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Geflüchtete Iranerin berichtet von Unterdrückung und Misshandlung

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Von: Sylke Grede

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Mahi Akrami sitzt auf einer Bank. Sie trägt eine rote Mütze und einen roten Pullover.
Bunt wie ein Schmetterling: Mahi Akrami flüchtete aus dem Iran und lebt jetzt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Ziegenhain. © Sylke Grede

Gewalt, Demütigung und Unterdrückung – das waren für Mahi Akrami die Gründe zur Flucht aus dem Iran. Trotzdem hat sie in Deutschland kein Aufenthaltsrecht, sie wird geduldet.

Ziegenhain – Seit sechs Jahren, sieben Monaten und 26 Tagen ist Mahi Akrami frei. Frei von den Misshandlungen und Zwängen unter denen sie zunächst als Mädchen, später als Frau im Iran gelebt hat. Im Februar 2016 begann ihr neues Leben, ihre Flucht endete in Ziegenhain (HNA berichtete).

Mitgebracht hat sie die Kenntnisse über die Martyrien, die Frauen im Iran erleiden müssen – von der ersten Sekunde an hat sie immer wieder davon erzählt. In den Müll geworfen hat sie bereits auf der Flucht ihr Kopftuch, das Symbol der Unterdrückung iranischer Frauen.

aktuelle Proteste im Iran

Seit dem Tod einer jungen Iranerin reißen die Proteste in dem Land, das für Mahi Akrami keine Heimat mehr ist, nicht ab. Die Frau war von der Sittenpolizei verhaftet worden, weil sie ihr Kopftuch angeblich nicht in vorgeschriebener Weise trug. Nach der Verhaftung brach sie zusammen und starb kurz darauf im Krankenhaus.

Mahi Akrami stammt aus Isfahan, südlich von Teheran. Sie hat noch Kontakte dorthin, sichtet Bilder und Videos aus dem Iran und ist fassungslos über das brutale Vorgehen der Polizei gegenüber den Demonstranten. „Die erschießen einfach ihre eigenen Menschen.“

Unterdrückung durch die Familie

Die brutale Gewalt einer von Männern dominierten Gesellschaft hat die inzwischen 42-Jährige von Kindesbeinen an erfahren. Sie erzählt von Familienmahlzeiten, an denen sie nicht teilnehmen durfte, nur weil sie ein Mädchen war. Während der Bruder am Tisch mit den Eltern saß, musste sie ihr Essen in einem anderen Raum zu sich nehmen. Mit 14 dann wird sie von ihrer Familie mit einem wesentlich älteren Mann zwangsverheiratet. „Meine Familie hat mich zur Hochzeit geprügelt“, erzählt sie. Im selben Jahr folgen die Geburt ihrer Tochter und ständige Misshandlungen und Entwürdigungen des Ehemanns und der Familie.

Mahi Akrami

Mahi Akrami ist 42 Jahre alt, stammt aus Isfahan im Iran und hat dort eine 27-jährige Tochter. Mit 14 Jahren wurde sie mit einem 14 Jahre älteren Mann verheiratet, der sie misshandelte. Heimlich machte sie ihr Abitur und versuchte, zu studieren. Vor ihrer Familie flüchtete sie aus dem Iran.

Im Februar 2016 begann ihr neues Leben: Ihre Flucht endete an diesem Tag in Ziegenhain. Dort will sie wie ein Schmetterling leben, „in Freiheit, ruhig und ohne Probleme“. In der Kirchengemeinde ist sie bestens integriert und die Freunde in Ziegenhain sind „ihre wirkliche Familie“.

Akrami musste ein Kopftuch tragen

Das Kopftuch ist für sie wie auch für viele andere Frauen ein Symbol der Unterdrückung. Es gebe im Iran zwei Varianten dieser Kopfbedeckung. Einmal eine Art Tuch, die locker um den Kopf gelegt wird, dann eine geschlossene, bei der nur das Gesicht zu sehen sei. Als junge Frau habe sie zufällig einmal ihren Großvater getroffen. Da hatte sie ihr Haar nur mit einem Tuch bedeckt. Ihr Großvater habe sie als unislamistisch beschimpft und ihr Hausverbot erteilt, falls sie nicht die geschlossene Hidschab trage. „Dabei ist das verhasste Stück Stoff mit Religion überhaupt nicht in Verbindung zu bringen“, sagt Mahi Akrami. Das sei nur der Wunsch der Diktatoren.

Arbeit in der Pflege

Nach ihrer Ankunft in Deutschland war sie niemals untätig, arbeitete ehrenamtlich, erhielt später eine Anstellung bei einem Sicherheitsdienst. Sie ließ sich zur Rettungssanitäterin ausbilden und arbeitete beim DRK. Vor drei Jahren begann sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Seit 1. Oktober arbeitet sie als examinierte Krankenschwester auf der Intensivstation bei Asklepios in Bad Wildungen. In Ziegenhain fällt die 42-Jährige durch ihren Kleidungsstil auf – oft figurbetont und meist grellbunt. „Das ist meine Freiheit.“

Wobei die Freiheit in Deutschland für Mahi Akrami durchaus auch Makel aufweist. Ihr wurde keine Aufenthaltserlaubnis erteilt, sie besitzt in diesem Land lediglich den Duldungsstatus. (Sylke Grede)

Kurz erklärt: Duldung

Die Duldung ist im deutschen Aufenthaltsrechts eine „vorübergehende Aussetzung der Abschiebung“ von vollziehbar ausreisepflichtigen Ausländern. Sie stellt keinen Aufenthaltstitel dar und begründet daher auch keinen rechtmäßigen Aufenthalt. Geduldete sind daher weiterhin ausreisepflichtig. Der Aufenthalt eines Ausländers wird mit der Duldung zwar nicht rechtmäßig, jedoch entfällt mit der Duldung eine Strafbarkeit wegen illegalen Aufenthalts .

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