Sehnsucht nach neuem Leben

Im DP Ziegenhain untergebracht: Esther Safran Foer forscht über ihre Familie

Esther Safran mit ihren Eltern im DP-Lager Ziegenhain (Trutzhain). Im Hintergrund ein Wachtturm.
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Esther Safran mit ihren Eltern im DP-Lager Ziegenhain (Trutzhain). Im Hintergrund ein Wachtturm.

Wer kauft und liest noch dicke Sachbücher? Dabei bieten sie oft Erkenntnisse für unser historisches Gedächtnis. In lockerer Folge machen wir Sie mit solcher Literatur über unsere Region bekannt.

Trutzhain – Esther Safran Foer, Tochter von Holocaustüberlebenden, Mutter des bekannten US-amerikanischen Schriftstellers Jonathan Safran Foer, hat einen Großteil ihres Erwachsenenlebens damit verbracht, die Geschichte ihrer Familie zu suchen, die von dem Zerstörungsregime des Nationalsozialismus begraben wurde. Fast alle Angehörigen ihrer Mutter und ihres Vaters wurden nach dem Einmarsch der Wehrmacht in das von der Sowjetunion okkupierte Ostpolen 1941 umgebracht und in Massengräbern verscharrt.

Nach dem Ende des Krieges wurden die Überlebenden oft gedrängt, nach vorne zu blicken, weiterzumachen und ihre unaussprechlichen Verluste hinter sich zu lassen. Ihre Mutter war entsprechend sehr wortkarg, der Vater zu früh gestorben, um ihn fragen zu können. So beginnt das Buch mit einem Geheimnis. Die ersten beiden Sätze lauten: „Auf meiner Geburtsurkunde steht, dass ich am 8. September 1946 in Ziegenhain, Deutschland, geboren wurde. Falsches Datum, falsche Stadt, falsches Land.“ Ihre Mutter habe ihr immer am 17. März zum Geburtstag gratuliert. Als die Wehrmacht nach Kolky, heute Ukraine, kam, ließ ihre Mutter, Jahrgang 1920, alles zurück und flüchtete nach Osten der sich zurückziehenden Sowjetarmee folgend. Sie arbeitete auf Bauernhöfen oder in Fabriken oder hungerte und gelangte bis nach Usbekistan.

Nach dem Kriege erfuhr sie, dass alle jüdischen Familien ausgelöscht waren bis auf wenige Personen, die sich in den Wäldern versteckt hatten. Sie heiratete im Mai 1945 Leibel Safran, der die Vernichtung des Gettos seines Dorfes nur überlebt hatte, weil er außerhalb einen Arbeitsauftrag für die Besatzer zu erledigen hatte und danach von einem Ukrainer versteckt wurde.

Szene aus dem Lagerleben: Die Lagerpolizei des DP-Camp Ziegenhain (DP Camp 95-443 Ziegenhain), 1946.

Die Eltern hatten in Lodsch geheiratet und mussten erkennen, dass es in Polen immer häufiger zu antisemitischen Übergriffen kam, deren Höhepunkt das Pogrom von Kielce am 4. Juli 1946 mit 42 Toten war. Sie flohen über Berlin nach Westen und gelangten im August 1946 in das DP-Lager 95-443 Ziegenhain. Esther Safran Foer schreibt darüber, dass es in den heruntergekommenen Baracken keine Privatsphäre gab, man teilte sich Bäder und Küchen. Die Wände zwischen den Räumen hatten Löcher. Ihre Mutter verarbeitete abgepackte Lebensmittel der Amerikaner. Es waren häufig Dinge, die sie noch nie gesehen hatte, z. B. Götterspeisenpulver. Es habe viele Hochzeiten und Geburten im Lager gegeben. Die jungen Flüchtlinge sehnten sich nach neuem Leben.

Sehnsucht nach neuem Leben: Familie verließ 1949 Europa

Als die Eltern wegen Atemproblemen (Asthma) der kleinen Esther ein Krankenhaus aufsuchten und man das Kind über Nacht dalassen sollte, weigerten sie sich, vermutlich aus Angst. Der Vater betätigte sich auf dem Schwarzmarkt und handelte mit allem, was knapp war, um Devisen anzusammeln, denn man sah sich in der Warteschleife und wollte in die USA.

Eine Erinnerung an Trutzhain ist ihr bis heute geblieben: Eine kleine kahle Stelle auf ihrem Kopf, verursacht von kochendem Haferbrei, der in der Gemeinschaftsküche auf die spielenden Kinder geflossen war. Die vom Standesamt Ziegenhain beglaubigte Verschiebung des Geburtstages der kleinen Esther hatte der Vater wohl arrangiert, um die Chance auf die Einwanderung zu erhöhen. Nachdem ein Bürge in den USA gefunden war, verließ die Familie im August 1949 Europa. (Bernd Lindenthal)

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