Das laute Hupen verstummt

Mit letzter Tour des Bäckerautos geht Tradition zu Ende

Stammkunden: Bäckerei-Chef Jürgen Viehmeier (links) stößt hinzu, als Elfriede Fischer und Wilhelm Dersch ans Bäckerauto kommen. Im Hintergrund Franziska Janetzko, die zum Jahreswechsel in Ruhestand geht
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Stammkunden: Bäckerei-Chef Jürgen Viehmeier (links) stößt hinzu, als Elfriede Fischer und Wilhelm Dersch ans Bäckerauto kommen. Im Hintergrund Franziska Janetzko, die zum Jahreswechsel in Ruhestand geht

Was einst mit der Pferdekutsche der Bäckerei Friedrich Viehmeier begann, endet nach 111 Jahren. An Heilig Abend fährt das Bäckerauto des Schwälmer Brotladens zum letzten Mal über die Dörfer.

Gilserberg. Es ist noch stockfinster in der Früh, als ihr Arbeitstag um kurz nach sechs beginnt. Körbeweise stehen die Backwaren in der Bäckerei für die 64-Jährige bereit: Drei Dutzend Brote, Gebäckstücke, 200 Brötchen und drei Bleche Kuchen. Fast eine Stunde dauert es, bis Franziska Janetzko alles eingeräumt hat – jeder Handgriff sitzt. Die agile Frau, die schon morgens um halb sieben herzhaft lachen kann, fährt das Bäckerauto seit sechs Jahren. Doch nach Heilig Abend ist Schluss – die 64-Jährige geht zum Jahreswechsel in Rente.

An diesem Dienstag gehören Moischeid, Schönstein, Dodenhausen und Densberg zu ihrer Tour. Es wird lange nach Mittag sein, bis Franziska Janetzko wieder zurück in Gilserberg ist.

Bäckerauto steuert gezielt einzelne Haushalte an

Mit lautem Hupen macht sie sich schon kurz vor dem ersten Halt bemerkbar, steuert gezielt einzelne Häuser an – die Zeiten, als das Bäckerauto überall hielt, sind lange vorbei. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: Die Jungen gehen zur Arbeit, die Alten sterben aus. „In unseren Läden haben wir zudem eine größere Auswahl zu bieten“, sagt Geschäftsführer Jürgen Viehmeier, der am Bäckerauto vorbei kommt, als es in Moischeid Am Spielplatz hält. Hier kommen Wilhelm Dersch und von gegenüber Elfriede Fischer ans Bäckerauto gelaufen. Sie werden den fahrenden Bäckerladen vermissen, das steht fest. „Für uns ältere Leute ist das schlecht“, sagt die Moischeiderin. „Für alles braucht man mittlerweile ein Auto.“

„Ich bin der letzte Mohikaner“, sagt Franziska Janetzko mit einem süffisanten Lächeln und setzt ihre Tour fort. Sie ist die einzige Mitarbeiterin, die noch jeden Tag das Bäckerauto fährt – trotz glatter, manchmal verschneiter Straßen im Winter, plagenden Wespen im Sommer und manch scharfer Kurve, die mit dem Bäckerbus genommen werden muss.

Von Moischeid geht es weiter nach Schönstein – wegen der Baustelle im Ort eine abenteuerliche Reise. Vor Schönstein biegt das Bäckerauto links ab in Richtung Wald – unterhalb des Jeust geht es über schlammige Feldwege nach Schönstein. Hier gehört Brunhilde Landgrebe zu den ersten Kunden. Seitdem das Bäckerauto nur noch einmal pro Woche vorbei kommt, kauft sie immer auf Vorrat. „Ich friere die Brötchen ein und backe sie für uns jeden Morgen frisch auf“, so die Schönsteinerin. Sie ist enttäuscht, dass das Bäckerauto nicht mehr kommen wird. Damit gehe eine Ära zu Ende. „Wir wurden schon seit Generationen beliefert“, sagt Landgrebe, die früher eine Pension betrieb.

Die Menschen werden Franziska Janetzko vermissen

111 Jahre nach dem Beginn des Bringdienstes sind es noch fünf Stationen, die das Bäckerauto in Schönstein anfährt, bevor es weiter nach Dodenhausen geht. Ursula Horn weiß, dass es einer der letzten Touren für Franziska Janetzko ist.

Den kleinen Plausch am Morgen mit der Bäckersfrau wird sie vermissen, doch geahnt hat sie es schon lange: „Es kamen ja einfach keine neuen Fahrer nach.“ Zur Überraschung der Bäckersfrau hat sie ein kleines Geschenk in der Hand: „Das ist für Sie, denn Sie waren immer gut zu uns“, sagt Horn und bestellt „einen Vierer, ein schön Kräftiges und eine Tüte Brötchen“.

Horns trifft es nicht ganz so hart, sie sind noch mobil. Anderen steigen Tränen in die Augen, als sie davon erfahren, dass das Bäckerauto in Rente geht. Auch Franziska Janetzko fällt die Abschiedstour nicht leicht.

„Ich bin immer gern gefahren, ich hatte immer Kontakt zu Menschen, mit vielen war ich per du“, sagt die 64-Jährige, die im letzten Jahr keinen Tag Urlaub genommen hat – „es war ja niemand da, den ich einarbeiten konnte“. (Kerstin Diehl)

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