauf auch durchaus ein wenig stolz und können nur hoffen, dass unser Verein, aber natürlich auch alle anderen die Corona-Zeit möglichst gut überstehen.“ Wenn es wieder gefahrlos möglich ist, soll die Ehrung in der Mitgliederversammlung selbstverständlich noch nachgeholt werden, unterstreicht Schrammel. (Anne Quehl)

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