Corona macht zufriedener im ländlichen Raum

Eine neue Realität: Interview mit einem Nachhaltigkeitsjournalisten

Viel Platz und viel Natur: Corona macht zufriedener im ländlichen Raum, sagt Nachhaltigkeitsjournalist Jonathan Linker aus Großropperhausen. Unser Drohnenfoto zeigt den Blick über Schrecksbach.
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Viel Platz und viel Natur: Corona macht zufriedener im ländlichen Raum, sagt Nachhaltigkeitsjournalist Jonathan Linker aus Großropperhausen. Unser Drohnenfoto zeigt den Blick über Schrecksbach.

Interview mit dem Nachhaltigkeitsjournalisten Jonathan Linker aus Großropperhausen über Corona, den ländlichen Raum und eine neue Realität. 

Auf der einen Seite die kleine Mietwohnung und kaum Auslauf, auf der anderen geräumige Häuser, Gärten und viel Natur. Viele Stadtbewohner wünschen sich aktuell aufs Land. Wir haben darüber mit dem Nachhaltigkeitsjournalisten Jonathan Linker aus Großropperhausen gesprochen.

Auf dem Land lebt es sich gerade nicht schlecht. Es gibt Platz, Landschaft und frische Luft. Könnte die Region davon nicht langfristig profitieren?

Wir haben hier auf dem Land mit unserer Umgebung jetzt ein Riesenglück. Wir können den Frühling in der Natur praktisch ohne Einschränkungen genießen. Selbst wer bisher keinen Blick für den Wechsel der Jahreszeiten hatte, sieht jetzt mit offenen Augen diese enorme Vitalität in der Natur, die den Stillstand in unseren Wohnungen ein gutes Stück weit aufhebt. Wer das jetzt schätzt, der schätzt das auch in einem Jahr noch. Corona macht uns sicherlich zufriedener mit unserer ländlichen Heimat, was viele Städter so nicht von sich sagen können. Ich möchte aber eher dabei bleiben, was wir hier jetzt aus der Situation machen können und weniger vergleichen. Ich bin da zurückhaltend, das ist für mich ähnlich ungeschickt wie Corona als Klimaschutzmaßnahme zu feiern.

Trotzdem, sollte es nicht Denkanstöße geben?

Man kann natürlich darüber sinnieren, wie sich das Leben auf dem Land nach Corona verändern wird. Da kann man viel Hoffnungsvolles rein packen, das ist mir aber momentan alles zu weit weg. Die Leute sind, glaube ich, gerade alle ziemlich gefrustet und sind über den Punkt hinaus, dass es ihnen ausreicht, sich mit einem hoffnungsvollen Text in bessere Zeiten zu träumen. Wir leben wahrscheinlich schon seit Wochen nicht mehr in einem Krisenmodus, sondern in unserer neuen Realität, die für eine ganze Weile unser Leben bestimmen wird.

Also?

Zuletzt haben wir Zufriedenheit ja häufig über den wachsenden Radius unserer Mobilität definiert. Für den tollsten Yogakurs sind die Leute nach Bali geflogen. Plötzlich gibt es das alles nicht mehr. Keine Großveranstaltungen, keine Auslandsreisen, den ganzen Sommer lang. Wir müssen ja irgendwie lernen, uns damit zu arrangieren, sonst verzweifeln wir alle demnächst. Der nächste Yogakurs findet wahrscheinlich mit Freunden an der Schwalm statt, und ich kann mir nicht vorstellen, dass das nicht mindestens so toll wird wie irgendwas auf Bali.

Welche Impulse könnte es geben?

Ein Denkanstoß könnte sein, dass wir nicht im Bedauern des Unmöglichen verweilen, sondern ganz praktisch zeigen, was alles geht. Es gibt vor unserer Haustür auch jetzt so viele Möglichkeiten, die wir unser halbes Leben lang nicht wahrgenommen haben. Kann das nicht auch eine neue Lust aufs Regionale entfachen? Das so zu erleben, dazu will ich ermutigen.

Ist jetzt nicht der ganze Tourismussektor jetzt gefragt, uns kurzfristig entsprechende Urlaubsangebote für 2020 zu machen?

Da stecken viele Chancen drin, aber es ist nur wegen Corona ja kein Selbstläufer. Ich würde mir wünschen, dass regionaler Urlaub mehr wird als ein Notnagel. Dazu müssen die Angebote mit dem Engagement gestrickt werden, wie wir es von erfolgreichen Tourismusdestinationen kennen. Wenn die Leute 2020 Krisenurlaub auf Sparflamme angeboten bekommen, dann fliegen sie wieder weg, sobald sie können.

Aber müsste man nicht dennoch jetzt schon Ideen entwickeln? Insbesondere im Bereich Tourismus?

Die Angebote müssen ja grundweg auch mit weniger persönlicher Interaktion funktionieren, daher muss das kein Nachteil sein, dass wir institutionell weniger stark aufgestellt sind. Die HNA könnte helfen, die Lücke zu füllen und selbst Service dazu liefern. Klar, das ist kein klassischer Journalismus, aber was soll man sonst jetzt schreiben?

Die Menschen werden vermehrt innerhalb Deutschlands Urlaub machen, bin ich mir sicher.

Bleibt ihnen ja schlicht nichts anderes übrig. Man wird nicht weit von seiner Haustür weg können. Zweitwohnsitze in Urlaubsregionen dürfen ja nicht mehr genutzt werden. Aber auch abgesehen davon: Die Einheimischen haben doch egal wo überhaupt keine Lust auf Besucher. In Brandenburg sind Autos mit Berliner Kennzeichen ein Problem: Das sind die, die sich sonst nie für die Leute interessieren und jetzt, wo ihnen die Stadt zu eng ist, Corona anschleppen.

Zur Person 

Jonathan Linker (36) lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Großropperhausen. Nach dem Abitur studierte er in Darmstadt Nachhaltigkeitsjournalismus. Er arbeitete als Redakteur bei „Luftfahrt ohne Grenzen“ und Gruener-Journalismus.de, einem von der Unesco ausgezeichneten Medienportal für nachhaltige Entwicklung. Er zählt zu den Gründern der „Homeberger“, einem Netzwerk von regionalen Unternehmern. 

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