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Der Schock wirkt bei Dame aus Ziegenhain lange nach

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Wurde von Enkeltrickbetrügern heftig unter Druck gesetzt: Waltraud Siebold an ihrem Schreibtisch.
Wurde von Enkeltrickbetrügern heftig unter Druck gesetzt: Waltraud Siebold an ihrem Schreibtisch. © Waltraud Siebold

Das Ehepaar Siebold erhielt einen Betrugsanruf. Sie schildern, wie hinterhältig die Täter vorgehen. Hereinlegen ließen Sie sich aber nicht.

Ziegenhain – Waltraud Siebold ist noch immer mitgenommen, der Schock wirkt nach: Die 80-Jährige und ihr Mann wurden am Dienstag von Enkeltrickbetrügern angerufen. Obwohl sie sich letztlich nicht hereinlegen ließen, belastet sie dieses Erlebnis.

Was war passiert? Die vielseitig engagierte Ziegenhainerin sitzt, wie sie es oft tut, am Vormittag zu Hause an ihrem Schreibtisch, als der Anruf kommt, mit unterdrückter Nummer.

Arglos hebt sie ab, „eine hohe, weinerliche Stimme wiederholt immer wieder: Das Kind ist tot, das Kind ist tot. Sie sagen mir nicht, ob es tot ist, es wird tot sein!“

Schockanruf

Waltraud Siebold ruft alarmiert ihren Mann, stellt das Telefon auf laut. In der Rückschau durchblicken sie natürlich, welch ungeheure emotionale Spannung durch pures Entsetzen um einen schrecklichen Unglücksfall aufgebaut wurde, „ich war wie in Trance, man glaubt es wirklich“.

Listig werden Informationen abgefischt: In ihrer Irritation gibt Waltraud Siebold der souverän sprechenden „Polizeibeamtin“ Informationen preis, den Vornamen ihrer Enkeltochter, ihren Wohnort Marburg.

Falsche Polizistin am Telefon

„Ich konnte mir nie vorstellen, auf so etwas hereinzufallen“, sagt Waltraud Siebold. Doch in der Situation lässt sie sich komplett verunsichern. Die „Polizistin“ tischt ihr eine Story auf, führt sich knapp und plausibel als erfahrene Beamtin ein, rein zufällig sei sie an der Unfallstelle vorbeigekommen. Obwohl sie zu Hause erwartet worden sei, habe sie einfach helfen müssen.

Die Fremde redet dann besänftigend auf Waltraud Siebold ein, geriert sich als Notfallmanagerin, „bitte setzen Sie sich, beruhigen Sie sich doch erstmal“. Dann beginnen neue Gesprächsstränge: „Pointiert und logisch klingend werden juristische Begriffe genannt wie ,Feststellungsgesetz‘.“

Die Betrüger machen Fehler

Die Situation wird immer stressiger, die vermeintliche, verzweifelte Stimme der auf der Wache festgesetzten „Enkelin“ tut ihr Übriges: „Ich bin doch bei Rot über die Ampel gefahren.“ Die falsche Beamtin lässt wissen, dass nunmal ukrainisches Recht gelte wegen des Opfers, mit 50 000 Euro könne die Enkeltochter aber „ausgelöst“ werden, das Geld sei unverzüglich zu entrichten. Mehrfach wird dies ausgesprochen, und gefragt, ob Geld und Schmuck im Hause seien. Die Siebolds werden immer stutziger.

Ehemann Dr. Peter Siebold (84), jahrzehntelang Hausarzt, ist zwar auch bestürzt, versucht nun aber energisch, die Situation zu klären. Als Mediziner weiß er, dass, sollte seine Enkelin wirklich unter Schock stehen, umgehend eine Behandlung erforderlich ist. Er konfrontiert die Anruferin: „Ich bin der Arzt, und ich will jetzt sofort meine Enkeltochter sprechen.“

Kritische Nachfragen des Ehepaars verunsichern die Betrüger

Inzwischen sind mehrere Minuten vergangen. Wie viele kann Waltraud Siebold nicht genau beantworten. Doch das Verhalten des Ehepaars bringt die Betrügerin dazu, das Gespräch jetzt zu unterbrechen. Der Staatsanwalt werde sich in Kürze melden, die Siebolds sollen so lange unbedingt die Telefonleitung freihalten – also in Wartestellung verharren.

Was sie nicht tun, sondern sie kontaktieren umgehend die Polizei in Marburg. „Ich wurde sofort zu einer sehr freundlichen Dame von der Kripo durchgestellt, erzählt Waltraud Siebold. Schnell ist geklärt, wie alles einzuordnen ist, „bis hin zu der hohen, weinerlichen Stimme sind dort alle Details bekannt“.

Es folgte kein Anruf der Betrüger mehr. Siebolds ist es heute wichtig, zumindest andere eindringlich zu warnen. Denn, so betonen sie, das Ganze war verstörend und belastet anhaltend. Waltraud Siebold: „Es sind absolute Profis.“

Das sagt die echte Polizei

In diesem Fall gingen die Betrüger ganz typisch vor, sagt die Polizei. Glücklicherweise bemerkten die angerufenen Personen Unstimmigkeiten und informierten die Polizei, sodass es zu keiner Geldübergabe kam.

Die Beamten erhalten fast täglich Meldungen zu Betrugsversuchen. Dabei werden vorrangig die Maschen Enkeltrick, falscher Polizeibeamter, Schockanruf und Whatsapp-Trick genutzt.

Meist geht es um Verkehrsunfälle und horrende Kautionssummen

Zu bedenken sei die Dunkelziffer: Es ist davon auszugehen, dass viele Menschen die Maschen kennen und es der Polizei nicht melden, wenn sie einen betrügerischen Anruf erhalten haben.

Gerade am Freitag, 15. Juli, meldete die Polizei Marburg: Innerhalb der letzten Stunde erhielt die Polizei etwa zwei Dutzend Hinweise zu aktuell eingehenden Betrugsanrufen. Meist gehe es um angeblich von Angehörigen verursachte Verkehrsunfälle und horrende Kautionssummen.

Die Polizei bittet darum, vor allem ältere Verwandte, Freunde und Nachbarn auf die Masche aufmerksam zu machen. Niemals solle man Informationen über sich oder Angehörige mitteilen, „kontaktieren Sie schnellstmöglich den Angehörigen, der angeblich in einer Notsituation steckt“

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