Schwälmer Geschichtsforscherin Barbara Greve recherchierte 

Frielendorf: Ein Haus erzählt Geschichte

Zunächst unauffällig: Das Haus in Frielendorf in der Hauptstraße weist beim näheren Betrachten einige Besonderheiten auf, unter anderem eine hebräische Inschrift über dem Türsturz.
+
Zunächst unauffällig: Das Haus in Frielendorf in der Hauptstraße weist beim näheren Betrachten einige Besonderheiten auf, unter anderem eine hebräische Inschrift ü ber dem Türsturz.

Fast unscheinbar reiht sich ein Fachwerkhaus in der Hauptstraße in Frielendorf in eine Häuserzeile – links davon das Schaufenster eines Antiqitätenladens, in der ehemaligen Durchfahrtenne steht ein Eierautomat.

Beim näheren Hinschauen entdeckt man allerdings Besonderheiten, die belegen, dass einst eine jüdische Familie dort gelebt hat. Die Schwälmer Geschichtsforscherin Barbara Greve hat dazu recherchiert.

„Haune Abraham und seine Frau Gende haben Gott vertraut und dieses Haus erbaut im Jahre 1807“, steht in einem der Rähmbalken eingeschlagen. Auffällig ist auch die hebräische Inschrift über dem Türsturz. Übersetzt steht dort „Das ganze Werk wurde vollendet zum Glück und zum Segen am 15. des Tamuz 5566“ (1. Juli 1806). Haune war Krämer und Stoffhändler. Sein Einkommen muss respektabel gewesen sein, so konnte er das Haus in der heutigen Hauptstraße erwerben, umbauen und mit den Inschriften versehen.

Haus mit Inschriften

Die Lischeider Forscherin fand heraus, dass Haune Abraham in Merzhausen geboren wurde. Im Jahr 1800 heiratete er Gende Wolff. Sie war die Tochter eines adligen Schutzjuden aus Siebertshausen. Drei Jahre später wurde ihr erstes Kind, David, geboren. Inspiriert für den auffälligen Türsturz hat ihn vermutlich das neue Wohnhaus des Aaron Spier in Merzhausen. 

Besonders: Außer der in Frielendorf gibt es in der Region nur noch in Merzhausen eine ähnliche Inschrift.

Beide Inschriften zeugen von dem erwachenden Selbstbewusstsein der jüdischen Bauherren, meint Barbara Greve. Sie sind in ihrer Art einzig in der Region. Haune Abraham, der zwischenzeitlich zusätzlich den Namen Plaut angenommen hatte, zog als Händler von montags bis freitags durch Frielendorf und Homberg und deren umliegenden Dörfer. Für größere Teile nahm er Bestellungen auf, die er, seine Kinder oder sein Knecht dann auslieferten. Später durfte er seinen Handel nur noch in Frielendorf betreiben und nicht mehr hausieren gehen.

Große Familie mit vielen Kindern 

Die Familie war inzwischen erheblich angewachsen. Das Ehepaar hatte acht Kinder, die alle die ersten Lebensjahre überlebten. Folglich war das Haus inzwischen zu klein geworden. Er erwarb ein größeres Anwesen an der heutigen Hauptstraße/Ecke Witze an der Ohebrücke gelegen. Dazu gehörte ein benachbartes Gebäude. Dort richtete der jüdische Krämer auch eine Färberei ein. Wenige Jahre später übergab Haune Abraham Plaut das Anwesen an seinen älteren Sohn, den Färber David Plaut. Haune und seine Frau behielten sich ein lebenslanges Einsitzrecht vor. Haune Abraham Plaut starb 1835 im Alter von 70 Jahren, er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Frielendorf beigesetzt. Das Haus an der Ohebrücke ging 1897 in den Besitz eines Bäckers über.

Ein Großteil wurde deportiert und ermordet

Nach der Pogromnacht im November 1938 verließen die letzten jüdischen Bewohner Frielendorfs ihren Heimatort. Damit endet auch die Geschichte der Familie Plaut in Frielendorf. Einige Nachfahren Haune Abraham Plauts konnten sich durch die Flucht nach Argentinien und Palästina vor dem Holocaust retten. Die meisten allerdings wurden mit ihren Familien deportiert und ermordet. Barbara Greve: „Heute erinnern nur noch die beiden Inschriften an dem Haus in der Haoptstraße an Haune Abraham Plaut – einst geachtete, dann geächtete Frielendorfer Bürger und Nachbar.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.