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Die falsche Schwälmerin: Berlinerin in Schwälmer Tracht

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Von: Sylke Grede

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Eine Frau in Schwälmer Tracht steht neben einer zweiten Frau ohne Tracht.
Bekanntes Motiv: Diese Szene erlebte der ehemalige Schorbacher Helmut Porsche in Berlin bei der Grünen Woche 1966. © Helmut Porsche

In jüngster Vergangenheit war die Hephata-Curry-Wurst die regionale Botschafterin bei der Grünen Woche in Berlin, 1966 war es die Schwälmer Tracht.

Schorbach – Bei der Sichtung alter Briefe an seine Eltern kam Helmut Porsche aus Lörrach die Erinnerung an das Jahr 1966 und die Grüne Woche in Berlin. Im Februar 1966, im Verlauf seines Studiums in Berlin zum Sozialarbeiter, schrieb er seinen Eltern Folgendes:

„Gestern waren wir im Rahmen des Studiums bei der ‘Grünen Woche’. Es ist einfach unvorstellbar, wieviele Menschen sich da durch die Hallen schieben (die „grüne Woche“ eine Ausstellung für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau). Um 10 Uhr war Eröffnung, wir konnten einen Eingang für Gruppen benutzen. An den offiziellen Eingängen standen etwa 1000 Besucher in Schlangen vor den Kassen.

An einem Stand, in einer der großen Hallen, sah ich eine Schwälmerin stehen. Nachdem ich von ihr ein Foto gemacht hatte, sprach ich sie an. Ich fragte sie, ob sie eine „Echte“ sei. Die spontane Antwort: „Ne, ick bin ne echte Berlinerin, aber die Tracht ist echt!“

Sie zeigte sich ganz begeistert von der Tracht und angetan von den „komischen Sitten“: „Von wegen, wenn ein buntes Band getragen wird, dann ist die Frau noch zu haben“ usw.

Ich fragte sie im weiteren Verlauf des Gesprächs, ob sie auch so fünf oder sechs Röcke an habe? Hierauf fing sie sogleich an zu zählen und hob sie alle einzeln hoch, „eins, zwei, drei, vier, fünf und das ist das Hemd, das muss vorgucken, das hat einmal irgend so ein Fürst bestimmt, dass das Hemd der Frauen hervorgucken muss. Damit man sieht, dass es auch sauber ist“, so erklärte es mir die falsche Schwälmerin.“

Helmut Porsche flüchtete nach Schorbach

Zur Schwälmer Tracht hatte Porsche damals – und auch heute noch – einen Bezug, denn aufgewachsen ist er in Schorbach. Die Schwalm ist ab Frühjahr 1946 in sein Leben gerückt. Er und seine Familie seien zu dieser Zeit mit einem Transport von Flüchtlingen aus dem Sudetenland kommend in dem kleinen Ort Schorbach in der Schwalm eingetroffen, berichtet der 81-Jährige.

Auf dem Vorplatz der ehemaligen Schule, in der die Vertriebenen Unterkunft finden sollten, stand, „die Arme in die Hüften gestützt, eine Frau in der uns unbekannten ganz sonderbar anmutenden Schwälmer Tracht“. Ausgehend von diesem Ort im Kreis Ziegenhain, in dem die Porsches über 15 Jahre lebten, lernten sie in den folgenden Jahren die Schwalm und damit die Schwälmer Tracht, die zu dieser Zeit auch in Schorbach noch getragen wurde, näher kennen.

Die Schwalm in Berlin

Aus dem kleinen Dorf Schorbach, 1950 hatte es 537 Einwohner, war er nach Zwischenstopps in Frankfurt und Baden in die riesige geteilte Stadt Berlin, 1950 lebten dort 3,3 Millionen Einwohner, gekommen. Und rückblickend auf die Grüne Woche 1966 meint der ehemalige Schorbacher: „Nein, so konkret war es mir mit der Schwälmer Tracht bisher nicht bekannt. Erstaunlich, was man doch hier in der Großstadt Berlin alles erfahren kann – die Schwalm in Berlin.“

Jahre später, als Helmut Porsche wieder einmal einen Besuch in Schorbach gemacht hat, musste er feststellen, dass die Tracht inzwischen kaum noch getragen wurde. (Sylke Grede)

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