Herta Quehl (79) kam im Jahr 1946 an

Vertriebene in der Schwalm blicken zurück 

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Porträt der Familie Weinert: Vater Hermann, Mutter Martha und die Kinder Gerhard, Hermann und Herta.

Obergrenzebach. Im Frühjahr vor 70 Jahren kamen die ersten Vertriebenen in die Schwalm. Von Schicksal und Neuanfang wollen wir in unserer Serie berichten. Herta Quehl (79) aus Obergrenzebach erinnert sich an ihre Ankunft in der Schwalm im Jahr 1946.

Der Vater von Herta Quehl, geborene Weinert, betrieb eine Lederhandlung in Freiwaldau im Altvatergebirge, als die Familie im Mai 1945 erfuhr, dass sie vermutlich bald ihre Heimat würde verlassen müssen.

„Damals kam ein russischer General ins Geschäft, um sich Leder auszusuchen. Es wurde ja zu der Zeit sowieso schon geplündert und so blieb meinem Vater nichts anderes übrig als die einzulassen, die klopften“, erzählt Herta Quehl (79) aus Obergrenzebach. Der General habe gut Deutsch gesprochen und der Familie prophezeit: „Ihr müsst alle weg.“ Das hätten die Siegermächte beschlossen.

Familie Weinert nahm die Botschaft ernst. „Meine Mutter nähte Taschen. Koffer hatten wir ja nicht“, erinnert sich die 79-Jährige, die 1946 mit dem ersten Transport als Vertriebene in die Schwalm kam.

Schon vor dem Transport in den Westen habe ein tschechischer Schustergeselle Werkstatt, Laden und die Wohnung der Familie übernommen. „Wir zogen übergangsweise in die obere Etage unseres Hauses, kamen bei den Mietern unter.“

Herta Quehl.

Herta, das jüngste Kind der Familie, war damals gerade knapp neun Jahre alt.  Von den beiden älteren Brüdern war zu der Zeit bereits einer Luftwaffenhelfer in einem Braunkohlegebiet in Oberschlesien. Die Familie sei sehr entschlossen zur Flucht gewesen, erzählt sie: „Das lag daran, weil mein Bruder noch an die Ostfront musste und in englische Gefangenschaft geriet. Er kam nach Glücksstadt an der Elbe, wo er sogar sein Abitur machen konnte. Deshalb war für Vater klar, dass wir auch in den Westen müssen.“

Eine ehemalige Munitionsfabrik diente als Sammelstelle für den Transport. Mehrere Tage wartete die Familie, ehe es los ging. „Wir hatten Glück. In unserem Waggon waren nur drei Kinder - die durften auf den Gepäckstücken sitzen und oben aus dem Waggon schauen“, erzählt Herta Quehl.

Am Abend des 10. Februar erreichte der Zug Ziegenhain/Süd. „Die Pferdefuhrwerke von Obergrenzebächer Bauern warteten schon. Wir Kinder durften uns drauf setzen, die Erwachsenen mussten zu Fuß gehen - ich erinnere mich noch, dass mir die Strecke endlos erschien.“

In Obergrenzebach wurden Weinerts von Familie Becker nahe der Kirche aufgenommen. „Ich weiß noch, dass Frau Becker sehr erstaunt schaute. Dann aber, weil es in der Kammer nur ein Bett gab, sofort in die Scheune ging und Strohsäcke stopfte.“ In der folgenden Zeit sei man immer wieder im Ort umgezogen - in Stube und Kammer. Die Mutter - selbst ländlich aufgewachsen - half den Bauern bei der Arbeit. Hertas Bruder fand schließlich Arbeit in der Fabrik Helwig in Ziegenhain. Nach der Anschaffung einer Dreschmaschine half er aber in Obergrenzebach beim Wiegedienst.

Von Sandra Rose

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