Experten fordern Tempo 80 auf Land- und Bundesstraßen

Schwalm-Eder. Landstraßen - schön aber gefährlich: So titelt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat. Doch hilft ein Tempolimit von 80 Stundenkilometern auf allen Außerortsstraßen weiter?

Das nämlich fordern jetzt Verkehrsexperten. Die Polizei weiß: Landstraßen bergen die gefährlichsten Stellen, „herausragende Unfallorte" heißt das in der Statistik. Die jüngsten Angaben stammen aus dem Jahr 2013, als 475 Menschen auf Landes-, Kreis- und Gemeindestraßen im Schwalm-Eder-Kreis ernstlich verletzt wurden. Demgegenüber waren es auf Bundesstraßen 226. Umgekommen sind in dem Zeitraum elf Menschen.

Geschwindigkeit war die häufigste Unfallursache, 33 Prozent der Unfälle passierten laut Polizei durch zu hohes Tempo, besonders auf Landes- und Kreisstraßen. Doch es gibt auch viele andere Gründe, etwa Vorfahrtfehler mit 28 Prozent oder mangelnder Abstand (17 Prozent). Auf Bundesstraßen waren diese Ursachen viel häufiger die Auslöser für schwere Unfälle (162 Mal) als hohes Tempo (63 Mal).

Der Vorsitzende der Kreisverkehrswacht Schwalm-Eder Gerd Daake (Fritzlar) bezweifelt, dass Tempo 80 auf allen Außerortsstraßen die Opferstatistik verbessern könnte, dafür fehlt es seiner Ansicht nach an Nachweisen: „Unsere Straßen sind sehr sicher.“ Viel mehr befürwortet Daake, dass Lastkraftwagen nicht bloß 60, sondern 80 Kilometer pro Stunde schnell sein dürfen, dann entfiele manches Überholmanöver.

Dass sich die Sicherheit im Auto überdies seit Jahren beständig erhöht, bestätigt Polizeihauptkommissar Thomas Gläsel (Homberg), er verweist auf die immer bessere Fahrzeugtechnik, zum Beispiel Airbags. So habe es zu Beginn der Schwalm-Eder-Statistik 1974 noch 44 Verkehrstote gegeben, 2014 gab es die geringste Anzahl an Todesopfern: sieben.

Derzeit gilt auf den rund 200 000 Kilometern auf deutschen Landstraßen ein Tempolimit von 100 Stundenkilometern. Laut DVR-Geschäftsführer Christian Kellner sind viele Strecken dafür aber ungeeignet.

Die Polizei Schwalm-Eder möchte trotzdem keine abschließende Aussage darüber treffen. Polizeihauptkommissar Thomas Gläsel: „Rein physikalisch gilt, dass hohe Geschwindigkeiten schwerere Personenschäden verursachen.“ Insofern sei die Schlussfolgerung des Verkehrsgerichtstages jüngst in Goslar logisch.

Gläsels großes Aber: Es ergäbe sich nur dann ein positiver Effekt, wenn eine zulässige Höchstgeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern von den Verkehrsteilnehmern mehrheitlich auch akzeptiert würde. Gläsel: „Letztlich obliegt dem Gesetzgeber bei dieser Entscheidung die Abwägung zwischen den sogenannten Freiheitsrechten und den gesellschaftlich notwendigen Anforderungen.“ Ähnliches gelte für die Forderung nach Tempo 30 in Ortslagen.

Und Gerd Daake macht klar, was Tempo 80 auf allen Strecken außerorts vor allem erfordern würde: Noch mehr Geschwindigkeitskontrollen.

Von Anne Quehl

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