Denkmal am Bahnhof

Gedenkbänder geben Gesicht: Im Treysaer Bahnhof soll an deportierte Juden erinnert werden

Sie setzen sich für die Erinnerung an die Deportationen in Treysa im Jahr 1942 ein: von links Pfarrer Dieter Schindelmann, Dr. Hans-Joachim Zeiß, Hans Gerstmann und Jürgen Junker.
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Sie setzen sich für die Erinnerung an die Deportationen in Treysa im Jahr 1942 ein: von links Pfarrer Dieter Schindelmann, Dr. Hans-Joachim Zeiß, Hans Gerstmann und Jürgen Junker.

Am Bahnhof in Treysa sollen Gedenkbänder für jüdische Mitbürger entstehen, die 1942 von Treysa aus deportiert wurden. Die Bänder stehen für 53 geschundene und ermordete Menschen aus dem Altkreis Ziegenhain.

Treysa - Den Deportierten ihre Würde zurückgeben: Das ist das Ziel von Pfarrer Dieter Schindelmann, Dr. Hans-Joachim Zeiß, Hans Gerstmann und Jürgen Junker. Am Treppenaufgang zu Gleis 2 sollen an beiden Seiten 15 Zentimeter breite Edelstahlbänder angebracht werden. „Wir möchten den Menschen ein Gesicht geben, denen alles genommen wurde“, erklären die Organisatoren.

Namen, Wohnorte und Alter der Verschleppten sollen auf den Bändern stehen. Zusätzlich soll unter den eigentlichen Gedenkbändern ein Informationsband hängen. Hinter den sieben Qr-Codes findet man Informationen über die Familie, deren Leben und Berufe. Auch Vorbeigehende können die Informationen rasch erfassen.

Der Entwurf für die Gedenkbänder von den Druckwerkern, die am Aufgang zu Gleis 2 entstehen sollen.

Deportationen

Die Bänder links und rechts enthalten unterschiedliche Informationen. Ein Band befasst sich mit der ersten Deportation. Am 30. Mai 1942, einem Sonntag, wurden 39 Menschen (15 aus Treysa, 13 aus Oberaula, acht aus Neukirchen, zwei aus Merzhausen, einer aus Willingshausen) in das Konzentrationslager Lublin-Majdanek-Sobibor gebracht. Die 14 Juden und Jüdinnen, die noch in Treysa verblieben waren, wurden am 6. September 1942, am Tag der der zweiten Deportation, in das Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Der älteste deportierte Jude war 63 Jahre alt, seine Enkelin war mit sieben Jahren die Jüngste, weiß man aus Archivarbeit.

Auch, wie viele der Deportierten überlebt haben: nur zwei der 53 Menschen. Sie haben nach Jahren Briefe an den Bürgermeister geschickt, um Kontakt zu halten und zu erinnern. Es soll auch Besuche in Treysa gegeben haben. Auch Hinterbliebene der Verschleppten halten vereinzelt noch Kontakt in die Stadt. Töchter von Verstorbenen unterstützen das Projekt der Gedenkbänder.

Recherche

All diese Informationen und viele mehr haben Dr. Hans-Joachim Zeiß und Jürgen Junker vom Stadtgeschichtlichen Arbeitskreis recherchiert. Ein Jahr haben sie die Fakten zusammen getragen. „Es gab aber viele Vorarbeiten, wie beispielsweise Namenslisten“, erklärt Junker. Pfarrer Dieter Schindelmann ist überzeugt: „Alles, was über den Qr-Code zu sehen ist, ist akribisch sauber recherchiert.“

Vorbild

Als Vorbild diente der Bahnhof in Marburg: An zwei Aufgängen wurden am Holocaustgedenktag 2015 im Rahmen einer Gedenkveranstaltung vier solcher Bänder angebracht. „Das hat mir gut gefallen“, sagt Dr. Hans-Joachim Zeiß, der oft an den Gedenkbändern in Marburg vorbeigegangen ist. „Viele bleiben stehen und gucken erst mal“, erklärt er weiter.

So wie am Marburger Hauptbahnhof sollen auch die Gedenkbänder in Treysa aussehen.

Ein anderes Denkmal kam nach dieser Idee nicht mehr in Frage. Die Männer sind sich einig: „Es ist besser als ein Gedenkstein, dem nach drei Monaten keine Beachtung mehr geschenkt wird. Unsere Hoffnung ist, dass es eine deutliche und langfristigere Erinnerung ist.“

Zweck

Ziel ist es, auch jüngere Menschen zu erreichen, damit nicht vergessen wird, zu „was für einer Unmenschlichkeit die Menschen in der Lage sind“. Es sei ein hoch aktuelles Thema und nicht nur eine schlimme Erinnerung. „Es ist ein frommer Appell, andere nicht als Sündenböcke zu missbrauchen“, sagt Schindelmann.

Das Projekt ist eine gemeinsame Aktion der Stadt Schwalmstadt, des Museums Trutzhain, des Stadtgeschichtlichen Arbeitskreises und der Evangelischen Kirchengemeinde, die das 5000 Euro teure Projekt mitfinanziert. Sowohl ein Grafiker als auch ein Metallbauer sind an der Aktion beteiligt.

Wenn sich auch Schwalmstädter am Projekt beteiligen möchten, sind Spenden willkommen. Viel wichtiger sei es aber, dass sie sich informieren und Fragen stellen. „Kommt ins Archiv und stellt Detailfragen“, ermutigt Zeiß.

Umsetzung

Von den Verantwortlichen der Bahn habe sich „keiner quergestellt.“ Dem Projekt steht also nichts mehr im Wege. Allerdings ist der Bahnhof in Treysa aktuell noch im Umbau. Erst wenn dieser fertig ist, können auch die Bänder angebracht werden. Die Organisatoren hoffen auf den Herbst dieses Jahres. (Kira Müller)

Archiv des Stadtgeschichtlichen Arbeitskreises Treysa

Adresse: Steingasse 52, 34613 Treysa

Öffnungszeiten: dienstags und freitags von 9 Uhr bis 12 Uhr

Kontakt: 0 669 1/9 21 55 36, stak-treysa@t-online.de

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