Hits aus der Musikbox

Lokalzeit: Gasthaus Richhardt in Obergrenzebach

Römische Garküchen, Klosterschenken, Zapfwirte: Bis in die Antike reicht die Geschichte der Gasthäuser zurück.

In unserer Serie Lokalzeit stellen wir Ihnen unsere Lokale mit ihren Wirten vor.

Obergrenzebach – Elfriede und Claus Schmidt könnten ein Buch darüber schreiben, was sie in all den Jahren vor- und hinter der Theke erlebt haben. Seit 60 Jahren besteht das Gasthaus Richhardt an der Ropperhäuser Straße, das Johannes und Maria Elisabeth Richhardt 1960 eröffneten.

Limonade im Gasthaus

„Das war damals eine mutige Entscheidung“, sagt Claus Schmidt, denn zu der Zeit gab es schon drei Gaststätten in Obergrenzebach. Johannes Richhardt hatte Maurer gelernt, seine Frau Maria Elisabeth betrieb einen Tante-Emma-Laden an der Straße. Da kamen gerne Jugendliche vorbei und tranken im Laden ihre Limonade, Richhardts Lädchen war unter den jungen Leuten beliebt.

Das Gasthaus Richhardt in Obergrenzebach in den Anfangsjahren.

Als der Großvater starb, wurde die Landwirtschaft abgeschafft und in viel Eigenleistung Scheune und Ställe zur Gaststätte umgebaut. Das war neu im Dorf: Mit langer Theke mit Barhockern, einer Musikbox mit den neuesten Hits aus der Hitparade, Flipper, Tischfußball und Tanzfläche hob sich das Gasthaus Richhardt von andern Lokalen in der Umgebung ab und zog besonders Jugendliche an. „Das lief damals gewaltig, das hatten die anderen alle nicht“, erinnert sich Elfriede Schmidt. „Und der Eine oder Andere fand hier auch seine spätere Frau“, so Claus Schmidt. Nicht selten sei sich früher in der Kneipe auch gekloppt worden, ihre Mutter habe dann immer wieder für Ordnung gesorgt. „Hännes, mach’ noch mal eine Runde“, habe sie dann gerufen - drei Bier später sei wieder Ruhe gewesen.

Kennengelernt auf der Obergrenzebächer Kirmes

1970 nahmen Richhardts noch den Nebenraum, in dem sich bis dahin der Tante-Emma-Laden befand, als Gaststätte hinzu, die Küche wurde modernisiert und auch Essen nach Karte angeboten. „Meine Mutter und ich haben dann immer gekocht“, erinnert sich Elfriede Schmidt, die ihren Claus 1966 auf der Obergrenzebächer Kirmes kennenlernte. Sie war 15, er 20 und damals bei der Bundeswehr.

1972 stiegen sie gemeinsam in den Familienbetrieb ein und bewirtschaften die Gaststätte bis heute. Sie sind Wirtsleute aus Leidenschaft, wo die jungen und nicht mehr ganz so jungen Leute auch heute noch gerne einkehren. Die Musik-Box gibt es noch immer, zwei sogar. Die eine läuft nur mit D-Mark, sie steht im Gesellschaftsraum, wo auch die beiden großen Dart-Geräte ihren Platz haben, die andere neben der Theke bedient Schmidt über seinen Laptop. Eine feste Größe in der Kneipe sind die Dart-Spieler und die Thekenelf „Let’s Dance“, die seit 48 Jahren aktiv sei. „Im Augenblick spielen zwei Dart-Mannschaften aktiv im Liga-Wettbewerb“, so Schmidt.

Mensch-Ärgere-Dich-Nicht Turniere im Gasthaus Richhardt

 Auch Mensch-Ärgere-Dich-Nicht Turniere gebe es. „Die speziellen Spiele-Abende am Samstag kommen gut an“, sagt Claus Schmidt, den alle nur „Latter“ nennen. „Was ist das denn für eine Lotterwirtschaft hier?“, hatte mal, 30 Jahre mag es her sein, ein Nachbar aus Scherz gesagt. Das hörten andere mit, aus „Lotter“ wurde „Latter“ - Claus Schmidt hatte seinen Spitznamen weg.

Claus Schmidt hatte mit 22 Jahren eine Lehre als Einzelhandelskaufmann absolviert. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite im neu gebauten Haus mit 160 Quadratmeter großer Ladenfläche eröffneten sie einen Edeka-Laden mit Selbstbedienung, das war Anfang der 70er-Jahre auf dem Land neu.

226 Kirmessen in 43 Jahren

„Weil wir uns auf der Kirmes kennenlernten, haben wir danach auch auf Kirmessen bewirtet“, sagen beide scherzhaft – 226 Kirmessen in 43 Jahren. 20 Jahre haben sie keinen Urlaub gemacht. „Heute wundert man sich, wie das früher alles ging“, sagt Elfriede Schmidt, 68. „Da kamen wir um 5 Uhr von der Kirmes, um 6 Uhr musste ich frisches Gehacktes machen und um 8 Uhr ging der Laden auf“, erinnert sich Claus Schmidt. „Das Lied Let’s Dance von Chris Montez war damals der Hit in der Music-Box“, sagt Schmidt, der schon immer ein Faible für Musik hatte – die Lagerhalle neben dem Edeka Laden war frei, der Bedarf nach einer Disco auf dem Land groß – so eröffneten Schmidts 1972 noch das „Let’s Dance“. „Das Jubiläum 50 Jahre Let’s Dance wollen wir dann in zwei Jahren feiern“, so Schmidt.

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