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Bewohner erheben Vorwürfe gegen Haus Phönix in Schwalmstadt

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Von: Johannes Rützel

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Udo Hüther (55, links) und Frank Boßeckert (66, rechts) wohnen im Haus Phönix Hessenallee in Ziegenhain. Sie berichteten der HNA von Personalmangel und schlechter Versorgung der Bewohner.
Udo Hüther (55, links) und Frank Boßeckert (66, rechts) wohnen im Haus Phönix Hessenallee in Ziegenhain. Sie berichteten der HNA von Personalmangel und schlechter Versorgung der Bewohner. © JOHANNES RÜTZEL

Vom Pflegenotstand redet ganz Deutschland. Zwei Bewohner haben der HNA von schlechter Pflege, Personalmangel und Anfeindungen im Haus Phönix berichtet.

Schwalmstadt – Metzgermeister Udo Hüther (55) und Berufskraftfahrer Frank Boßeckert (66) wohnen im Haus Phönix in Ziegenhain. Sie haben sich bereits bei der Staatlichen Heimaufsicht und ihrer Heimleitung beschwert. Nun wagen sie den Schritt in die Öffentlichkeit und erzählen aus ihrem Alltag.

Gegen das Pflegeheim hat es in den vergangenen Monaten mehrere Beschwerden bei der Heimaufsicht gegeben, wurde der HNA auf Anfrage vom zuständigen Regierungspräsidium in Gießen mitgeteilt.

Die Beschwerden betrafen den Bereich Personal sowie die Pflege- und Betreuungsqualität und wurden von der Heimaufsicht „im Wesentlichen bestätigt“, heißt es aus dem Regierungspräsidium: „insbesondere was eine erhöhte Personalfluktuation, auch auf der Leitungsebene, betrifft“.

Das Heim wurde zur Mängelbeseitigung aufgefordert und werde dabei „engmaschig von der örtlichen Betreuungs- und Pflegeaufsicht begleitet“, ließ das Regierungspräsidium über Pressesprecher Oliver Keßler mitteilen. Auch Pflegekräfte aus dem Pflegeheim Phönix haben die Vorwürfe gegenüber der HNA anonym bestätigt.

„Wir möchten würdevoll behandelt werden!“

Was bedeutet das für die Bewohner? Boßeckert berichtet, dass innerhalb von einem Jahr etwa 30 Pflegekräfte gekündigt hätten. Diese würden jetzt durch schlecht oder gar nicht ausgebildetes Personal ersetzt, sagt sein Nachbar Hüther. „Oft sind im Frühdienst für 30 Bewohner nur zwei Pfleger da. Es ist klar, dass die das nicht schaffen können.“ Das Heim hätte nun sogar einen Aufnahmestopp verhängt.

Die Konsequenzen: „Meine Frau muss geduscht werden, manchmal wurde sie aber zwei Wochen nicht geduscht,“ bemängelt Hüther. Er selbst müsse seit neun Wochen die gleiche Urinflasche verwenden, weil niemand komme und sie reinige. Wie er sich fühle? „Wie eine Nummer! Wir sind hier doch kein Möbelhaus, wo man Sofas hin und her schiebt. Hier geht es um Menschen! Wir möchten würdevoll behandelt werden!“

Verletzung der Privatsphäre

Boßeckert pflichtet ihm bei: „Das Personal hat teilweise einen verkehrten Ton an sich, da kommt man sich vor wie im Strafgefangenenlager.“ Ein Pfleger hätte in seiner privaten Kommode gewühlt. Ihm sei schon der Stinkefinger gezeigt worden, sogar Schläge habe man ihm angedroht. Boßeckert sagt, dass er mit einer Anzeige gedroht hat. Zur Polizei gegangen sei er aber nicht – unabhängig überprüfen lassen sich seine Vorwürfe also nicht.

Aber sowohl Hüther als auch Boßeckert berichten, dass sie, wenn sie nach den Schwestern klingeln, oft sehr lange warten müssten. „Ich bin mal gefallen und musste eine halbe Stunde im Bad liegen, bis jemand kam“, erinnert sich Hüther. Auch habe es einmal keine Einlagen mehr für inkontinente Bewohner gegeben. „Da wurden den Leuten Handtücher ins Bett gelegt“, sagt Hüther. Eine Schwester habe dann von zu Hause Einlagen ihrer verstorbenen Mutter mitgebracht.

Auch das Essen bemängeln die beiden. Es würde nicht schmecken und sei schlecht verträglich. Sie haben den Verdacht, dass ihnen hauptsächlich Fertigprodukte serviert werden. Dass es besser geht, weiß Hüther von seiner Arbeit in der Anhänger-Werkstatt von Hephata, wo er auch zu Mittag isst: „Was die dort auf die Beine stellen ist toll, das Essen schmeckt sehr gut.“ Wenn sie die Möglichkeit haben, lassen sich die beiden von anderen Bewohnern daher Pizza oder Döner aus der Stadt mitbringen.

Beschwerden haben bislang nichts gebracht

Beschwert haben sich Boßeckert und Hüther bei der Heimleitung als auch bei der staatlichen Heimaufsicht. „Das hat alles nichts gebracht“, sagen sie.

Die Zustände im Heim hätten sich seit Anfang 2022 verschlimmert, fassen sie zusammen. „2019 kam ich hier her, da war das hier noch gut. Ich habe mich ja bewusst für Phönix entschieden und sogar meine Frau nachgeholt“, erklärt Hüther.

Das Haus Phönix in der Hessenallee hat im jüngsten Qualitätsbericht vom 20. April 2021 gut abgeschnitten. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) und der Prüfdienst des Verbandes der privaten Krankenversicherungen e.V. (PKV) hatten dem Heim durchweg leicht bis weit überdurchschnittliche Pflegequalität bescheinigt.

Korian Deutschland GmbH: Covid-Pandemie und der Personalmangel seien verantwortlich

Die Korian Deutschland GmbH, eine Tochtergesellschaft der französischen Aktiengesellschaft Korian, hat zu den Vorwürfen der Bewohner Stellung genommen. Dass sich die Betreuungsqualität innerhalb von wenigen Monaten erheblich verschlechtert habe, bestätigt Korian nicht.

Allerdings gebe es auch im Haus Phönix einen Mangel an Pflegekräften, der zum Aufnahmestopp geführt habe. Zwölf Pflegende hätten innerhalb der vergangenen zwölf Monate das Unternehmen verlassen. Den Grund dafür sieht Korian in den „coronabedingten Mehrbelastungen“. Korian räumt auch ein, dass es aufgrund von Corona-Quarantänen kurzfristig zu einer Unterschreitung der Regelbesetzung auf den Stationen kommen könne.

Derzeit würden Abläufe und Prozesse geprüft und optimiert. Dabei würde das Heim vom firmeneigenen Qualitätsmanagement unterstützt und stünde in engem Austausch mit den Behörden.

Die weiteren Vorwürfe weist das Unternehmen von sich. Die Behörden hätten die Klingelprotokolle überprüft und keine längeren Wartezeiten festgestellt. Auch würde jeder Bewohner mindestens einmal wöchentlich ein Angebot zum Duschen erhalten, wobei es hier zu Unregelmäßigkeiten wegen Covid gekommen sei, was aber mit den Bewohnern abgesprochen worden sei.

Urinflaschen würden täglich gereinigt. Auch Inkontinenzmaterial sei stets vorhanden. Korian vermutet, dass in den Vorwürfen der Bewohner Handtücher mit sogenannten Mehrwegunterlagen verwechselt worden seien, die aber stets nur in Kombination mit Einlagen verwendet würden.

Der Vorwurf der Bedrohung und Beleidigung eines Bewohners durch Pflegende sei bei der Heimleitung nicht bekannt, solle aber geprüft werden, erklärt Korian.

Hintergrund: Die Korian AG und das Haus Phönix

Das Pflegeheim Phönix in der Hessenallee in Ziegenhain wurde 2008 eröffnet. Der damalige Träger „Phönix Seniorenzentren Beteiligungsgesellschaft mbH“ wurde bereits 2007 von der französischen Aktiengesellschaft Korian übernommen. 2015 wurde die „Phönix Seniorenzentren Beteiligungsgesellschaft mbH“ mit der Münchner Curanum AG verschmolzen, die ebenfalls 2012 durch Korian übernommen wurde. Korian selbst wurde 2003 gegründet. Das Unternehmen beschäftigt in Spanien, Belgien, Frankreich, Italien, Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien rund 60 000 Menschen an knapp 900 Standorten mit Betten für über 90 000 Pflegebedürftige.

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