Fahrlässige Tötung

Teichunglück von Seigertshausen: Kinder zweifelsfrei ertrunken - Bürgermeister weist Schuld von sich 

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Klemens Olbrich vor Gericht: rechts sein Verteidiger Karl-Christian Schelzke. Das Foto entstand am ersten Verhandlungstag.

Bürgermeister Klemens Olbrich steht nun wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht. In Seigertshausen ertranken drei Kinder in einem Teich.

  • Drei Kinder sind 2016 in einem Feuerlöschteich im nordhessischen Neukirchen  ertrunken.
  • Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich steht vor Gericht.
  • Der Verteidiger fordert Freispruch.

Update, 24.01.2020, 06.34 Uhr: Auch am zweiten Verhandlungstag gegen Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich wegen fahrlässiger Tötung ist der große Saal im Amtsgericht von Treysa voll besetzt. Das Interesse überregionaler Medien hält sich diesmal in Grenzen, dafür stärken sechs Amtskollegen aus dem Schwalm-Eder-Kreis und zahlreiche Neukirchener dem Angeklagten den Rücken.

Olbrich, dem Ehefrau und Sohn zur Seite stehen, ist spürbar betroffen von der Verhandlung. Angeklagt ist der 62-Jährige, der seit knapp 30 Jahren Bürgermeister in Neukirchen ist, weil am 18. Juni 2016 im Dorfteich des Stadtteils Seigertshausen drei fünf, acht und neun Jahre alte Geschwister ertrunken sind. Oberstaatsanwältin Kerstin Brinkmeier befand, der Weiher sei als Feuerlöschteich genutzt worden, der Bürgermeister hätte für seine Einzäunung sorgen müssen und habe gegen die Verkehrssicherungspflicht verstoßen.

Die Kinder seien zweifelsfrei ertrunken, Hinweise auf Gewaltanwendungen oder andere Ursachen hätten die Obduktionen am Rechtsmedizinischen Institut der Uni Gießen nicht ergeben, sagte dessen Leiter, Prof. Dr. Reinhard Dettmeyer, gestern als Gutachter aus. Alle Kinder zeigten die klassischen Ertrinkungszeichen.

Das Teichünglück im Schwalm-Eder-Kreis: So lief es wahrscheinlich ab

Diese Einschätzung wurde auch von dem Homberger Kriminalbeamten untermauert, der im Juni 2016 die Ermittlungen im Schwalm-Eder-Kreis geleitet hatte. Der 57-jährige Leiter des K10-Dezernats bei der Kripo beschrieb das wahrscheinlichste Szenario: Demnach hat der fünfjährige Junge mit einem Kinder-Kescher mit orangefarbenem Griff am Wasser geangelt. Möglicherweise sei er dabei in den Teich gefallen oder er habe versucht, den entglittenen Kescher wieder zu greifen. Seine beiden älteren Geschwister hätten dann versucht, den Kleinen aus dem Wasser zu bergen, und seien dabei selbst hineingefallen.

An der vom Regen nassen, glatten und steilen Böschung hätten die älteren Kinder aber keinen Halt gefunden, seien wieder ins Wasser zurückgefallen und schließlich untergegangen. „Das ist die einzige plausible Erklärung für das tragische Unglück“, sagte der Kriminalbeamte aus.

Teich als Falle - Die Kinder aus dem Schwalm-Eder-Kreis „kamen da einfach nicht mehr raus“

„Man kommt da einfach nicht mehr raus“, sagte der Polizist. Diese Erfahrung hatten auch die beiden Männer gemacht, die den fünfjährigen Jungen aus dem Wasser geborgen hatten. Der Helfer konnte den Teich mit dem Jungen auf den Armen erst verlassen, nachdem ihm eine Leiter als Tritthilfe hingeschoben worden war.

Die Beamten gehen davon aus, dass sich der Unfall nahe des kleinen Steges ereignet hat, der ins Wasser führt. An dieser Stelle, so der Zeuge, sei der Teich mit rund zwei Metern am tiefsten. Am gegenüberliegenden Ufer unterhalb der Grillhütte sei er wesentlich flacher und falle nur allmählich ab. Eine nennenswerte Strömung gebe es in dem Teich nicht.

Nächster Verhandlungstag im Prozess um Teichünglück im Schwalm-Eder-Kreis im Februar

Die Verhandlung wird am Donnerstag, 6. Februar, mit weiteren Zeugen fortgesetzt, darunter Ortsvorsteher und Magistratsmitglieder. Amtsrichterin Mareika Pöllmann hält es für möglich, dass dann schon plädiert werden kann.

Update, 09.01.2020, 14.15 Uhr: Es ist noch nahezu dunkel, als Klemens Olbrich das Amtsgericht im Schwalm-Eder-Kreis am Donnerstagfrüh betritt. Dreieinhalb Jahre nach der Tragödie in Seigertshausen ist er als Bürgermeister der Stadt Neukirchen der fahrlässigen Tötung der drei Kinder angeklagt. 

Bis sich die Türen zum Großen Verhandlungssaal für die Film- und Fotoreporter eine Stunde später gegen 9.10 Uhr schließen und wenig später der erste Verhandlungstag beginnt, muss der 62-Jährige einen Interview-Marathon bewältigen. Mit seinem prominenten Verteidiger Karl-Christian Schelzke, Geschäftsführender Direktor des Hessischen Städte- und Gemeindebundes, an der Seite, anwortet er auf die immer gleichen Fragen. 

Bürgermeister Olbrich Anspannung ist groß - Schuldvorwurf kann er nicht nachvollziehen

Ja, die Anspannung ist groß, ja, das alles belaste ihn, nie könne er den tragischen Tod der Kinder aus der Erinnerung löschen. Nein, den Schuldvorwurf könne er nicht nachvollziehen, niemals habe er sich vorstellen können, sich solch einer Anklage gegenüber zu sehen. Während die Kameras klicken und surren, nehmen Zuschauer ihre Plätze ein. Olbrichs Ehefrau ist da, auch einige Wegbegleiter aus Neukirchen und eine Reihe von Bürgermeisterkollegen

Schwalm-Eder-Kreis: Prozess gegen Bürgermeister Olbrich könnte bundesweite Signalwirkung haben

Klar ist allen das Eine: Vom Verlauf des Prozesses geht eine bundesweite Signalwirkung aus – tragen Verwaltungschefs für solch tragische Ereignisse persönlich Verantwortung? Bei aller Gelassenheit, die Olbrich und Schelzke zur Schau tragen, ist die enorme Anspannung doch spürbar. 

Schelzke unterstreicht, dass man eine Einstellung des Verfahrens nicht akzeptieren werde – schon vorab hatte er klar Freispruch gefordert. Schwalm-Eder-Kreis: Während sich draußen drei Ordnungspolizisten darum kümmern, dass die zahlreichen Journalisten und Reporterteams ihre Fahrzeuge nicht im Halteverbot abstellen, trifft Polizei ein. 

Medieninteresse ist riesig, dass der Öffentlichkeit überschaubar

Ein Kripobeamter ist als Prozessbeobachter vor Ort. Das Interesse der Öffentlichkeit bleibt überschaubar, etwa ein Dutzend Zuhörer ohne Amtsfunktion ist schließlich in dem relativ kleinen Verhandlungsraum, als der auf fünf Tage anberaumte Prozess pünktlich um 9.15 Uhr beginnt.

Teichprozess beginnt in Schwalmstadt: Großes Medieninteresse am Verfahren gegen Neukirchens Bürgermeister Olbrich.

Schwalm-Eder-Kreis - Bürgermeister Olbrich nimmt ausführlich Stellung: "Werde das Geschehen nie vergessen" 

Die Anklage wird von Oberstaatsanwältin Kerstin Brinkmeier geführt. Wie angekündigt nimmt Bürgermeister Olbrich aus dem Schwalm-Eder-Kreis ausführlich Stellung, gibt seiner Trauer und Betroffenheit Ausdruck und bekennt, wie sehr ihn diese Tragödie belaste, „ich werde das Geschehen niemals vergessen“. Dann schildert er den Ablauf des Unglückstages aus seiner Perspektive, bis er an jenem Samstag gegen 22 Uhr informiert und zur Unglücksstelle gerufen wird. 

Bürgermeiser Olbrich schildert den Unglückstag aus seiner Perspektive

Dann berichtet er, was er dort mitansehen muss, die Bergung der Kinderleichen. Wer alles vor Ort ist, etwa auch der Landrat. Dann seinen eigenen Werdegang, seine Amtszeiten als Verwaltungschef seit 1990. Und dass es den Seigertshäuser Teich seit wohl 200 Jahren gibt. Niemals habe ihn jemand auf nötige Sicherungsmaßnahmen hingewiesen, setzt ihn in Gegensatz zu klassischen Feuerlöschteichen wie in den Stadtteilen Hauptschwenda, Asterode oder Wincherode. 

Das Gewässer in Seigertshausen aber sei ein Freizeitteich, an dem seit Jahrzehnten gesellige Spiele und Veranstaltungen ablaufen. Nichtsdestotrotz empfinde er selbstverständlich als dreifacher Vater für die Eltern der zu Tode gekommenen Kinder tiefes Mitgefühl.

Update, 09.01.2020, 12.30 Uhr: Vor dem Treysaer Amtsgericht hat am Donnerstagvormittag der Prozess gegen den Bürgermeister von Neukirchen (Schwalm-Eder-Kreis), Klemens Olbrich, begonnen.

Staatsanwaltschaft wirft Bürgermeister Olbrich aus dem Schwalm-Eder-Kreis fahrlässige Tötung vor

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm fahrlässige Tötung vor, nachdem am 18. Juni 2016 im Dorfteich des Stadtteils Seigertshausen im Schwalm-Eder-Kreis drei Kinder ertrunken waren, Geschwister im Alter von fünf, acht und neun Jahren. Oberstaatsanwältin Kerstin Brinkmeier wirft dem 62-Jährigen, der seit fast 30 Jahren Bürgermeister der Stadt Neukirchen ist, vor, seine Verkehrssicherheitspflicht missachtet zu haben. 

Staatsanwaltschaft: Feuerlöschteich hätte als Gefahrenquelle mit Zaun gesichert werden müssen

Teich in Seigertshausen: Unser Bild entstand am Tag nach der Tragödie.

Der Feuerlöschteich in dem Dorf im Schwalm-Eder-Kreis hätte als erkennbare Gefahrenquelle mit einem 1,25 Meter hohen Zaun umgeben seien müssen. Olbrich habe um die Gefahr, die von dem Teich ausgeht gewusst, sie sei vorhersehbar gewesen, sagte Brinkmeier in ihrer Anklage. Olbrich und sein Verteidiger, Karl-Christian Schelzke, bestritten, dass es sich bei dem Gewässer um einen Feuerlöschteich handele. 

Verteidiger: Teich dient als Freizeitanlage im Schwalm-Eder-Kreis

Der über 200 Jahre alte Teich diene heute in erster Linie als Freizeitanlage und Erholungsstätte und nur im Brandfall als Löschwasserreservoir. Für derartige Teiche aber, von denen es allein im Schwalm-Eder-Kreis zahlreiche andere gebe, sei eine Umzäunung nicht vorgeschrieben. 

Tragödie von Seigertshausen: Bürgermeister ist tief betroffen

Eine Forderung, diesen Teich entsprechend zu schützen, sei noch nie geäußert worden, weder von den städtischen Gremien, noch aus der Bevölkerung im Schwalm-Eder-Kreis. Gleichwohl zeigte sich der Bürgermeister in einer sehr persönlichen Einlassung betroffen und traurig über den Tod der Kinder. „Ich werde diesen Tag nie vergessen“, sagte er auf Befragen von Richterin Pöllmann. 

Drei Geschwister ertrunken: Teichprozess beginnt in Schwalmstadt

Drei Kinder ertranken - Teichprozess beginnt in Schwalmstadt - Großes Medieninteresse am Verfahren gegen Neukirchens Bürgermeister Olbrich
 © Anne Quehl
Drei Kinder ertranken - Teichprozess beginnt in Schwalmstadt - Großes Medieninteresse am Verfahren gegen Neukirchens Bürgermeister Olbrich
 © Anne Quehl
Drei Kinder ertranken - Teichprozess beginnt in Schwalmstadt - Großes Medieninteresse am Verfahren gegen Neukirchens Bürgermeister Olbrich
 © Anne Quehl
Drei Kinder ertranken - Teichprozess beginnt in Schwalmstadt - Großes Medieninteresse am Verfahren gegen Neukirchens Bürgermeister Olbrich
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Drei Kinder ertranken - Teichprozess beginnt in Schwalmstadt - Großes Medieninteresse am Verfahren gegen Neukirchens Bürgermeister Olbrich
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Drei Kinder ertranken - Teichprozess beginnt in Schwalmstadt - Großes Medieninteresse am Verfahren gegen Neukirchens Bürgermeister Olbrich
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Drei Kinder ertranken - Teichprozess beginnt in Schwalmstadt - Großes Medieninteresse am Verfahren gegen Neukirchens Bürgermeister Olbrich
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Drei Kinder ertranken - Teichprozess beginnt in Schwalmstadt - Großes Medieninteresse am Verfahren gegen Neukirchens Bürgermeister Olbrich
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 © Th omas Stier
Drei Kinder ertranken - Teichprozess beginnt in Schwalmstadt - Großes Medieninteresse am Verfahren gegen Neukirchens Bürgermeister Olbrich
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Drei Kinder ertranken - Teichprozess beginnt in Schwalmstadt - Großes Medieninteresse am Verfahren gegen Neukirchens Bürgermeister Olbrich
 © Thomas Stier
Drei Kinder ertranken - Teichprozess beginnt in Schwalmstadt - Großes Medieninteresse am Verfahren gegen Neukirchens Bürgermeister Olbrich
 © Thomas Stier

Verfahren könnte grundsätzlich klären: Wie weit geht die Verantwortung von Bürgermeistern? 

Olbrich kannte die Familie persönlich, hatte der Mutter selbst zur Geburt eines ihrer insgesamt sechs Kinder gratuliert und die Familie in Neukirchen im Schwalm-Eder-Kreis willkommen geheißen. Das Verfahren wird von drei anderen Bürgermeistern aus dem Landkreis verfolgt, denn es könnte von grundsätzlicher Bedeutung dafür sein, wie weit die persönliche Verantwortung eines Verwaltungschefs für die Sicherheit in seiner Kommune geht. 

Verteidigung fordert einen Freispruch für Bürgermeister Olbrich aus dem Schwalm-Eder-Kreis

Verteidiger Karl-Christian Schelzke, ehemaliger Oberstaatsanwalt und heute geschäftsführender Direktor des Hessischen Städte- und Gemeindebundes, strebt daher auch einen klaren Freispruch für seinen Mandanten an. Im Verlauf des Vormittags haben die Eltern der Kinder als Zeugen ausgesagt, was für emotionale Momente in der Verhandlung sorgte. Mit der Anhörung weiterer Zeugen wird das Verfahren im Schwalm-Eder-Kreis gegen 12 Uhr fortgesetzt.

Erstmeldung, 08.01.2020, 17.21 Uhr: Unter großem Medieninteresse beginnt am Donnerstag der Prozess gegen Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich. Neukirchen liegt im nordhessischen Schwalm-Eder-Kries. Für das Verfahren vor dem Treysaer Amtsgericht sind fünf Verhandlungstage angesetzt, es wird sich somit bis zum 5. März hinziehen.

Geschwister ertrinken im Teich im Schwalm-Eder-Kreis

Es geht um das Unglück im Juni 2016, alsdrei Geschwister im Teich in Seigertshausen ertranken wie die HNA* berichtet. Rathauschef Olbrich (62) ist der fahrlässigen Tötung angeklagt. Der Vorwurf lautet, dass er nicht für eine Einzäunung des Gewässers als mögliche Gefahrenquelle gesorgt habe.

Klemens Olbrich, Bürgermeister von Neukirchen.

Schwalm-Eder-Kreis: Bürgermeister Olbrich verfolgen die Bilder bis heute

Die Deutsche Presseagentur zitiert Olbrich so: „Das belastet mich. Die Bilder werden mir Zeit meines Lebens nicht mehr aus dem Kopf gehen.“ Er sei am Abend sofort zum Unglücksort geeilt und sah die Folgen: drei in einer Garage aufgebahrte Kinderleichen. Einsatzkräfte hatten die leblosen Körper erst mal dorthin gebracht. Bei den Opfern handelte es sich um die fünf, acht und neun Jahre alten Kinder einer in der Nähe wohnenden Familie aus dem Schwalm-Eder-Kreis. 

Der elf Jahre alte Bruder hatte seine spielenden Geschwister am Abend gesucht und nach Hause holen wollen. Als er das Unglück sah, alarmierte er Nachbarn und diese dann die Rettungskräfte. Laut den Ermittlern konnten der fünfjährige Junge und seine achtjährige Schwester nicht schwimmen. 

Der Neunjährige konnte schwimmen, er kam in dem trüben, 40 Meter breiten und ein bis zwei Meter tiefen Teich dennoch ums Leben. Die Familie verlor drei ihrer seinerzeit sechs Kinder.

Video: Tragödie im Schwalm-Eder-Kreis - Drei Geschwister in Teich ertrunken

Neukirchen im Schwalm-Eder-Kreis und das Teichunglück – Zuständigkeit der Schuldfrage wird nun aufgearbeitet

Am Tag danach traten die Eltern am Unglücksort öffentlich nicht in Erscheinung. Auch später hielten sie sich in den Medien zurück. Olbrich äußerte sich, nachdem er länger nichts sagen wollte, bereitwillig zum Fall und seine Sicht der Dinge. Für den ersten Prozesstag im Schwalm-Eder-Kreis hat sein Anwalt eine umfangreiche Einlassung seines Mandanten in Aussicht gestellt.

Nach langem juristischen Hick-Hack um die Zuständigkeit wird die Schuldfrage nun am Amtsgericht in Treysa aufgearbeitet, Verteidiger Karl-Christian Schelzke beschreibt seine Erwartung mit einem Wort: „Freispruch.“* Kein Mensch habe zuvor in dem Teich eine potenzielle Gefahrenquelle gesehen. 

Teichunglück – Gibt es einen Schuldigen?

„Es gibt Schicksale, für die es keinen Schuldigen gibt. In unserer Vollkasko-Mentalität nehmen wir Deutschen an, man könne immer einen Schuldigen finden“ – das sagt Verteidiger Karl-Christian Schelzke über die Tragödie. Wichtig für den Prozess ist, um was für eine Art von Teich es sich handelt. Klemens Olbrich, selbst Jurist und dienstältester Bürgermeister im Schwalm-Eder-Kreis, spricht von einem „Fischteich“ oder „Freizeitteich“, der keines Zaunes bedürfe. 

Tragödie im Schwalm-Eder-Kreis: Badeteich oder Löschwasserrückhalteteich?

Schelzke nennt das Gewässer einen Badeteich, während er für die Staatsanwaltschaft einen „Löschwasserrückhalteteich“ darstellt*, für den Sicherungspflichten bestanden hätten. Für solche Wasserreservoirs für die Feuerwehr gibt es Vorschriften. Sie enthalten die Bestimmung, dass sie von einem 1,25 Meter hohen Zaun umgeben sein müssen.

Da so ein Unglück an vielen Orten hätte passieren können, sieht Rechtsanwalt Schelzke eine bundesweite Bedeutung des Falls, die über den Schwalm-Eder-Kreis hinausgeht. „Viele Bürgermeister schauen gespannt auf das Verfahren und fragen sich, ob sie womöglich besser etwas einzäunen oder sichern sollten.“

Schwalm-Eder-Kreis: Stellte der Teich eine Gefahr da?

Laut Strafgesetzbuch liegt der Strafrahmen für fahrlässige Tötung* bei einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe. Schelzke, früher Oberstaatsanwalt in Frankfurt, ehemals Bürgermeister in Mühlheim am Main und aktuell Geschäftsführender Direktor des Hessischen Städte- und Gemeindebundes, gibt zudem zu bedenken: Der Bürgermeister aus dem Schwalm-Eder-Kreis hätte die Entscheidung zur Einzäunung des Teiches gar nicht allein fällen können. 

„Dafür wäre ein Beschluss des Magistrats erforderlich gewesen. Weil der Teich seit Ewigkeiten aber so liegt, ist es unwahrscheinlich, dass der Magistrat zugestimmt hätte.“ Zumal es nie Anhaltspunkte gegeben habe, dass der Teich eine Gefahr darstelle. „Nie hat irgendjemand darauf hingewiesen“, so Schelzke.

Video: Drama um drei ertrunkene Kinder in einem Teich im Schwalm-Eder-Kreis

Prozessauftakt am Donnerstag im Schwalm-Eder-Kreis: Zahlreiche Journalisten reisen an

Beobachter gehen davon aus, dass zahlreiche Journalisten den Prozess im Schwalm-Eder-Kreis ab Donnerstag verfolgen werden. Informationen sind an alle großen Fernsehsender und Agenturen hinausgegangen. 

Start ist diesen Donnerstag um 9.15 Uhr, weiter geht es alle 14 Tage donnerstags bis zum 5. März – fünf Prozesstage lang. Ob Platz für nicht eigens zugelassene Zuschauer sein wird, wurde uns gestern trotz schriftlicher Anfrage nicht mitgeteilt.

Von Anne Quehl


Der Prozess gegen Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich ist nicht der einzige, der die Gemüter erhitzt. In Göttingen hat ein Polizeibeamter eine 76-jährige Frau auf die Zahlung eines Schmerzensgeldes von 1500 Euro verklagt*.

*hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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