Rätsel um das Fliegerloch

Mysteriöse Umstände um einen Absturz im Jahr 1944 bei Obergrenzebach

Ein Tankuhrzifferblatt: Gefunden an der Absturzstelle in Obergrenzebach.
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Ein Tankuhrzifferblatt: Gefunden an der Absturzstelle in Obergrenzebach. Es gehört vermutlich zu einem britischen Bomber des Typs Avro Lancaster

Im Zweiten Weltkrieg stürzte bei Obergenzebach ein alliierter Bomber ab. Bis heute nennen die Menschen in der Region die Absturzstelle Fliegerloch.

Obergrenzebach. Vermutlich am Abend des 11. November 1944 beobachtete ein Augenzeuge auf dem Klaushof in der Nähe von Obergrenzebach gegen 20 Uhr eine aus östlicher Richtung sehr niedrig über den Hof fliegende Maschine, die dann in einem Waldstück, circa einen Kilometer von der Daubenmühle entfernt, abstürzte.

„Es gab einen Knall, worauf das Motorengeräusch nicht mehr zu hören war. Dafür war der Himmel im Westen plötzlich feuerrot und laufendes Geknatter zeigte an, dass Munition explodierte“, heißt es in dem Buch Flieger über Fulda, Schwalm und Eder, Chronik des Luftkriegs von 1942 bis 1945 im Gebiet des Schwalm-Eder-Kreises von Konrad Rudolph.

Münzenfund an der Absturzstelle

Der Zeuge konnte einige Tage nach dem Absturz die Aufschlagstelle in Augenschein nehmen und auch noch Trümmerteile wie zum Beispiel Reste eines V-Motors erkennen und Schnipsel von Navigationskarten sicherstellen. Auch Fetzen einer Lederjacke in einem Baum wurden gefunden. Ein anderer damaliger Zeitzeuge aus einer Chronik glaubt sich zu erinnern, dass auf manchen Trümmerteilen der Name „Halifax“ zu lesen war. Obwohl die Absturzstelle damals umgehend durch die deutsche Polizei und das Militär abgeriegelt wurde und alle Trümmerteile sehr schnell wegtransportiert wurden, konnte Rudolph selbst noch Jahre später mit einem Metalldetektor Schrauben und Muttern eindeutig englischer Herkunft und Patronen eines Bord-MGs vom englischen Kaliber .303 Browning zu Tage bringen.

Ein anderer Hobby-Historiker aus der Region konnte der HNA einige Fundstücke vom Absturzort wie englische Münzen, einen Teil eines Bombenlösemechanismus, Teile einer Gurtschließe und das Ziffernblatt einer Tankuhr präsentieren.

Weitere Ausgrabungen geplant

Nach Vorlage dieser Fundstücke an einen Experten von der Initiative „Fliegerschicksale Hessen “,Mirko Mank, (s. Hintergrund) konnte die These, dass am Abend des 11. November 1944 tatsächlich ein englischer Bomber allerdings vom Typ „Avro Lancaster“ bei Obergrenzebach abgestürzt ist, untermauern. Rätselhaft bleibt jedoch, woher das Flugzeug kam, warum es abstürzte und was mit der Besatzung geschah. In Erinnerung blieb laut Augenzeugen nur, dass ein Toter in der Nähe des Flugzeugs gefunden wurde. Fundstücke vor Ort unterstützen diesen Bericht.

Verglühtes Metall

Seit Jahrzehnten widmet sich die Initiative „Fliegerschicksale in Hessen“ der Aufklärung deutscher und alliierter Fliegerschicksalen des 2. Weltkriegs in Hessen. Schwerpunkt der Tätigkeit ist die Region Gießen-Marburg aber auch der angrenzenden Landkreise. Mirko Mank hat die Ergebnisse der Forschung schon in zwei Bänden „Vergilbte Akten - Verglühtes Metall“ zusammengefasst. Ein dritter Band ist in Vorbereitung.

In diesem Jahr erfolgt die Neueröffnung eines Museums mit einer Vielzahl an technischen Exponaten in Stadtallendorf-Schweinsberg. Man kann sich Ausrüstungsgegenstände und persönliche Dinge der Flieger anschauen. Flugplatzfunde, ein Flakscheinwerfer und weiteres Zubehör der Flak ergänzen die Ausstellung. flugzeugwrackmuseum.de

In einem ersten Schritt wurde auf Initiative der Autorin in Zusammenarbeit mit Lothar Steinbrecher aus Obergrenzebach und Mirko Mank das Landesamt für Denkmalpflege Hessen hinzugezogen. Der dafür zuständige Leiter der Abteilung Archäologische Landesaufnahme, Hans Szedeli, der sich schwerpunktmäßig mit der Erfassung von Bodendenkmälern der jüngeren Geschichte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs befasst, kündigte nach behördlicher Genehmigung eine persönliche Teilnahme an der geplanten Ortserkundung und Grabung im Aufschlagsgebiet an. Über die Ergebnisse der Grabung und zusätzlicher Recherchen um das „Fliegerloch“ in Obergrenzebach wird seitens der HNA weiter berichtet. » (Ute-Anemone Lorenz)

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