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Energie- und Klimakrise verknappen Brennholz in Nordhessen

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Von: Johannes Rützel

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Eugen Kessler (41) aus Trutzhain benötigt pro Jahr 15 bis 20 Raummeter Brennholz. Er kauft Rundholz vom Hessenforst und zerkleinert die Stämme selbst: „Für mich ist das wie für andere das Fitnessstudio!“
Brennholzkunde Eugen Kessler © Johannes Rützel

Heizen mit Holz erfreut sich seit Jahren großer Beliebtheit. Doch jetzt ist Brennholz rar. Was Hessen-Forst, Waldbesitzer und Kunden zum Brennstoffmarkt sagen.

Schwalm-Eder – Nicht wenige haben ihre Heizungsanlagen auf Holzöfen umgerüstet. Attraktiv war das, weil der Brennstoff preiswert ist. Außerdem ist Holz, im Gegensatz zu Öl und Gas, ein nachwachsender Rohstoff, was weniger Umweltbelastung verspricht.

Aber seit Jahresanfang wird das Brennholz knapp und teuer. Auf der einen Seite steigt die Nachfrage aufgrund der Energiekrise, Kunden wollen sich absichern. Auf der anderen Seite steht in Hessen aufgrund des Klimawandels und des schlechten Zustands einiger Wälder nicht mehr so viel Holz zur Verfügung. Die HNA hat bei den Betroffenen die Marktsituation erfragt.

Hessen-Forst rationiert die Holzbestellungen

Die aktuell hohe Nachfrage nach Buchenholz zu erfüllen, hält Michelle Sundermann von Hessen-Forst in Kassel für unmöglich. Hintergrund ist, dass die Buchenwälder in Hessen durch Trockenheit und Hitze geschädigt sind. „Die Buchen sterben sogar dort ab, wo wir gar nicht damit gerechnet haben.“

Die Folge: Das Hessische Umweltministerium hat ein Einschlagsmoratorium in einigen Buchenwäldern mit über 100 Jahre alten Bäumen verhängt. Hier darf kein Holz geschlagen werden

Im Revier des Forstamts Neukirchen hat das große Auswirkungen, weil hier viele alte Buchen stehen, sagt Produktionsleiter Rolf Wicke. „Die nutzbare Buchenholzmenge hat sich bei uns um etwa die Hälfte verringert.“ Das läge auch am Vogelschutzgebiet Knüll und dem Rotmilan, der dort heimisch ist.

Etwas entspannter sieht es Ulrich Gerold vom Forstamt Jesberg: „Erfahrene Holzbrenner haben ohnehin mindestens einen Jahresbedarf an Holz zu Hause.“ Was Hessenforst jetzt als Brennholz verkauft, könne diesen Winter ohnehin noch nicht verheizt werden, weil es noch zu feucht sei. Förster Gerold hofft auf das Verständnis der Kunden: „Wenn alle diszipliniert sind, dann sollte es mit dem Brennholz dieses Jahr eigentlich hinhauen.“

Privatwaldbesitzer können nicht genug fällen

Christian Raupach vom Hessischen Waldbesitzerverband sagt, dass derzeit 13 000 Hektar vom Einschlagsmoratorium betroffen seien. Das würde den Privatwald wiederum unter Druck setzen, mehr Holz zu verkaufen.

„Fichte könnte man in großer Menge zu Brennholz machen – aber es will nur keiner“, meint Christian Raupach. Fichte würde zwar schneller trocknen und kann daher schneller verbrannt werden, man müsse aber etwa doppelt so häufig Holz nachlegen.

Holzhändler sind ausverkauft

„Ich wusste 2021 schon, dass es 2022 schwer werden würde. Meine Kunden habe ich da schon vorgewarnt. Jetzt kommt die Energiekrise on top“, erklärt Martin Bipper, Brennholzproduzent und -händler aus Frielendorf.

Brennholzhändler Martin Bipper (Frielendorf) fällt Bäume, damit er überhaupt an Holz kommt.
Brennholzhändler Martin Bipper (Frielendorf) fällt Bäume, damit er überhaupt an Holz kommt. © JOHANNES RÜTZEL

Bipper verkauft auch schon länger Brennholz aus Fichte: „In Nordhessen ist das eher verpönt. In Bayern oder Baden-Württemberg wird aber viel Fichte verbrannt“, meint er. Bipper geht davon aus, dass er noch ein oder zwei Jahre Fichte bekomme, danach seien die Bestände in Nordhessen aber fast vollständig abgeerntet. Davor, jetzt frisches, und daher nasses, Holz zu verbrennen, warnt der Holzhändler und Feuerwehrmann Bipper eindrücklich. Denn so steigt das Risiko für Schornsteinbrände.

„Auf Dauer kann das mit der hohen Nachfrage nicht so bleiben“, sagt Holzhändler Christian Nachbar aus Wabern. Langfristig rechnet er wieder mit einem Rückgang bei den Holzkäufen. Kunden, die dieses Jahr mehr Holz gekauft hätten, würden nächstes Jahr wahrscheinlich wieder weniger bestellen, vermutet er. Außerdem gehe die Energiewende voran. Er selbst baue sich gerade eine Photovoltaik-Anlage auf das Dach, auch um damit den eigenen Bedarf an Brennholz zu reduzieren.

Seinen Kunden im Landkreis will Nachbar keine Hamsterei vorwerfen: „Wenn Kunden plötzlich fünf statt 20 Schüttmetern haben wollen, gehe ich dazwischen, aber das sind nur sehr wenige, die das anfragen.“

Brennholz-Händler Christian Nachbar aus Wabern: „Hier lagern sonst 1000 volle Kisten mit Brennholz.“
Brennholz-Händler Christian Nachbar aus Wabern: „Hier lagern sonst 1000 volle Kisten mit Brennholz.“ © Rützel, Johannes

Das Einschlagsmoratorium im hessischen Staatsforst trifft Nachbar direkt. „Mit dem Forstamt Neukirchen habe ich keine Verträge fürs nächste Jahr abschließen können. Da brechen mir 150 bis 200 Festmeter weg – und ich weiß noch nicht, wo ich die sonst herkriege“, sagt er. Im Forstamt Jesberg seien die Auswirkungen des Moratoriums ähnlich, beim Forstamt Melsungen sähe es noch etwas besser aus.

Ob er alternativ nicht Fichte kaufen und verkaufen könne? „Das Nadelholz steht auch nicht mehr zur Verfügung“, sagt Nachbar. 2020 habe er käfergeschädigte Fichte für 5 Euro den Festmeter gekauft. Im Dezember 2021 habe sie schon 15 Euro gekostet. Jetzt müsste er 40 Euro zahlen, falls er überhaupt welches bekomme. „Der Schüttraummeter Fichtenbrennholz würde 90 Euro kosten, das bezahlt keiner.“ Bei Fichte ohne Käferschäden stünden die Brennholzhändler außerdem in Konkurrenz mit der Holzindustrie. Das treibe die Preise hoch, stellt Nachbar fest. Insgesamt ist er dennoch vorsichtig optimistisch: „Ich bin gespannt, was wird, irgendwie geht es schon weiter.“

Brennholzkunden haben oft noch einen Jahresvorrat zu Hause

Eugen Kessler (41) aus Trutzhain heizt sein Haus seit 2007 mit einem Holzvergaserofen. Der Chemisch-Technische Assistent kauft sein Holz direkt von Hessen-Forst und zerteilt die bis zu fünf Meter langen Stämme selbst im Wald. „Für mich ist das wie für andere das Fitnessstudio“, gibt er lachend zu.

Der Entwicklung steht er gelassen gegenüber. Das Holz, das er gerade in seinem Garten ablädt, lagert er noch zwei Jahre. Ob er auf Fichte umsteigen wird? „Mir persönlich ist das egal, ob Buche oder Fichte. Aber Fichte müsste ich fast doppelt so viel holen und lagern wie Buche.“

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