Erst Praktikant, jetzt Meister

Oberaula: Till Neumann ist Schreiner aus Überzeugung

Tischlermeister Till Neumann an der Säge in der Schreinerei Battenberg in Oberaula.
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Tischlermeister aus Überzeugung: Till Neumann hat in der Schreinerei Battenberg in Oberaula alle Ausbildungsschritte durchlaufen – vom Praktikum ging es für ihn nach der Mittleren Reife in die Lehre, dann arbeitete er als Geselle, jetzt hat er seinen Meistertitel in der Tasche.

Für Till Neumann (25) ist Arbeiten im Handwerk alles andere als eine Einbahnstraße. Der junge Wahlshäuser hat sich bewusst und mit Bedacht einen Handwerksberuf ausgesucht – und seine Entscheidung nie bereut.

Oberaula. Alles begann mit einem Praktikum in der Schreinerei Battenberg in Oberaula, jetzt ist er dort frischgebackener Tischlermeister. Und nicht nur Neumann selbst ist darauf ein kleines Bisschen stolz, vor allem seine Ausbilder – Firmeninhaberin Brigitte Arnold und ihr Mann Rainer, ebenfalls beide Schreinermeister – freuen sich über ihren äußerst engagierten und kreativen Kollegen.

Denn diese Momente sind für viele Betriebe selten geworden: „Es wird immer schwieriger, überhaupt geeignete Bewerber zu finden“, sagt Rainer Arnold.

Studium nach der Meisterprüfung ist möglich

Till Neumann hat nach der Mittleren Reife eine Tischlerlehre begonnen und die Zimmermannsausbildung drangehängt. Und so die Möglichkeiten im Handwerk von der Pike auf gelernt: „Bei den Zimmermannsarbeiten reizt die Höhe, allerdings arbeitet man eben auch immer draußen. Als Tischler kann ich in der Werkstatt arbeiten und schon auch Kreativität miteinfließen lassen.“

Rainer Arnold glaubt, dass viele falsche Vorstellung vom Tischlerberuf hätten: „Die denken, das ist wie Werken in der Schule. Aber der Beruf ist komplex, abwechslungsreich und auch herausfordernd.“ Letzteres werde völlig unterschätzt, dabei stelle er bei den Bewerbern häufig fest, dass die schulischen Voraussetzungen beispielsweise für die Gesellenprüfung nicht ausreichten. Wer sich weiterbilde, dem stünden viele Türen offen, wissen Arnolds – mit der Meisterprüfung in der Tasche ist ein Studium möglich, beispielsweise im Architektur- oder Designbereich.

Das Meisterstück: Der Wahlshäuser entwarf und baute diese Schnapsothek.

Während es früher mehrere Berufsschulklassen für die Schreiner gegeben habe, sei man heute zufrieden, wenn man in Ziegenhain eine Klasse zusammen bekäme, erzählt Rainer Arnold, der froh ist, auch für den Herbst zwei neue Azubis für den Betrieb gefunden zu haben. Dabei hat sich die Ausrichtung der Betriebe in den vergangenen Jahren stark gewandelt. „Wir sind Allrounder, eher eine Bauschreinerei. Der Möbelbau ist stark geschrumpft, der Geschmack vieler Kunden kurzlebiger“, sagt Arnold.

140 Stunden Arbeitszeit für Meisterstück

Alles andere als kurzlebig sind jedoch meist die Meisterstücke, in denen die Gesellen eindrucksvoll zeigen können, was sie handwerklich drauf haben: Till Neumann hat sich für den Bau eines besonderen Schrankes mit Einlegearbeiten entschieden – einer Schnapsothek. 140 Stunden hatte er dafür Zeit – von der Skizze bis zum ausstellungsreifen Stück.

Dazu büffelte der Wahlshäuser noch jede Menge Theorie: darunter Arbeitspädagogik und BWL. Im praktischen Teil der Meisterprüfung musste Neumann zusätzlich eine Handfertigkeitsprobe abliefern und sich im Kundengespräch behaupten. Arnolds sind froh, dass Neumann auch nach der Meisterprüfung weiter in ihrem Betrieb arbeitet: „Er ist wie ein Sechser im Lotto“, sagt das Schreiner-Ehepaar. (Sandra Rose)

Handwerk fehlen Azubis: Wieder weniger Ausbildungsverträge – Lage sehr angespannt

Die Baubranche boomt, die Auftragsbücher sind voll – doch auch im Schwalm-Eder-Kreis schaut man im Handwerk mit Sorge auf den Ausbildungsmarkt. „Es gibt immer noch mehr Stellen als Bewerber“, sagt Wolfgang Scholz, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Aktuell sind im Handwerk 55 Ausbildungsplätze unbesetzt – ein ähnliches Niveau wie in den Vorjahren. Immerhin konnten von März dieses Jahres bis Juni 56 Ausbildungsplätze mit passenden Bewerbern besetzt werden.

Dabei habe das Handwerk nicht nur mit einem Imageproblem zu kämpfen, auch die Pandemie habe eine wesentliche Rolle gespielt: „Es fand so gut wie keine Berufsorientierung statt, es gab keine Messen, Möglichkeiten von Praktika“, erklärt Scholz. Die Daten zu freien Ausbildungsplätzen würden bei der Kreishandwerkerschaft zwar zwei Mal im Jahr erfasst, präzise Zahlen stünden jedoch erst am 31. Dezember eines jeden Jahres fest – dann veröffentlich die Kammer die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge. Seit Jahren geht die Zahl im Kreis kontinuierlich zurück: Im Handwerk wurden 2018 noch 416 Verträge, ein Jahr darauf 380 und im vergangenen Jahr 369 Ausbildungsverträge abgeschlossen. Dabei trifft es drei Gewerke besonders hart, erläutert Scholz: Dachdecker, Elektriker und Tischler – hier werden Azubis händeringend gesucht.

Kreishandwerksmeister Frank Michel, Malermeister aus Schwalmstadt, schätzt die Lage als äußerst angespannt ein: „Es kann einem Angst und Bange werden.“ Die Auftragslage im Handwerk sei sehr gut, auch bei der Entlohnung hätten die Handwerksberufe deutlich aufgeholt. Ausbildungsvergütungen von 650 bis 800 Euro und mehr seien im ersten Lehrjahr keine Ausnahme. Zudem gebe es hervorragende Weiterbildungsmöglichkeiten – etwa an einer Meisterschule oder einer Fachhochschule. Dennoch gebe es deutlich zu wenige Bewerber. In der Kreishandwerkerschaft sei die Stelle einer Willkommenslotsin installiert worden – sie soll Betriebe bei der Besetzung offener Stellen mit geflüchteten Menschen unterstützen. (sro)

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