Lothar Steinbrecher aus Obergrenzebach

Vom Polarkreis bis nach China: Deutscher „Tapeten-Papst“ zeigt, wie man tapeziert

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Die Colani-Tapete: mit Perlen.

Der „Papst“ wohnt in Obergrenzebach: Im Auftrag der Marburger Tapetenfabrik schulte Lothar Steinbrecher Maler und Tapezierer im Umgang mit Tapeten.

Zwar ist Lothar Steinbrecher seit 2007 im Ruhestand, aber immer noch mischt der international als „Tapeten-Papst“. Der „Papst“ wohnt in Obergrenzebach: Im Auftrag der Marburger Tapetenfabrik schulte Lothar Steinbrecher Maler und Tapezierer im Umgang mit Tapeten. Erst jüngst unterstützte er bei der Heimtextil-Messe in Frankfurt, aktuell macht er sich für die Kampagne „Deutschland tapeziert“ stark.

Schwalm-Eder-Kreis: Colani-Design im Hausflur

Schon beim Eintritt in das Haus am Ortsrand von Obergrenzebach wird klar, dort wohnt ein Experte: Die Wände im Hausflur sind von einer Tapete im Colani-Design bedeckt. Deren hellgrauer Grund ist von zarten dunkelgrauen Rauten durchzogen, an den Strichkreuzungen kleben kleine Perlen. Ein paar Schritte weiter glitzern winzige Swarowski-Steine an der Wand.

Tapete mit Swarovski Steinen.

Tapetenpapst aus Schwalm-Eder-Kreis bereiste 80 Länder für die Arbeit

Staunen lässt auch seine berufliche Biografie, die ihn in über 80 Länder geführt hat. Angefangen habe alles mit einer Ausbildung zum Maler und Lackierer bei seinem Onkel im Malerbetrieb Heinrich Steinbrecher in Ziegenhain, erzählt der 75-Jährige. Nach der Meisterprüfung folgte der entscheidende Schritt: 1968 wechselte er zur Marburger Tapetenfabrik in Kirchhain. „Dort suchte man einen Praktiker“, sagt Steinbrecher. Er absolvierte noch eine Druckereiprüfung und entwickelte ein bis dahin in dieser Branche völlig neuartiges Konzept: Als Anwendungstechniker erprobte und entwickelte er nicht nur neue Tapeten, in Seminaren fing er an, Fachleuten zudem den richtigen Umgang mit neuartigem Wand-Dekor beizubringen. Sein erster Fachvortrag – immer mit praktischen Vorführungen – führte ihn nach Oldenburg. Das einfache Kleben musste er den Fachleuten nicht erklären. Bei neu entwickelten Produkten wie Metall-, Textil- und Strukturprofiltapeten wurde der Umgang mit Ecken, Bordüren und Rundbögen gezeigt. „Die ersten Fachvorträge waren ein Erlebnis“, erinnert er sich. Schnell erlangte seine Dozententätigkeit eine eigene Dynamik. Mit einem Fachvortrag schaffte er es bis in die Bild-Zeitung. „Damit die West-Tapete hält“ titelte das Blatt: 1000 ostdeutsche Malermeister waren kurz nach der Wende zu seinem Fachforum in der Berliner Trabrennbahn Mariendorf gekommen.

Die Colani-Tapete: mit Perlen.

Internationale Anfragen für den Tapetenpapst

Steinbrecher ist inzwischen der „Tapeten-Papst“ und wird von den Landesinnungen, Bundesinnungen und schnell auch international angefragt. Er geht in Berufsschulen, Meisterschule, Fachschulen ein und aus, ist Dozent an Berufsbildungszentren in der Schweiz und Österreich. Überhaupt seine Reisen. Die haben ihn vom Polarkreis bis nach Russland und China geführt. „Nur in Dänemark bin ich nicht gewesen“, sagt er. Dafür, dass er den Chinesen das Tapezieren beibringen wollte, zeichneten sie ihn mit der Nachbildung einer Säule des Platzes des Himmlischen Friedens aus. Und klar, als der „Tapeten-Papst“ feststellte, dass es keine Fachliteratur übers Tapezieren gab, schuf er sie einfach selbst. Schrieb Bücher, Broschüren, Fibeln, produzierte Videos. „Ich musste neugierig sein“, sagt er.

Auszeichnung: Eine goldene Rolle.

Tapetenpapst im Ruhestand

Als er in den Ruhestand ging, wurde in der Stellenanzeige der Marburger Tapetenfabrik ganz einfach ein „Nachfolger für Lothar Steinbrecher gesucht“. Mehr Stellenprofil musste in der Fachwelt nicht genannt werden.

2013 kam es in der Marburger Tapetenfabrik zu einem folgenschweren Brand. Der mutmaßliche Brandstifter wurde gefasst und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Nach Feuer in Tapetenfabrik: Der Schaden wurde damals auf mehr als 20 Millionen Euro geschätzt. Eine Halle, in der das Feuer ausbrach, musste abgerissen werden.

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