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Pogromgedenken vor den früheren Synagogen in Neukirchen und Frielendorf

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Acht Jugendliche stehen am Rednerpult. Vor ihnen sind Schilder mit den Namen von Opfern des Holocausts zu sehen.
Mit Wortbeiträgen der Jugendlichen der Melanchthon-Schule und der Steinwaldschule wurde an das Leben der jüdischen Familie Nußbaum erinnert. © Jochen Schneider

Bei einer Gedenkfeier vor der ehemaligen Synagoge in der Untergasse in Neukirchen erinnerte Pfarrer Jens Körber von der katholischen Kirche an die Ereignisse des 9. November 1938.

Neukirchen/Frielendorf – „Vor 84 Jahren wurden über 400 Synagogen in Deutschland in Brand gesetzt und die Werte Menschlichkeit, Respekt und Toleranz mit Füßen getreten.“ Durch diese grausamen Taten während der NS-Herrschaft habe sich auch die Theologie gewandelt und es erinnert daran, „dass das Leben zerbrechlich ist“, sagte der Geistliche.

Er zitierte dabei den Songtext von Stings „Fragile“ von 1988, denn auch dort heißt es, dass Gewalt zu nichts führt. Es sei wichtig, achtsam mit dem Leben anderer Menschen umzugehen und das sei heutzutage nicht selbstverständlich, denn Judenhass sei immer noch präsent, verdeutlichte er den Gästen und Schülern, die an der Gedenkfeier teilnahmen.

„Rituelle Betroffenheit reicht hier nicht aus“

Neukirchens Bürgermeister Marian Knauff wies darauf hin, dass das Datum seit Jahrzehnten seinen festen Platz in der kommunalen und regionalen Erinnerungskultur einnehme. Dabei forderte er, dem Hass und der Hetze gegen Juden entschieden entgegenzutreten: „Rituelle Betroffenheit reicht hier nicht aus.“

Es müsse konsequent gegen jegliche Bedrohung jüdischen Lebens vorgegangen werden und wer antisemitische Parolen gröle, müsse die volle Härte des Rechtsstaats spüren, so der Rathauschef. Gleichzeitig warnte er vor einem „Auseinanderdriften“ der anonymen, digitalen Welt und der persönlichen realen Welt mit menschlichen Kontakten.

Am 1. Februar sollen die Stolpersteine für die jüdische Familie Nußbaum in der Untergasse 34 verlegt werden. Die Geschichte dieser Familie spiegelte sich auch in den Wortbeiträgen der Schüler der Melanchthon-Schule (Katharina Rübeling, Anita Lell) und Steinwaldschule (Franca Hahn, Alina Sinner, Kathleen Buck, Jonas Strunk, Damon Bube) wider.

jüdisches Leben ist immer noch bedroht

Die Zehnt- und Elftklässler ließen das Leben der jüdischen Mitbürger Revue passieren und stellten die Frage, wie schwer es für die heutige Generation sein muss, in Deutschland zu leben? Schulgebäude mit hohen Zäunen und Security am Hoftor seien die Gegenwart.

Das Foto zeigt fünf Schüler der Ohetalschule.
Gedenken in Frielendorf mit Schülern der Ohetalschule, von links Mia Walther, Amina Demirbas, Lina Dicker, Kim Vorbau sowie Niclas Bachmann. © Gemeinde Frielendorf

Das jüdische Leben sei immer noch bedroht und vier bis fünf antisemitische Straftaten am Tag die Realität. Die Jugendlichen forderten eine vielfältige Gesellschaft und das Engagement eines jeden Einzelnen gegen Antisemitismus. Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkfeier vom Posaunenchor der Melanchthon-Schule unter Leitung des stellvertretenden Schulleiters Martin Michel.

80 Menschen besuchten Gedenkveranstaltung

In einer Andacht zum Gedenken an die Pogromnacht folgten 80 Menschen auch in Frielendorf in der Hauptstraße an der ehemaligen Synagoge den Worten, sangen und beteten.

Die Feier wurde unter anderem mitgestaltet von Susanne Luley und Schülern der Ohetalschule, es sprachen Pfarrer Swen Kuchenbecker und Bürgermeister Jens Nöll. An der ehemaligen Synagoge wurde ein Kranz befestigt. Für würdevolle Klänge sorgte der Posaunenchor des Kirchspiels Frielendorf/Spieskappel.

Jeder sechste Frielendorfer war jüdischen Glaubens

1905 lebten noch 137 Juden in Frielendorf. Jeder sechste Frielendorfer war damals jüdischen Glaubens. In der Pogromnacht flogen auch in der Frielendorfer Hauptstraße die Steine und die ehemalige Synagoge wurde geschändet. 1938 verließen die letzten Juden den Ort.

Seit den Achtzigerjahren wird die Gedenkveranstaltung in der Hauptstraße an der ehemaligen Synagoge von der politischen Gemeinde und dem Evangelischen Kirchspiel angeboten.  (Jochen Schneider, Sylke Grede)

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