„Auf das Wesentliche besinnen“

Eventmanager Daniel Geibel über Volksfeste nach der Pandemie

Unser Foto mit Mädchen in Schwälmer Tracht entstand bei einer der letzten Babillerkirmessen in Neukirchen.
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Die Umzüge gehörten immer zu den Pfeilern sommerlicher Volksfeste: Unser Foto mit Mädchen in Schwälmer Tracht entstand bei einer der letzten Babillerkirmessen in Neukirchen.

Während die Schaustellerbranche mit schweren Existenzsorgen kämpft steht die Frage im Raum, wie und wann Kirmes und Co. zurückkehren können.

Schwalm – Wir sprachen darüber mit Schausteller Daniel Geibel aus Ziegenhain.

Wir erleben den zweiten Sommer ohne Traditionsfeste wie die Salatkirmes in Ziegenhain oder den Pferdemarkt in Fritzlar, wird es im nächsten alles wieder so sein wie früher?
In Schaustellerkreisen wird das diskutiert, eine Reihe meiner Kollegen ist dabei der Auffassung, dass es nicht einfach so weitergeht, wie es vor der Pandemie gewesen ist.
Worauf stellt sich die Branche denn ein?
Die Hygienestandards bleiben vermutlich noch länger. Voriges Jahr entstanden im ganzen Land temporäre Freizeitparks mit Einlasskontrollen, zum Beispiel in Kassel der Sommerspaß. Die Verantwortlichen in den Ordnungsämtern waren mit dem Verlauf dort zufriedener, denn dieses Format ist überschaubarer, zum Beispiel Schlägereien unter Alkoholeinfluss kommen gar nicht vor.
Werden also künftig die Volksfeste auf umzäunten Arealen mit Fußgänger-Einbahnstraßen und gesperrten Sitzen in den Fahrgeschäften stattfinden?
Die Menschen haben das voriges Jahr gern angenommen, doch echte Kirmesatmosphäre gab es dort nicht. Wir müssen überlegen, was wir nach Corona möchten. Es war früher nicht alles gut, aber ein offener Charakter des Fests mitten in der Stadt wie beim Bad Hersfelder Lullusfest oder der Salatkirmes in Ziegenhain geht natürlich mit der Verlagerung irgendwo an den Ortsrand verloren.
Ist also jetzt der Zeitpunkt, um über die Zukunft unserer Volksfeste nachzudenken?
Ich denke schon. Man sollte sich auf das besinnen, was das Wesentlichste daran gewesen ist. Bei einer Salatkirmes müssen der Umzug, das Lattchen und auch das Festzelt sein. Letztlich genießen die Menschen das Miteinander, darauf freute man sich einst das ganze Jahr, und sollte es wieder werden.
Und wie schafft man das?
Das weiß im Moment keiner so genau. In den Jahren vor der Pandemie war ja schon eine starke Veränderung eingetreten. Während die richtig Großen wie das Oktoberfest immer mehr zogen, verabschiedeten sich viele Schausteller mit großen Fahrgeschäften von Terminen wie der Salatkirmes, weil es sich für sie nicht mehr lohnte. Das war zuletzt ein Problem für alle kleineren Veranstaltungen.
Riesenrad auf dem Festplatz Ziegenhain: Das undatierte Foto stammt aus dem Archiv von Markus Stübing. (Repro)
Wollen die Menschen denn ihr Heimatfest noch?
Ein großer Nachholbedarf ist wahrscheinlich da, vielleicht wird es gerade die Chance für die Kleineren, denn in der Pandemie hat jeder von uns gelernt, mit weniger zufrieden zu sein. Das Gedrängel mit sehr vielen Fremden erscheint zumindest vorläufig nicht mehr so attraktiv, während zum Beispiel ein kleinerer Weihnachtsmarkt auf dem Land besser ankommen könnte als der große in der Stadt.
Zurück zu den Wurzeln?
Kann ich mir vorstellen: Schießbude und Büchsenwerfen gehören noch immer zur DNA der Kirmes. Aber es ist sehr schwer, den Publikumsgeschmack zu treffen. Ich persönlich habe als Eventmanager bei einer Großveranstaltung einmal auf die unschönen fliegenden Stände mit Billigwaren wie Handtaschen und Sonnenbrillen verzichtet, wofür es dann für mich unerwartete Kritik gab. Der Köder muss eben nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch.
Das klingt ganz so, als erfordere eine Stunde Null einen wirklichen Gestaltungswillen.
Es wird darauf ankommen, alle einzubinden, alle müssen ein neues Zusammenhaltsgefühl entwickeln. Noch modernere, größere Fahrgeschäfte sind in der Fläche nicht die Antwort, das rentiert sich einfach nicht mehr. Die Rückbesinnung auf nostalgische Festerlebnisse könnten funktionieren, aber entstaubt von Ballast. Alles andere bieten den mobilen Bevölkerungskreisen nun mal die großen Events wie das Oktoberfest und auch die Freizeitparks.
Sind die Schausteller bereit?
Schausteller sind Überlebenskünstler. Viele gieren förmlich danach, dass es endlich wieder losgeht. Man darf auch nicht vergessen, wie trist das Dasein vieler meiner Kollegen in der Pandemie ist. Vielen fehlt nicht nur die Arbeit, sondern das gewohnte Leben, das Unterwegssein. Es gab sehr hilfreiche Coronaunterstützung vom Staat, aber jetzt wollen wir unbedingt wieder Kirmes machen.
Wann kann das sein?
Das kann zur Stunde noch niemand sagen, es ist immer noch Geduld nötig. Schausteller wünschen sich auch Planungssicherheit, weder zu frühe Absagen noch ein Abwarten bis zur letzten Minute. Die Kosten für Sicherheits- und Hygienemaßnahmen müssen im Verhältnis zu den Umsätzen sein. Aber man kann die Uhr nicht zurückdrehen, bestimmte Standards werden bleiben.

(Anne Quehl)

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