Bakelite ist wieder da

Unternehmensübernahme: Hexion ist Geschichte in Spieskappel

Dort übernachtete einst Luther: Das Werksgelände in Spieskappel befindet sich auf dem ehemaligen Klosterareal. Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 1990. Der Komplex hat sich seitdem kaum verändert.
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Dort übernachtete einst Luther: Das Werksgelände in Spieskappel befindet sich auf dem ehemaligen Klosterareal. Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 1990. Der Komplex hat sich seitdem kaum verändert. (Repro)

Vor 153 Jahren wurde in Spieskappel mit der Herstellung von Kasseler Braun begonnen. In dieser Tradition steht das dort ansässige Unternehmen heute noch – trotz häufiger wechselnder Eigentümer.

Spieskappel – Von Gramm´s Loch über die Urban-Werke, Hoechst, Momentive und Hexion: Jetzt ist Bakelite zurück in Spieskappel. Ab sofort segelt der traditionsreiche Kunststoffhersteller auf dem ehemaligen Klostergelände unter neuer beziehungsweise alter Flagge. Bereits in den 70er-Jahren firmierte das Unternehmen unter dem bekannten Namen, mit dem Abschluss der Übernahme sicherten sich die neuen Investoren, Black Diamond und Investindustrial, auch das Warenzeichen „Bakelite“.

Bereits im September hatte der bisherige Eigentümer Hexion Ohio das Übergabeverfahren angestoßen (wir berichteten). „Das Closing (Annäherung) ist nun abgeschlossen“, erklärt Michael Stahl, Direktor für Marketing und Kommunikation, gegenüber der HNA. Die Vertragsmodalitäten sind abschließend eingetütet. Das unterstreicht auch Unternehmenschef Jean-Paul Aucoin: „Wir freuen uns, die Gründung von Bakelite Synthetics bekannt zu geben.“

Das neue Unternehmen „Bakelite Synthetics“ wird nach eigenen Angaben rund 900 Mitarbeiter und elf Produktionsstätten weltweit haben. Zu den europäischen Standorten werden gehören neben Letmathe und Frielendorf auch Barry (Großbritannien) Cowie (Großbritannien), Botlek (Niederlande), Lantaron (Spanien), Solbiate (Italien) und Kitee (Finnland) sowie die ehemalige Beteiligung von Hexion an einem Joint Venture in Tula (Russland). In Nordamerika hat Bakelite Synthetics das frühere Phenol- und Formaldehydgeschäft von Hexion am Standort Louisville, Kentucky, und das Hexamingeschäft am Standort Acme in North Carolina übernommen.

Für das Werk in Spieskappel wird sich nach Angaben von Stahlw wenig verändern. Die aktuell 55 Arbeitsplätze sollen bestehen bleiben, die Produktion werde unverändert fortgesetzt. Auch Thomas Gross besetzt weiterhin die Stelle des Werksleiters.

Eines der markanten Werksgebäude mit zwei Produktionslinien: Auch mit neuem Namen soll in Spieskappel alles beim Alten bleiben.

Wechselvolle Chronik: Seit 1948 Herstellung duroplastischer Kunststoffe 

Vor 153 Jahren wurde in Spieskappel auf dem ehemaligen Klostergelände mit der Herstellung von Kasseler Braun begonnen, ab 1948 entstanden dort Kunststoffe. In dieser Tradition steht das dort ansässige Unternehmen Hexion heute noch.

  • 1873 übernahm Franz Gramm den Betrieb („Gramm’s Loch“).
  • 1906 Verkauf an die Vereinigte Farbwerke Wilhelm Urban Co. Act. Gesellschaft, Kassel.
  • 1939 Übernahme durch Schröder & Stadelmann/ Oberlahnstein. Die Farbwerke Urban GmbH begannen 1948 mit der Erzeugung Duroplastischer Kunststoffe.
  • In den 1950er-Jahren Spezialisierung auf die Herstellung von Phenolharz-Pressmassen (Vertrieb unter dem Namen „Urbanit“).
  • Anfang der 1960er-Jahre waren die Farbwerke Urban das viertgrößte Unternehmen in der Herstellung von härtbaren Formmassen in Deutschland.
  • 1968 übernahmen die Farbwerke Hoechst AG das Werk in Spieskappel.
  • 1976 Verkauf an die Rütgerswerke AG, Frankfurt/ Main, und Firmierung unter dem Namen Bakelite; die Bakelite AG übernahm als Marktführer die Unternehmensführung und baute das Werk zu einem Spezialitätenstandort aus. Mitte der 1990er-Jahre ca. 100 Beschäftigte und einer der führenden Hersteller von Duroplast-Kunststoffen weltweit.
  • August 2005 Fa. Hexion Speciality Chemikals.Vier Jahre Standortgarantie haben die deutschen Werke der vormaligen Bakelite AG - jetzt Hexion Specialty Chemicals GmbH (Iserlohn) - mit dem Abbau von 170 Arbeitsplätzen bezahlt. Davon wurden 85 in Iserlohn-Letmathe gestrichen, 82 weitere in Duisburg und drei in Frielendorf.
  • November 2010 Momentive Speciality Chemikals GmbH
  • Januar 2015 Hexion GmbH.

Basis für Kunststoff 

Unvergessen ist die Herstellung von Substanzen für Bakelite, dem ersten vollsynthetischen Kunststoff. Vermutlich viele erinnern sich noch die Telefone und Drehlichtschalter aus diesem Kunststoff. Und auch heute haben noch viele hochwertige Kunststoffteile beispielsweise an Schnellkochtöpfchen, Herdgriffen oder im Auto ihren Ursprung in Spieskappel. Das Werk stellt Granulate her, die die Basis für deren Herstellung bilden. Jährlich rollen 6000 Tonnen Rohstoffe ins Werkgelände hinein und als Granulate wieder hinaus, sagte Werksleiter Thomas Gross. Circa 40 Prozent der Herstellung fließt in die Automobilindustrie. 55 Mitarbeiter arbeiten im Dreischichtbetrieb. Im Unternehmen finden sich Berufsbilder wie Industrie- und Verfahrensmechaniker und Chemikanten. Die Herstellung der farbigen Granulate findet in sieben Produktionslinien statt. Die muss man sich wie eine Art Thermomix oder beheizbare Küchenmaschine vorstellen, die über drei Stockwerke reicht. In der obersten Etage wird die Anlage mit den Rohstoffen befüllt, in der mittleren über dampfbeheizte Walzen zur plattenförmigen, teigartigen Pressmasse und in der untersten zu Kunststoffkörnern verarbeitet. 

(Sylke Grede)

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