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Neukirchen: Botschafterin für den Artenschutz

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Hochengagiert für den Vogelschutz: Annika Münster hat ihre Abschlussarbeit an der Steinwaldschule über den Artenschwund und den Schutz von heimischen Wildvögeln geschrieben. Als Vogelfutterspender bastelt sie selbst aus Naturmaterial wie Efeuranken und Makramee nützliche Kunstwerke.
Hochengagiert für den Vogelschutz: Annika Münster hat ihre Abschlussarbeit an der Steinwaldschule über den Artenschwund und den Schutz von heimischen Wildvögeln geschrieben. Als Vogelfutterspender bastelt sie selbst aus Naturmaterial wie Efeuranken und Makramee nützliche Kunstwerke. © Anne Schönfeld

Annika Münster hat ihre Abschlussarbeit an der Steinwaldschule über den Artenschwund und den Schutz von heimischen Wildvögeln geschrieben. Als Vogelfutterspender bastelt sie selbst aus Naturmaterial wie Efeuranken und Makramee nützliche Kunstwerke.

Neukirchen – Die Abschlussarbeit von Annika Münster an der Steinwaldschule in Neukirchen geht zweifellos weit über das Geforderte oder Erwartbare hinaus. Die 15-Jährige legte mit ihrer Ausarbeitung über „Heimische Wildvögel mit dem Aspekt Artenschwund und Insektensterben“ eine Arbeit vor, die staunen lässt.

Ab Klasse 7 hatte Annika Münster die naturwissenschaftliche AG von Gisela Bauer besucht. Eigentlich war die AG bloß für die 6. und 7. Klasse gedacht, doch Annika Münster machte weiter, unterstützte die Lehrerin zunehmend und gab zuletzt sogar selbst Unterricht. Gisela Bauer stellt das große Engagement heraus, „viele junge Menschen kennen die heimischen Vögel überhaupt nicht mehr“. Sie klagt: „In den Lehrplänen ist weder Pflanzen- noch Tierbestimmung enthalten.“ Eine Lücke, die die Biologie- und Chemielehrerin zumindest ein Stück weit zu schließen versucht.

In Annikas Arbeit und der damit verbundenen Präsentation informiert die 15-Jährige komplex über den Artenschwund bei Vögeln und Insekten, zeigt Ursachen auf und Gegenmaßnahmen auf. „Den meisten ist das Problem überhaupt nicht klar“, hat die Schülerin in Gesprächen mit Gleichaltrigen festgestellt.

Wildvögel werden weniger

Alarmierend sei der Rückgang der heimischen Wildvögel in der allerjüngsten Zeit: Von 1800 bis in die 1950er Jahre zeigt ihre Grafik einen bloß leichten Rückgang, um ab etwa 1950 steil abzufallen: „Wo früher einmal zehn Vögel gesungen haben, singen heute nur noch zwei“, zitiert die Schülerin den bekannten Ornithologen Peter Berthold. Einen gleichbleibenden oder sich leicht positiv entwickelnden Bestand gebe es noch bei Amseln, Haussperlingen und Elstern, weiß Annika Münster. Auf der Vorwarnliste stehen Arten wie die Kohlmeise, die Rauchschwalbe und der Feldsperling. Stare und Feldlerchen gelten als gefährdet, Kiebitz und Grünspecht sogar bereits als stark gefährdet. „Und wenn man vom Aussterben bedrohte Vögel wie den Raubwürger oder den Steinschmätzer sieht, dann kann man sich sehr glücklich schätzen“, weiß die Schülerin.

Vogelfutter ganz einfach selbstgemacht: Dafür erhitzt man pflanzliches Öl, etwa Sonnenblumenöl, rührt Haferflocken darunter und lässt die Mischung abkühlen.
Vogelfutter ganz einfach selbstgemacht: Dafür erhitzt man pflanzliches Öl, etwa Sonnenblumenöl, rührt Haferflocken darunter und lässt die Mischung abkühlen. © Privat

Wie konnte es so weit kommen? In der kleinstrukturierten, extensiven Landwirtschaft fanden viele Vögel einen optimalen Lebensraum mit einem reichhaltigen Nahrungsangebot an Insekten und verschiedenen Samen. „Prof. Berthold hat berechnet, dass jeder Vogel bis 1950 ungefähr 30 Kilo Sämereien als potenzielle Nahrung zur Verfügung hatte“, berichtet Annika Münster, „heute geht dieser Wert gegen null“. Der große Einsatz von Herbiziden spiele dabei ebenso eine Rolle wie die häufige Mahd der Wiesen. Bei der zweimaligen Mahd, wie es früher üblich war, konnten Blumen und Gräser Samen ausbilden, die dann den Vögeln als Nahrung zur Verfügung standen. Das sei bei der heutigen Bewirtschaftungsweise mit bis zu fünfmaligem Mähen der Wiesen nicht mehr möglich und begünstigt die Entwicklung von artenarmen Wiesen mit geringem ökologischen Wert.

Der Vogelwelt setze zudem der starke Rückgang der Insekten massiv zu. Viele Vögel sind auf die proteinreichen Insekten angewiesen. Wenn sie diese nicht mehr in ausreicher Menge finden, geht der Bruterfolg laufend zurück. Manche Vögel brüten bereits gar nicht mehr, haben Probleme Eier auszubilden oder können ihre Jungen nicht ausreichend versorgen, sagt die Schülerin.

Schwerwiegend sei auch der fortschreitende Habitatverlust. „Die Landwirtschaft macht rund 50 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands aus.“ Durch die intensive Bewirtschaftung und die großen Monokulturen fänden viele Tieren in der Fläche keinen geeigneten Lebensraum mehr. Dazu komme die ständig zunehmende Flächenversiegelung. Und auch die Wälder taugten nicht mehr als Rückzugsorte. Spaziergänger mit und ohne Hund, Forstarbeiter mit großen Maschinen und Ähnlichem würden dafür sorgen, dass die Tiere immer wieder beunruhigt werden. (Anne Schönfeld)

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