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Gefängnis: Gunter Fleck neuer Leiter

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Von: Sylke Grede

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Neu gestaltetes Büro: Dr. Gunter Fleck hat seine ersten 100 Tage als Leiter des Ziegenhainer Gefängnisses hinter sich. Zuvor hatte er die Haftanstalt kommissarisch geleitet.
Neu gestaltetes Büro: Dr. Gunter Fleck hat seine ersten 100 Tage als Leiter des Ziegenhainer Gefängnisses hinter sich. Zuvor hatte er die Haftanstalt kommissarisch geleitet. © Sylke Grede

Den Paradeplatz in Ziegenhain umgibt eine besondere Aura. Damit ist nicht nur der historische Aspekt gemeint, sondern auch der aktuelle: Der Platz ist nicht nur der touristische Mittelpunkt der Schwalm. An Internationalität gibt es nichts Vergleichbares in der Region: Unter der Adresse Paradeplatz 5 – dem Gefängnis im Landgrafenschloss – leben Menschen aus 20 Nationen.

Ziegenhain. Auch die Theologen-Dichte ist dort höher als anderswo. Zu den bereits vorhandenen, Dekan und Anstaltspfarrern, gesellt sich nun ein weiterer: Dr. Gunter Fleck ist Theologe mit abgeschlossenem Vikariat und promovierter Jurist. Seine ersten 100 Tage als neuer Leiter der Haftanstalt hat der Marburger hinter sich.

Die Frage, warum er ausgerechnet diese Laufbahn wählte, ist schnell beantwortet. „Der Strafvollzug vereinigt viele Fakultäten unter einem Dach“, erklärt der 47-Jährige . Man treffe auf Psychologen, Ärzte, Lehrer, Therapeuten – und alle hätten einen gemeinsamen Auftrag: Diejenigen, die gegen eine gesellschaftliche Norm verstoßen hätten, bereit machen für ein Leben mit sozialer Verantwortung. In diesem Zusammenhang beruft er sich auf Gustav Radbruch: „… es gibt nach meiner innersten Überzeugung kein besseres Mittel, das Gute in den Menschen zu wecken, als sie so zu behandeln, als wären sie schon gut“, zitiert Fleck den einflussreichen deutschen Rechtsphilosophen, der Justizminister in der Weimarer Republik war.

Im Strafvollzug ein bekannter Name

Im hessischen Strafvollzug ist der Name Fleck kein unbekannter. Gunter Flecks Vater war Leiter der Haftanstalt in Rockenberg. Sein Bruder Volker war zu Zeiten von Flecks Vorgänger Jörg Bachmann Vizeanstaltsleiter des Ziegenhainer Gefängnisses. Seit 2020 war Fleck in Schwalmstadt als Vizeanstaltsleiter tätig, seit Dezember Leiter der Justizvollzugsanstalt (JVA). Öffentlich gemacht wurde das wegen einer schweren Erkrankung des ausgeschiedenen Anstaltsleiters erst vor Kurzem (wir berichteten).

Auch Fleck ist sich des besonderen Miteinanders im Zentrum der historischen Wasserfestung bewusst. Es ist ihm klar, dass insbesondere der Wallgraben für viele ein Symbol eines „Stücks Heimat“ ist. Aber auch die Atmosphäre innerhalb des Gefängnisses empfindet er als besonders.

„Ich übernehme eine Anstalt mit einem guten Team“, lobt er und hebt auch die Besonderheit von Ziegenhain innerhalb der hessischen Gefängnis-Szene hervor: Wie kaum in einer anderen Anstalt sei das Personal mit der Region verbunden, viele arbeiteten bereits seit Generationen im Gefängnis. „Das hat was Familiäres“, unterstreicht er und sieht auch, dass gerade dadurch „die Anstalt wahrnehmbar ist“. Das habe einen Multiplikationseffekt, viele wüssten dadurch um die Güte der Arbeit, die hinter den Mauern geleistet werde.

Seit seinem Dienstbeginn in Ziegenhain ist Fleck mit den Umständen, die die Pandemie mit sich bringt, konfrontiert. Aktuell durchläuft gerade eine zweite Infektionswelle das Gefängnis. Anders als bei der im vergangenen Frühjahr ist diesmal vermehrt Personal betroffen, um den Dienstbetrieb sorgt sich Fleck aber nicht.

Einiges, was Corona mit sich brachte, habe sich gar als positiv herausgestellt. Dadurch, dass Besuche in der Anstalt untersagt waren, wurden Häftlinge und Sicherungsverwahrte über Videotelefonate mit ihren Angehörigen zusammengebracht. Manche hätten nach Jahren erstmals wieder Einblicke in den familiären Alltag gehabt. Eine Form der Zusammenführung, die man sicherlich beibehalten werde.

„Schloss mit besonderem Auftrag“

Aktuell belegen 179 Menschen die Ziegenhainer Haftanstalt. Mit Abschluss der Sanierungsarbeiten im Unterkunftsbereich des Altbaus soll die Zahl wieder auf 250 aufwachsen, erklärt Fleck. Gearbeitet wird an einer künftigen Einzelunterbringung und an veralteter Technik im „Schloss mit besonderem Auftrag“ – wie Fleck es nennt.

Konflikte zwischen russischen und ukrainischen Gefangenen gebe es nicht, sagt Fleck. Über die Motivation der beiden Sicherungsverwahrten, die kürzlich innerhalb von sechs Monaten bei Ausführungen entwichen sind (wir berichteten), kann auch Fleck nur spekulieren. Einem von beiden war der offene Vollzug in Aussicht gestellt. Mit knapp 70 Jahren wieder eigenverantwortlich handeln zu können, sei vermutlich zu viel gewesen. (Sylke Grede)

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