Die Krone des Dorfes

Linsinger Gotteshaus zählt zu besonderen Kirchen in Hessen

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Typisch: Der angebaute Altarraum mit dem runden Fenster.

Den Blick auf die Besonderheit der Kirche in Linsingen richtet der Kunsthistoriker Dr. Götz Pfeiffer.

Das Linsinger Gotteshaus zählt zu den wenigen Kirchengebäuden, die in Hessen einem Baustil zuzurechnen sind, der sich Heimatschutzarchitektur nennt. Diese Gruppe von Kirchen wurde laut Götz bisher kaum beachtet, obwohl ihr Architekt, der Marburger Karl Rumpf, durchaus bekannt sei.

Besonderer Baustil: Der Architekt Karl Rumpf setzte bei der Erbauung der Linsinger Kirche 1933/1934 auf regionale Eigenheiten.

Dem Heimatschutzstil werden Bauten ab 1904 bis 1960 zugeschrieben. Regionale Eigenheiten sollten sich in Material, Bauweisen, Handwerkstechnik und Dekorationen der Heimatstil-Bauwerke wiederfinden. Zwischen 1928 und 1936 erbaute Rumpf mit seinem Architektenbüro in Marburg die Kirchen in Linsingen sowie im Landkreis Marburg-Biedenkopf die evangelischen Gotteshäuser in Moischt, Birkenbringhausen und Simtshausen. Rumpfs Ideen zur Heimatschutzbewegung bringt Kunsthistoriker Pfeiffer in seinem Beitrag in der Zeitschrift „Hessische Heimat“ des Hessischen Heimatbundes auch mit der Ansicht seiner Kirchen im Ortsbild in Verbindung. 

Linsinger Kirche ist Krone des Dorfes

Als „Mittelpunkt und Krone des Dorfes“ bezeichnete Rumpf laut Pfeiffer die traditionellen hessischen Dorfkirchen und schuf auch seine als diese. Auch in Linsingen ist zu beobachten, wie er die Türme seiner Kirchen aus der Dachlandschaft der Dörfer herausragen ließ. So markierte Rumpf den Ort und sein Zentrum schon aus der Fernsicht, trotz Stromleitungen und Neubauten, meint Pfeiffer. 

Götz J. PfeifferKunsthistoriker

Erbaut wurde die Kirche in Linsingen 1933/1934. Rumpf übernahm für seine Kirchen traditionelle Prägungen wie ein längsgestrecktes Rechteck als Grundriss, im längsorientierten Bau der Eingang an der Giebelseite. Als neue Elemente von Rumpf nennt Kirchenbau-Experte Pfeiffer die leicht ausgestellten Unterkanten des Daches und die geschwungene Turmhaube. Den rechteckigen Grundriss und geschlossenen Baukörper sieht Pfeiffer als „Absage an die aus großen Bauteilen zusammengesetzten und in großen Eingängen geöffneten Gebäude des Historismus“. 

Fenster für mehr Licht

Allerdings tauchen auch bei dem Heimatstil-Architekten Anbauten auf – zum Beispiel der Altarraum an der Kirche in Linsingen. Die Abschlüsse der Fenster der Linsinger Kirche sind gerade und mit leicht nach innen gesetzten Sprossen geschlossen. Das runde Fenster ist dem Altarraum vorbehalten. Die Giebelseiten hat Rumpf mit kleinen Fenstern versehen, um Licht in den oberen Teil der Kirche zu bringen.

Traditionelle Formen in Linsinger Kirche

Kunsthistoriker Pfeiffer stellt fest, dass Rumpf im Inneren seiner Kirchen zwischen einem flachgedeckten Langhaus und einem gewölbten Altarraum, in Linsingen entwarf der Architekt dafür eine flache Tonne, während in Moischt der Altarraum von einer Halbkreistonne in Längsrichtung überspannt ist. In Linsingen findet sich die Empore im Westen. In Moischt ist die Brüstung aus vielen schmalen zwischen wenig größeren Stäben gebildet, in Linsingen mit Brettern geschlossen. Dies seien traditionelle Formen, die zeitgleich nebeneinander bestanden, meint Pfeiffer. In allen genannten Kirchen befindet sich das Gestühl auf einem durch einen Mittelgang getrennten Podest. Als elektrische Beleuchtung in Linsingen runde Halterungen mit einfachen farbigen Profilen abgesetzt. Die Hängeleuchter sind in Linsingen wie auch ehemals in Moischt sternförmig mit profiliertem Leisten, beschreibt der Kunsthistoriker.

Linsinger Kirche vom Heimschutz-Stil-Idee geprägt

Pfeiffers Recherchen nach, bekannte sich Rumpf nicht ausdrücklich zum Heimschutz-Stil, dennoch sei er von dessen Ideen geprägt. Seine Begleiter dabei sind in der Schwalm nicht unbekannt: Rumpf war mit den Malern Otto Ubbelohde und Carl Bantzer bekannt, die wie er den „Hessischen Heimatbund“ prägten.

Stil betont die regionalen Traditionen der Baukunst

Der Heimatschutzstil ist wie der Expressionismus eine Strömung insbesondere der 1920er- und 1930er-Jahre. Der Heimatschutzstil betont besonders die regionalen Traditionen des Bauens. Das begründet die Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten. Dies wiederum verhinderte lange Zeit die sachliche Beschäftigung mit dem Heimatschutzstil und dessen kultureller Verdienste: Die Heimatschutzbewegung spielte zum Beispiel eine Vorreiterrolle im Bereich Denkmalschutz. Während der NS-Zeit wurde die Heimatschutzarchitektur überwiegend im Bereich des Wohnbaus bevorzugt, für repräsentative öffentliche Bauten diente der kalte, brutal vereinfachte Neoklassizismus mit seinem Imponiergehabe. Nach 1945 verringerte sich die Bedeutung des Heimatschutzstils. 

ZUR PERSON

Dr. h.c. Karl Rumpf wurde 1885 als Sohn eines Kaufmanns in Marburg geboren. Nach einer Zeichnerlehre und einer Ausbildung zum Maurer besuchte er die Baugewerkschule in Kassel, danach studierte an einer süddeutschen Technischen Hochschule. 1926 eröffnete er sein eigenes Büro in Marburg. In seiner Freizeit arbeitete er an volkskundlichen Themen. Nach dem Ende des Krieges, in dem sein Sohn gefallen war, war der Architekt an vielen Aufbauarbeiten beteiligt. Für seine Volkskundeforschung erhielt er 1955 die Ehrendoktorwürde. 1968 starb er im Alter von 83 Jahren. 

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