Zechenbuch gibt Auskunft über Arbeitsweisen im Bergbau

Braunes Gold aus Frielendorf

Der Schienenverkehr rund um die Zeche spielte eine wichtige Rolle. Viele Kilometer Gleise waren in Frielendorf verlegt.
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Der Schienenverkehr rund um die Zeche spielte eine wichtige Rolle. Viele Kilometer Gleise waren in Frielendorf verlegt.

In Frielendorf ist ein Zechenbuch aus dem Jahr 1868 aufgetaucht. Darin sind Besitz-, Beschäftigungs- und Vermögensverhältnisse vermerkt. Es gibt aber auch Auskunft über Betriebsplanungen.

Frielendorf. Nicht alles, was auf Dachböden, in Kellern oder alten Truhen schlummert sollte man unbesehen entsorgen. So entdeckte Sandra Lüling (50) aus Frielendorf-Verna beim Aufräumen ihres Kellers ein vergilbtes Zechenbuch des Frielendorfer Braunkohlewerks, beginnend mit dem Jahr 1868.

Roswitha Lange am historischen Zechentor.

Sie wusste zu berichten, dass das Buch wohl durch ihren früher in der Zeche Frielendorf beschäftigten Vater bei Aufräumarbeiten nach Schließung des Werks gefunden und aufbewahrt wurde.

Zechenbücher wurden seinerzeit auf rechtlicher Grundlage des preußischen Berggesetztes geführt und enthielten unter anderem schriftliche Anweisungen der Zeichenleitung und der zuständigen Bergämter, Angaben über Besitz-, Beschäftigungs- und Vermögensverhältnisse aber auch über neue unternehmerische Vorhaben und Planungen zum Verlauf der Kohleförderung.

Zusätzlich wurden im Zechenbuch überörtliche Mitteilungen der damaligen Berliner Aufsichtsbehörde veröffentlicht.

So findet sich in einem Auszug aus dem Zechenbuch nach einem andernorts ereigneten Todesfall durch Stromschlag die Empfehlung: „… dass man die Arbeiter auf ihre Empfänglichkeit für elektrische Wirkungen vorher untersucht, indem man sie probeweise langsam gesteigerten Spannungen aussetzt ….“ (Königliche technische Deputation für Gewerbe, Berlin, den 12. Juli 1907)

Sandra Lüling übergab das seltene Fundstück an Roswitha Lange (86), Mitglied im Bergmannsverein „Glück auf“ Frielendorf, um es Interessierten zugänglich zu machen und der Nachwelt zu erhalten. Der historischen Bedeutung des Zechenbuchs bewusst, überreichte Roswitha Lange das Zechenbuch der Gemeinde Frielendorf zur Ausstellung im Rathaus.

Der Schienenverkehr rund um die Zeche spielte eine wichtige Rolle. Viele Kilometer Gleise waren in Frielendorf verlegt.

Als Zeitzeugin erinnert sich die Frielendorferin noch gut daran, welche Bedeutung der Braunkohlebergbau für das wirtschaftliche und soziale Leben in Frielendorf und Umgebung hatte. „In meiner Kindheit fuhren noch Pferdegespanne vollbeladen mit Kohle aus der Zeche durch das Dorf. Viele Fuhrwerke standen durch das ganze Dorf dicht hintereinander und warteten auf die Beladung mit Kohle. Um die Wartezeit zu überbrücken, versorgten sich die Arbeiter mit einer Brotzeit aus dem Gemischtwarenladen Schröder oder in der Gaststätte nebenan mal schnell mit einer Suppe, die immer dort parat stand“, erzählt die 86-Jährige.

Eine ganz andere Funktion hatten die Gruben und Schächte allerdings während des Zweiten Weltkriegs. „Im Jahr 1943 explodierte mal eine Fliegerbombe in Frielendorf. Ein Kind kam dabei ums Leben. Aus Angst vor weiteren Angriffen hat dann meine ganze Familie im Tiefbau auf einer Bank geschlafen. Viele Nächte haben wir da gemeinsam mit anderen Familien aus dem Dorf verbracht. Gut versorgt von einer Nachbarin, die immer einen Korb mit roter Wurst dabeihatte“, erinnert sie sich.

Zusätzlich erhielt die Gemeinde Frielendorf über Roswitha Lange eine einzigartige historische Karte als Leihgabe von Gisela Ewald (91) aus Frielendorf. Als Hinterlassenschaft ihres Ehemannes, der ebenfalls im Bergwerk gearbeitet hatte, zeigt diese einen Lageplan des damaligen Grubenfelds der Frielendorfer Braunkohle Gewerkschaft von 1854. Gerahmt ziert die Karte jetzt das Arbeitszimmer von Bürgermeister Thorsten Vaupel. (Ute-Anemone Lorenz)

Erste Brikettieranlage in Nordhessen

Historisch verbürgt ist ein systematischer Braunkohlebergbau in Nordhessen schon ab Mitte des 16. Jahrhunderts am Meißner. Damals sollte die fossile Kohle insbesondere die unzureichende Versorgung mit Brennstoffen aus Holz und Holzkohle bei der Salzgewinnung verbessern. Während Braunkohle bislang ausschließlich zu kleingewerblichen und handwerklichen Heizzwecken genutzt worden war – und das auch nur dann, wenn keine Holzkohle verfügbar war – begann mit der regelmäßigen Belieferung von Salinen die industrielle Kohlenutzung.

Einen größeren Aufschwung nahm der nordhessische Braunkohlenbergbau in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts, als auch in Hessen-Kassel privates Engagement im Kohlenbergbau zulässig wurde und der Bedarf durch neue Industrien wuchs.

Zu den privaten Gründungen des 19. Jahrhunderts gehörte im Jahr 1821 die Zeche Frielendorf durch die Familie von Baumbach und andere Anteilseigner. Das Grubenfeld umfasste bis zu 4700 Hektar und wurde anfangs im Tiefbau und später im Tagebau ausgebeutet. 1873 entstand eine Brikettieranlage –die einzige ihrer Art im nordhessischen Revier – und wurde bis 1962 betrieben. Ende der Fünfzigerjahre nahmen die Elektrizitätswerke Kassel und Borken ca. 65 Prozent der nordhessischen Braunkohlenförderung ab, weitere 30 Prozent gingen an Industrie und Gewerbe, der Rest in den Hausbrand.

1400 Menschen arbeiteten im Montanbetrieb

Für die kleine Gemeinde Frielendorf bildete der Braunkohlebergbau und die Brikettherstellung rund 150 Jahre lang die wirtschaftliche Basis. Seine Blütezeit erlebt der dortige Braunkohlebergbau in den 1920er-Jahren. Während dieses Jahrzehnts arbeiteten zeitweise etwa 1400 Menschen im Montanbetrieb des Kernortes Frielendorf und der umliegenden Dörfer. Damit gehört die Gemeinde Frielendorf zu den bedeutendsten Braunkohlerevieren Hessens.

Bis zur Einstellung des Bergbaus Ende der Sechzigerjahre wurden dort insgesamt etwa 26,5 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert, rund 6,5 Millionen Tonnen Briketts produziert und unter dem Handelsnamen „Hassia“ vertrieben. Als Ende der Sechzigerjahre Jahre der Bergbau in Frielendorf eingestellt wurde und die Industriegeschichte des Ortes damit ein Ende fand, setzte ein weitreichender Strukturwandel ein.

Aus einem Tagebauloch entstand ein Badesee, der heute als Silbersee ein beliebtes Ausflugs- und Urlaubsziel ist. Entlang eines Bergbaulehrpfads erfährt man Wissenswertes über den Braunkohleabbau.

Auch der Museumsladen in Frielendorf mit seinen Exponaten, zum Beispiel einem Modell des einstigen Zechengeländes, und das Hessische Braunkohle Bergbaumuseum in Borken lohnen einen Besuch. (Ute-Anemone Lorenz)

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