Meterweise Papier und andere unerhörte Entwicklungen beim Theater in der Totenkirche

Ganz schön von der Rolle

Begieriger Zwerg und der Vamp im grünen Kleid: Klaus Michael Tkacz und Christiane Weidinger füllten den Abend in der Totenkirche spielend aus. Fotos: Quehl

Treysa. Solche Verwicklungen dürften auch dem routinierten Theaterbesucher neu gewesen sein: Im Nordhessischen Theatersommer gab die Theaterfirma Erfurt „Ärger auf Walhall“. Die beiden Schauspieler ließen es im Verlauf des lauschigen Abends in der 750 Jahre alten Totenkirche förmlich knistern – mit dem Abwickeln Dutzender Meter Papier von der Rolle und den seit Anbeginn der Götterdämmerung aktuellen Machenschaften auf Erden. Kabale und Liebe eben.

Die nordischen Göttermythen hat sich die Theaterfirma dieses Jahr für ihre Gastspiele im Theatersommer als Handlungsfolie ausgesucht. Das war durchaus auf unterhaltsame Art lehrreich. Die beiden in Treysa schon gut bekannten Darsteller Christiane Weidinger und Klaus Michael Tkacz changierten sehr präsent zwischen einem verklemmten Schauspielerpärchen beim Proben und den mythischen Hauptfiguren aus dem hohen Norden. Frisch und beeindruckend spielfreudig alle beide, beeindruckte Christiane Weidinger als Frau Bärbel Schauer oder auch als listiger Gott Loki ein Quäntchen mehr als ihr Partner. Der verkörperte selbstredend Odin, der die von ihm erschaffene Welt nicht versteht und wie ein Mensch verkatert.

Es faszinierte das Publikum, wie ein umbaubarer Rollwagen den beiden als universelles Grundgerüst für alle möglichen Szenen diente. Zusätzlich einige Einkäufe aus dem Baumarkt wie Farbeimer, Teppichmesser, Malerkittel und Stehleiter sowie rollenweise Einwickelpapier – (fast) fertig war ein immer neues fabelhaftes Bühnenbild in der Apsis des alten Gotteshauses.

Papierfetzen und -bahnen ergaben Kostüme und Requisiten, sogar Thors Hammer, und schufen neue Räume. Ganz zum Schluss, nicht frei von einer kleinen Panne, wurde das ganze Publikum umfangen von weißen Papierschlangen.

Allerdings könnte das in der zweiten Spielhälfte immer schrägere Happening auf und vor der Bühne manchem Zuschauer etwas überdreht angekommen sein. Die Effekte reihten sich zum Schluss slapstickhaft aneinander, weniger wäre wohl mehr gewesen. Ganz bestimmt wäre es besser gewesen, wenn ein Tonassistent das Duo unterstützt hätte. Christiane Weidinger plackte sich mit der Fernbedienung ab, um die Einspieler zu starten, das führte einige Male zu Hängern. Beide lösten das spontan und sympathisch, trotzdem ist es schade. Gut möglich, dass auch die Schlagzahl anzüglicher Anspielungen dem ein oder anderen zu hoch war.

Sehr freundlicher Applaus für eine energiegeladene Leistung (Regie: Harald Richter). Gern möchte man in der Totenkirche wieder ausgezeichnetes Theater erleben, gern nächstes Jahr einmal etwas ganz anderes. www.kultursommer-nordhessen.de

Von Anne Quehl

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.